Von Linda Reiter
"Frag mich nicht"

7. August 2003, 18:45
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Frau Christine hat ein Problem jenseits der hier bereits öfter diskutierten Schlafstörung (die als Sommerthema ausscheidet. Denn bei zehn Gelsen pro 30 Grad unter dem Leintuch kann Schlaf nicht mehr gestört werden, weil er erst gar nicht entsteht.)

Christine schreibt: Von allem und jedem wird man heutzutage aufgefordert, "seinen Träumen zu folgen" oder sich "seinen Traum zu erfüllen". Aber wie man zu seinem Traum kommt, verschweigt uns die Werbeindustrie. Ich wäre zum Beispiel wild entschlossen und sofort bereit, mir meine Träume zu erfüllen. Aber ich träume nicht! Im wachen Zustand fällt es mir unheimlich leicht, zu wissen, was ich NICHT will. Das fiele mir nämlich nicht im Traum ein. Aber um meinem wirklichen Wunschtraum zu folgen, müsste ich schon einmal einen haben und träumen, oder?

Liebe Frau Christine, ein guter Bekannter von mir ist Steuerberater. Der meint: Woran man beim Einschlafen denkt, davon träumt man. Der Traum hebt aber das Denken auf. Das heißt: Man weiß zwar am nächsten Tag oft, was man geträumt hat, aber man weiß nicht mehr, dass man unmittelbar vorher daran gedacht hat. Mein Bekannter träumt meistens von Steuern und von Frauen. Bei einer der beiden Traumarten wacht er oft schweißgebadet auf, er verrät mir aber nicht, bei welcher. Nun zu Ihnen, Frau Christine: Sie träumen nichts. Das heißt, laut Steuerberater: Sie haben beim Einschlafen an nichts gedacht. Das ist eine Leistung. Das ist eine Kunst. Sie können stolz auf sich sein. Mein Sohn ist (derzeit) Psychologiestudent. Er sagt: "Sie hat wahrscheinlich keine Wünsche." - Im Gegensatz zu meinem Sohn, der träumt auch untertags. Ich glaube aber eher, Sie leben Ihre Träume. Darum fehlen Sie Ihnen in der Nacht. Eine Freundin von mir ist Traumforscherin. Die weiß es natürlich am besten. Sie sagt: "Frag mich nicht."
Freundlichst, Linda Reiter (DER STANDARD, rondo/14/8/2003)

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