Blockade-Kultur in Serbien

13. August 2003, 16:53
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Winzer und Tabakbauern wollen Geld vom Staat und sperren Straßen

Belgrad/Wien - Straßenblockaden sind der Sommerhit in Serbien. Wer unzufrieden ist, wem etwas auf dem Herzen liegt, wer mehr Geld haben oder weniger Steuern zahlen möchte, stellt sich auf die Straße und blockiert den Verkehr. Die Polizei schaut zu, denn Straßenblockaden haben sich bisher als ein erfolgreiches Druckmittel gegen die Regierung gezeigt, die es nicht wagt, die Polizei einzusetzen, um angesichts des Wahljahrs nicht mit dem Milosevic- Regime verglichen zu werden.

Bereits seit einer Woche sperren rund 200 Winzer immer wieder die Autobahn Zagreb-Belgrad bei Sid, eine Strecke, die Westeuropa über Griechenland mit der Türkei und dem Nahen Osten verbindet. Sie sind unzufrieden über eine Entscheidung des Handelsgerichts über die Privatisierung des Bauernguts "Erdevik" und üben Druck auf die serbische Justiz aus. Seit Dienstag gaben sie eine Fahrspur frei, sollten sie jedoch nicht bekommen, was sie wollen, soll am Donnerstag die Autobahn der "Brüderlichkeit und Einigkeit", wie sie vor dem Bürgerkrieg hieß, wieder ganz gesperrt werden.

"Durch dieses verdammte Land fahre ich nie wieder", sagte ein wütender, schwitzender türkischer Gastarbeiter aus Deutschland in die Kameras eines lokalen TV-Senders. Die Umleitung führt über Dorfstraßen und Ackerfelder - ohne Wegweiser und teilweise ohne Asphalt.

Polizei schaut zu

Eine der wichtigsten Brücken in der Region über den Fluss Save bei dem Ort Sabac besetzen schon seit Wochen unzufriedene Tabakbauern, weil ihnen Tabakhändler den Preis für die Ernte des Vorjahres schuldig geblieben sind. Demonstranten bestimmen, wer die Brücke passieren darf. Die Polizei schaut auch hier nur zu.

Es soll aber noch schlimmer werden. Arbeiter des Belgrader Unternehmens "Ivan Milutinovic" drohen, mit Baggern und Maschinen zur Flussreinigung die Donau bei Belgrad für die Schifffahrt zu sperren. Es sei denn, die Regierung macht rund eine Million Euro für das bankrotte Unternehmen locker.

Besonders bedrohlich sind die für Donnerstag angesagten Straßenblockaden im Norden der Vojvodina. Alle Grenzübergänge nach Ungarn sollen gesperrt werden. Unzufriedene Bauern fordern unter anderem staatliche Unterstützung aus Belgrad für die Dürreschäden. Auch niedrigere Preise für Kunstdünger und ein höherer Abnahmepreis für die Ernte stehen auf der Wunschliste der Bauern.

Die Arbeitslosigkeit in Serbien liegt bereits bei mehr als 50 Prozent. Die Regierung befürchtet aber eine Kettenreaktion neuer Forderungen im Land, sollte sie den Blockierern nachgeben.(DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2003)

Von Andrej Ivanji
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