Bei allem Grund zur Freude ...

3. Jänner 2000, 19:11

Kleine Relativierung einer bejubelten Frauenkarriere

Betrifft: "Kopf des Tages" anlässlich der Ernennung von Dr. Marion Kiechle zur Ordinaria für Frauenheilkunde in München, STANDARD, 24. 12. 1999
Ich möchte die in Ihrem Artikel geäußerte Freude über diese Berufung uneingeschränkt teilen und darf meinerseits betonen, dass es be-sonders wünschenswert ist, den bei weitem unterrepräsentierten Anteil an Frauen im Universitätsbetrieb im Allgemeinen und an den Medizinischen Fakultäten im Besonderen zu erhöhen.

Ich darf in diesem Zusammenhang hervorheben, dass neben Berufungen ohne Zweifel auch eine Verstärkung der Infrastruktur für an der Universität tätige Frauen einschließlich Kinderbetreuungsplätze, spezieller Fördermaßnahmen, aber auch direkter, frauenorientierter Forschung nötig sein wird, um in Zukunft die heute verbalisierten Ziele zu erreichen.

Anlass zu Widerspruch gibt jedoch die von Frau Dr. Kiechle in o. g. Kurzporträt geäußerte Meinung, dass Hausberufungen für Österreich "typisch" seien: Unter Verwendung des Internets ist es seit längerer Zeit möglich, vorgefasste Meinungen über publikatorische Aktivitäten von Wissenschaftlern im Medizinbetrieb durch die Abfrage dort erscheinender Daten zu ersetzen.

Bei Aufrufen der Homepage (www.ncbi.nlm.nih.gov/PubMed) erhält man alle qualitativ unumstrittenen wissen-schaftlichen Journale und die darin aufscheinenden Publikationen. Diese Auflistung erfolgt regelmäßig durch die amerikanischen National Institutes of Health (NIH) und kann nach Wissensgebieten, aber auch nach Namen der Autoren (im vorliegenden Fall "Kiechle-M" und "Kiechle Marion") abgefragt werden.

Hier finden wir, dass Frau Dr. Kiechle in der Zeit von 1986 bis '99 zwölf wissenschaftliche Arbeiten publiziert hat. Bei keiner dieser Publikationen scheint sie als Erstautorin auf, was ein in der Wissenschaft anerkannter Parameter zur Verifizierung des Ausmaßes eigenständiger wissenschaftlicher Tätigkeit ist.

An der Medizinischen Fakultät der Universität Wien könnte mit einem derartigen wissenschaftlichen Opus nicht die Habilitation erreicht werden. Der Erstgereihte für Frauenheilkunde an der Innsbrucker Fakultät - ähnlichen Alters wie Frau Dr. Kiechle - weist hingegen 145 (!) Publikationen auf, davon zahlreiche Erst- und Seniorautorschaften in überwiegend hochwertigen internationalen Zeitschriften. Die Wiener "Hausberufenen" des gleichen Fachgebietes weisen zwischen 174 und 189 Arbeiten in wissenschaftlichen Journalen von anerkannter Qualität auf.

Nun gilt es nicht, die Qualität von Frau Dr. Kiechle zu schmälern, die zu ihrer Ernennung in München geführt hat, nachdem sowohl die dortige Fakultät in ihrer Reihung als auch der Minister bei seiner Berufung sicher objektive Kriterien und die lokale Situation sowie die Person der Bewerberin in ihre Beurteilungen einfließen ließen.

Allerdings muss man angesichts der erwähnten Fakten darauf bestehen, dass Frau Dr. Kiechles Hinweis auf die "typischen" österreichischen Hausberufungen wohl eher als persönliche Meinung einer für österreichische Verhältnisse wissenschaftlich nur bescheiden ausgewiesenen Dame aufgefasst werden.

Univ. Prof. Dr. Christoph Zielinski, Onkologe am AKH und Vizedekan UOG 93 der Medizinischen Fakultät der Universität Wien

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