Private Politik und Politisierung des Privaten

13. August 2003, 13:23
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Tiroler oder Deutsche? Warum sich einst so viele SüdtirolerInnen dafür entschieden, ins "Deutsche Reich" zu übersiedeln

Möglicherweise entschieden sich bis zu 90 Prozent der deutschsprachigen Südtiroler 1939 dafür, ihre Heimat zu verlassen und in Hitlers "Deutsches Reich" zu übersiedeln. Warum diese Entscheidung im Rahmen der "Südtiroler Option" von so vielen Menschen getroffen wurde, hinterfragt Angela Schoibl im Rahmen ihrer Seminararbeit an der Universität Salzburg.

Tiroler oder Deutsche?

Vor allem ist es von Interesse, in wie weit die jeweiligen Beschlüsse der Optanten von politischen Erwägungen geprägt waren. Welchen Stellenwert hatten hierbei zudem private Beweggründe? Politisch nicht eingebunden oder gar Repressalien von Seiten des faschistischen Italiens ausgesetzt, konnten sich viele Südtiroler wohl nicht mehr als Tiroler, aber sehr wohl als Deutsche verstehen.

Politisches Leben versus privates Leben

Angela Schoibl zeigt auf, dass die Einteilung in "politisch" und "privat" nicht ausreicht, da beide Bereiche des Lebens nicht klar abgegrenzt von einander bestehen, sondern sowohl im Privaten politische Aktivitäten gesetzt werden, als ebenso umgekehrt Politisches durch Privates bestimmt wird.

Die Einrichtung der so genannten Katakombenschulen illustriert deutlich wie das Politische ins Private hineinspielt: Hier fand eine spezifische Form des Widerstands im nicht-öffentlichen Raum statt, um Italienisierungstendenzen entgegenzutreten. Die Gegensatzpaare müssen nach Schoibl also folglich "politisch-unpolitisch" und "öffentlich/staatlich – privat" heißen.

Propaganda – ein Bruch im Kollektiv

Da die Option offiziell eine freiwillige Entscheidung war, stellte Propaganda für und gegen das Verlassen Südtirols eine wichtige Komponente für den Entscheidungsfindungsprozess dar. Durch Flugblätter und Versammlungen, aber auch durch die Androhung und Ausübung von Gewalt versuchten zunächst die Umsiedelungspropagandisten die Anrainer zu beeinflussen.

Es kam zu ökonomischen Boykotten. Aber auch offene Gewalt war an der Tagesordnung, wenn sich diese auch oft gegen alle jene wandte, die mit "Dableibern" auch nur in Kontakt standen. Propaganda für den Verbleib in Südtirol war nur in Ansätzen vorhanden und wurde kaum gehört.

"Rasse" gegen Glauben

Vor allem der "Völkische Kampfring Südtirols" stellte die Option als Grundsatzentscheidung zwischen "deutsch" und "walsch" dar und stempelte damit alle, die bleiben wollten, zu Verrätern am deutschen "Volkstum" ab. Die wenigen Propagandisten, die zum Bleiben aufriefen, waren vor allem katholisch orientierte Vertreter des "Deutschen Verbands".

Ihre Argumentation folgte im wesentlichen der kirchlichen Linie und strich die Unvereinbarkeit des katholischen Glaubens mit der nationalsozialistischen Weltanschauung hervor. Ihre Reichweite war jedoch gering. Ohnehin hatten sich nur wenige zum Bleiben entschlossen und noch weniger für die Überzeugungsarbeit.

Individuelle Vielzahl

Die Prozesse der Entscheidungsfindung waren also einerseits von Politik und den Verhältnissen im Südtirol des faschistischen Italiens geprägt, andererseits aber auch vom Rassegedanken des nationalsozialistischen Deutschlands sowie von Propaganda und Gewalt innerhalb der Südtiroler Bevölkerung.

So bleibt es schwierig, von der Option als ausschließlich politisch motivierter Entscheidung zu sprechen. Vielmehr war für die einzelnen Entscheidungen wohl eine Mehrzahl an Gründen sowohl politischer als auch nicht privater Natur ausschlaggebend.

Die Arbeit im Volltext ist nachzulesen bei www.mnemopol.net

Die Autorin:
Angela Schoibl (Jg. 1977) schloss im April 2003 ihr Studium der Soziologie und Geschichte an der Universität Salzburg ab und ist derzeit Doktorandin der Soziologie. Ihre Forschungs- Schwerpunkte sind Nationalismustheorie, Europäische Identität und Österreichische Geschichte (Neuere Zeit/Zeitgeschichte)

Rezension von Gogo Rutkowski
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    Eine Zusammenfassung, die Probleme schuf: Trentino (gelb) und Südtirol/Alto Adige (blau)

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