Wenn ein Bildschirm Snacks anbietet

20. August 2003, 08:49
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IBM entwickelt Supermarkt der Zukunft

Irgendwo in der Putzmittelecke läuft derzeit in vielen Supermärkten immer wieder der gleiche Werbefilm auf einem kleinen Fernsehapparat: Wen die Lobeshymne auf einen Teppichsaubermacher oder ähnliche Dinge nicht interessiert, der geht daran achtlos vorbei. Das soll in Zukunft anders werden, wenn es nach Moshe Rappoport von den IBM-Forschungslabors in Rüschlikon bei Zürich geht. Ein großer Flachbildschirm sollte dann dank intelligenter Systeme dahinter "mitdenken und erkennen", ob ein Mann oder eine Frau vor ihm steht und in welchem Alter ungefährt diese Person ist. Daraufhin wird automatisch ein entsprechender, für die Zielgruppe bestimmter Werbefilm gezeigt - allerdings nicht auf eine bestimmte Produktsorte wie Putzmittel beschränkt.

Persönlicher Kontakt

Rappoport will damit die persönliche Kundenbetreuung wieder zurück in den modernen Einzelhandel bringen. "Die Vorteile des kleinen Greißlers sind uns verloren gegangen. Damals kannte der Verkäufer noch jeden Einzelnen und auch dessen Vorlieben und konnte so ganz spezifische Angebote machen." Dass das in Verbindung mit neuen Technologien den Beigeschmack hat, als Kunde beobachtet zu werden, kann er nicht verstehen: Es sei für das gezielte Marketing nicht wichtig zu erkennen, wer genau vor dem Schirm steht, sondern welche Zielgruppe. Nach dem selben Grundprinzip wolle man auch "Face Expression Tracking" einführen: Es gehe darum, die Mimik des Käufers beim Betrachten der Regale oder der Schaufenster zu erkennen und danach eventuell Änderungen in der Präsentation vorzunehmen.

Für Marketingzwecke kann auch die von verschiedenen Anbietern bereits präsentierte Technologie Radio Frequency Identification (RFID) genützt werden. Jedes Produkt wird mit einem Mikrochip, einem Nachfahren des Strichcodes, versehen, sodass man im Supermarkt jederzeit weiß, wo es sich befindet. Das erleichtert nicht nur den Überblick bei der Lieferung oder Inventur, es könnte auch in Verbindung mit dem intelligenten Flachbildschirm eine neue Werbemöglichkeit eröffnen: wenn das System mittels RFID etwa erkennt, dass bereits Softdrinks im Einkaufswagen liegen, und dazu passende Produkte (Chips) anbietet.

Rappoport glaubt, dass durch die neuen Entwicklungen die langen Warteschlangen an wenigen geöffneten Kassen der Vergangenheit angehören. Die Technologie würde erkennen, wie viele Wagen unterwegs sind, und berechnen, wie lange sie etwa bis zum Ausgang brauchen, um rechtzeitig Unterstützung für die Kassakräfte zu schicken. Mit RFID ist ja Bezahlen per Funk bereits möglich. Die Kunden gehen mit einer Kundenkarte durch einen Check-out, der zu bezahlende Betrag wird automatisch berechnet und vom Konto abgebucht. Im Future Shop der Metro AG in Rheinberg in Deutschland wurde RFID für Inventurzwecke bereits realisiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2003)

Von Peter Illetschko aus Rüschlikon.

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IBM Zurich Research Laboratory

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