Argentinien: "Priester des Todes" als Folterkomplize?

15. August 2003, 15:35
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Der Fall De Wernich führt zu heftiger Debatte über die Haltung der katholischen Kirche während der Militärdiktatur

Buenos Aires - Der Fall des früheren Polizeiseelsorgers Christian de Wernich hat in Argentinien zu einer heftigen öffentlichen Debatte über die Haltung der katholischen Kirche während der Militärdiktatur (1976-1983) geführt. De Wernich musste in der Vorwoche unter dem Verdacht der Beteiligung an Menschenrechtsverbrechen vor der "Wahrheitskommission" in der Provinzhauptstadt La Plata erscheinen. Auf die Fragen des Richters berief sich der Priester lächelnd auf sein "Schweigerecht"; daraufhin verfluchten ihn Angehörige der Opfer im Gerichtssaal feierlich, bewarfen ihn laut Kathpress mit Joghurtbechern und versuchten ihn zu schlagen. De Wernich wurde in Haft genommen; ein Bundesrichter ordnete aber anderntags seine Freilassung an.

Im einzelnen wurde De Wernich beschuldigt, im Jahr 1977 indirekt am Tod von sieben jungen Leuten beteiligt gewesen zu sein, die von den Schergen des Junta-Präsidenten Videla verhaftet worden waren. De Wernich habe sich das Vertrauen der Opfer erschlichen und ihnen belastende Informationen entlockt. In Gesprächen habe er sich gebrüstet, die sieben junge Leute "für ihre Sünden büßen zu lassen", sagte die Menschenrechtsanwältin Alicia Peralta. Der "Spitzname" De Wernichs habe "Priester des Todes" gelautet. Der Polizeiseelsorger sei regelmäßig in einem Kommissariat gesehen worden, das insgeheim auch als Folterzentrum diente. Auch soll er bei der Ermordung von drei politischen Gefangenen anwesend gewesen sein.

Nach Schätzungen von Menschenrechtsexperten wurden während der von Washington gestützten Militärdiktatur in Argentinien rund 30.000 Menschen getötet. Der neue argentinische Präsident Nestor Kirchner will mit der Ratifizierung der UN-Konvention über Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit die Gewalttaten der Militärjunta für unverjährbar erklären lassen. Kirchner habe seinem Außenminister Rafael Bielsa eine entsprechende Anweisung erteilt, sagte Justizminister Gustavo Beliz vor Journalisten in Buenos Aires. Gesetze aus den achtziger Jahren, in denen die junge Demokratie auf Druck der Militärs den Ex-Machthabern eine weitgehende Amnestie zusicherte, würden damit gegenstandslos. Der UN-Konvention von 1968 zufolge sind Verjährungsvorschriften nicht auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit anwendbar.

In der Diskussion um die Verjährung der Verbrechen hat sich auch der argentinische Priester Rafael Braun zu Wort gemeldet, der mit der niederländischen Prinzessin Maxima besonders verbunden ist. Braun hatte bei der Hochzeit der geborenen Argentinierin mit dem niederländischen Kronprinzen Willem-Alexander die Schriftlesung gehalten. Zusammen mit dem Politologen Carlos Floria nahm der Priester in der führenden argentinischen Zeitung "La Nacion" gegen die Bestrafung von Verbrechern aus den Reihen von Polizei und Militär während der Militärherrschaft Stellung. Insbesondere wandte sich der Priester gegen die Aufhebung des Verbots der Auslieferung von Verdächtigen aus der Junta-Zeit.

Braun hatte von 1978 bis 1995 die Chefredaktion des argentinischen Monatsblatts "Criterio" inne. Kritiker werfen ihm vor, in dieser Zeit immer wieder Lob für Videla ins Blatt gerückt zu haben. (APA)

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