Wahnsinnige Kalifornier

21. August 2003, 01:45
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... himmlische Chöre und alte Luder auf Erfolgskurs: Neue Alben von The Mars Volta, Liz Phair und The Polyphonic Spree

THE MARS VOLTA
De-Loused In The Comatorium

(Universal)
Cedric Bixler und Omar Rodriguez-Lopez aus San Diego wüteten einmal in der besten Liveband dieses Planeten. Mit At The Drive-In führten sie die Tradition des US-Hardcores nicht nur ins dritte Jahrtausend, sondern auch in verspieltere und musikalisch ambitioniertere Bereiche, ohne dabei die Wucht und den Druck außer Acht zu lassen. Mit The Mars Volta und diesem wahnsinnigen und überbordenden Debüt ihrer neuen Band wagt man sich nicht nur an das historische Unding eines Konzeptalbums. Dieses kreist um den Drogentod eines gemeinsamen Freundes. Unter Mithilfe von Bassist Flea von den Red Hot Chili Peppers und Rick Rubin entstand eine explosive Mischung aus Free-, Hard- und Prog-Rock, lyrischen Momenten und aggressivem Durchknallen. Eine Herausforderung.

LIZ PHAIR
Liz Phair
(EMI)
Mit Exile In Guyville und Whip-Smart war die Sängerin aus Chicago 1993 und '94 ein der großen Hoffnungen des US-Indie-Rock. Zählte Liz Phair doch mit ihren provokativ-pornographischen und sarkastischen Texten damit zu den Vorreiterinnen eines selbstbestimmten "Schlampen-Rock", der vor allem auch als neue Form des Feminismus gelesen werden musste. Nachdem bereits ihr drittes Album, das 1998 erschienene whitechocolatespaceegg, etwas uninspiriert und mehr dem Handwerk als der Kunst verpflichtet ausgefallen war, kommt nach Phairs mehrjähriger Babypause jetzt der große Schock. Liz Phair klingt nicht nur in ihren Texten trotz gleich gebliebener Thematik weitaus handzahmer als vor zehn Jahren (Rock Me). Auch musikalisch wird hier mit einer Schnittmenge aus Avril Lavigne und Sheryl Crow schlimmster Mainstream-Rock vorgelegt. Von der gesellschaftlichen Sprengkraft her gesehen: ungefähr so umstürzlerisch wie eine Folge von Sex And The City. Und die Serie wurde bekanntlich von einem Mann konzipiert.

THE POLYPHONIC SPREE
The Beginning Stages Of ...
(Warner)
Vor einigen Monaten schon haben wir von diesem fabelhaften US-Chor im STANDARD berichtet. Bis dato konnte man das himmlische Debütalbum dieser Les Humphries-Singers des Alternative Rock nur als Import erwerben. Jetzt liegt das im Vorjahr in nur drei Tagen als Demo-Band aufgenommene Werk regulär in Österreich vor. 25 Männer und Frauen jagen unter der Leitung ihres Leadsängers Tim DeLaughter mit optimistischen und lebensbejahenden Songs wie Have A Day, It's The Sun oder Light & Day/ Reach For The Sun und einer hymnischen und mitunter an Rhythmus-Messen erinnernden Musik, die mit Chorgesang, Pauken und Trompeten vor allem auch an die Flaming Lips, Mercury Rev und selbstverständlich an die Beach Boys erinnert, wohlige Schauer über ... Na, egal, jedenfalls wohin man will. Warum soll man immer nur den Bekehrten predigen? (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.8.2003)

  • LIZ PHAIR Liz Phair (EMI)
    foto: emi

    LIZ PHAIR
    Liz Phair
    (EMI)

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