Wohnen im Granatapfel

29. September 2003, 09:41
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Die harte Schnittstelle zwischen öffentlich und privat in den arabischen Gesellschaften äußert sich in einer besonders behaglichen Wohnkultur. Wenn nur Napoleon zu Hause geblieben wäre

Wenn sie denn gerade Elektrizität haben, finden im Sommer 2003 viele Iraker und Irakerinnen ein Vergnügen darin, sich Saddam-Videos aus den 80ern hineinzuziehen, es gibt aber auch frühere Filmchen, Mama und Papa Saddam mit fröhlicher Kinderschar rund um den Speisezimmertisch, auch die späteren Mordsbuben noch ganz manierlich. Auf die Möblage schauen die irakischen Zuseher, anders als ich, wohl nicht, die ist ihnen vertraut, sowohl die "Wir sind eine ganz normale Familie"-Ausstattung als auch die "Staatsmöbel" - und was dazwischen liegt, trifft den vorherrschenden Geschmack ziemlich genau. Auch in jener Weltgegend gibt es "Stil"-Möbel, also solche, die sich mit der Formensprache vergangener Zeiten und anderer sozialer Schichten schmücken, aber da man dort eben noch weiß, wo Gott wohnt, holt man sich die Anregungen nicht wie bei uns aus der Bauernkate, sondern von oben, etwa aus dem Schlafzimmer von Ludwig XV. und dessen Nach- fahren.

Jetzt erlaube auch ich mir einmal ein paar Stereotypen: Ich behaupte, dass ein bürgerlicher arabischer Mensch eines gewissen Standes Kreuzschmerzen bekommt, wenn der Stuhl, auf dem er sitzt, nicht Fünfte-Barock- oder Sechste-Rokoko-Schnörksel aufweist, Goldfarbe erwünscht (vielleicht Gold auf Weiß?). Ich behaupte weiters, dass ein vielleicht aus der arabischen Kalligrafie übertragener Horror Vacui, die Angst vor der Leere, bürgerliche arabische Menschen dazu veranlasst, möglichst alle freien Flächen in ihren Wohnungen mit Kramuri vollzustellen - dorthin verkauft der Swarovski alle seine Kristallviecher. Zweckgegenstände werden behübscht, ja allegorisiert - von der Kleenexschachtelhüllenkultur, von samten (mit Goldbordüre) bis silbern, hätten die Klopapierrollenhauberlstrickerinnen (Sie erinnern sich, für die Hutablage im Auto) unserer Kindheit etwas lernen können. Und dann behaupte ich auch noch, dass - wahrscheinlich durch die fehlende Tradition in der bildenden Kunst - ein Hang zu Schinken an bürgerlichen arabischen Wohnzimmerwänden feststellbar ist, der den hiesigen zu röhrenden Hirschen bei weitem übertrifft.

Das stimmt natürlich alles gar nicht. Die Araber, und da erst recht die Vorfahren der Iraker, haben schon in gut eingerichteten städtischen Wohnungen gewohnt, als wir noch als fröhliche Heiden durch den Wienerwald tollten. In einer harten und kargen Umgebung haben sich auch die Beduinen ihren Anteil an der Schönheit geholt, ihre Farben, das leuchtende Rot der Textilien inmitten der verbrannten Wüste wie das luxuriöse Innere eines nach außen abweisenden Granatapfels.

Die harte Schnittstelle zwischen Öffentlichem und Privatem in den arabischen Gesellschaften - in einem autoritären Staat wie dem irakischen noch viel stärker - hat die Menschen, zumal die Frauen, nach innen leben lassen: Wohnungen werden da sehr wichtig - und sie sind im Allgemeinen nicht nur gemütlich, sondern auch würdig und geschmackvoll eingerichtet und werden durch die Wärme und Gastfreundschaft ihrer Bewohner noch viel schöner. Über das arabische Kunsthandwerk, die Teppiche, so vieles andere brauche ich nun wirklich nichts zu sagen, da genügt es, mein Bankkonto anzuschauen, wenn ich von einer Reise zurückkomme. Es gibt arabische Länder, allen voran Marokko, da ist noch der letzte Touristenramsch ästhetisch, schön. In Bagdad habe ich vor ein paar Jahren auf dem Markt eine kitschige Schale mit dem Porträt des 1958 ermordeten König Faisal II. gekauft (ich dachte mir, aha, jetzt dauert es nicht mehr lang - aber dann hat es leider doch noch die Amerikaner gebraucht). In den Sanktionsjahren, die gerade den Mittelstand in die Verelendung trieben, ist so viel irakischer Hausrat, darunter Ziergegenstände, auf den Märkten gelandet, dass sich auch die Ausländer, die keinen Zugang zu Privatwohnungen hatten - also die meisten -, ein Bild machen konnten. Wie bei den Möbeln war da das europäische Ideal zu erkennen, die Neuzeit, die Napoleon bei seiner Landung in Ägypten mitgebracht hatte - und deren äußerliche Anzeichen nach seinem Abzug quasi eingefroren wurden. Gegen den Geist der Moderne wehrte man sich mit Religion, gegen das sinnliche Bild der Orientalisten mit europäisch dekorierter Bürgerlichkeit, gegen die eigenen Despoten mit einem ewigen, durch die Revolutionen jeweils nur kurz unterbrochenen inneren Biedermeier. Was die Landung des amerikanischen Napoleon für die arabischen Wohnzimmer bedeutet, ist noch nicht abzusehen. In Bagdad sitzt man momentan noch im Finsteren. (DerStandard/rondo/Gudrun Harrer/14/08/03)

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