Belgrad sucht Klärung von Morden im Auftrag des Staates

15. Jänner 2014, 19:10
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1999 wurde der Journalist Slavko Ćuruvija ermordet - Nach 15 Jahren wurden nun Exgeheimdienstler verhaftet

Ostersonntag, 11. April 1999. Die Nato intensiviert die Luftangriffe auf Serbien. Die Tage verlaufen im Takte des Fliegeralarms. Es herrscht Kriegszustand. Der Journalist und Herausgeber von ­Dnevni Telegraf und Evropljanin ("Europäer"), Slavko Ćuruvija, wird von gleichgeschalteten Medien als Verräter und Natosöldner gebrandmarkt. Er hatte sich gegen das wild gewordene Regime aufgelehnt. Er ist sich der Gefahr bewusst. Er weiß aber nicht, dass ihn seit Tagen der Geheimdienst verfolgt.

Am späten Nachmittag steht er mit seiner Lebensgefährtin Branka Prpa vor seinem Haus im Zentrum Belgrads. Zwei Männer überfallen sie. Der eine schlägt Branka mit dem Kolben einer Pistole auf den Kopf. Sie wird ohnmächtig. Der andere feuert aus einer Skorpion M-84 siebzehn Kugeln auf Ćuruvija ab. Die Wunden sind tödlich. Es war einer von dutzenden Morden, die der serbische Staat in den 1990er-Jahren an eigenen Bürgern begangen hatte. Der Journalist Ćuruvija wird eines der Symbole der mörderischen Zeiten. Es schien, dass seine Mörder ungeschoren davongekommen sind.

Späte Verhaftungen

Nun kommt es fast fünfzehn Jahre später zum Durchbruch. Serbiens Staatsanwalt für das organisierte Verbrechen Miljko Radisavljević verkündet am Dienstag die Namen der mutmaßlichen ­Täter: Ratko Marković, damaliger Chef des serbischen Sicherheitsdienstes DB, der schon wegen ­anderer Verbrechen 40 Jahre im Gefängnis absitzt; Milan Radonjić, zur Zeit der Ermordung von Ćuruvija Chef des Belgrader DB, und der Beamte des Sicherheitsdienstes Ratko Romić – beide nun in Belgrad verhaftet. Der Vierte, ebenfalls Beamter des Sicherheitsdienstes, Miroslav Kurak, der auf Ćuruvija geschossen haben soll, befindet sich auf der Flucht. Er ist Safariführer in Tansania.

Die Staatsanwaltschaft bestätigte somit erstmals, was "alle gewusst" haben: Im Auftrag des serbischen Staates sind während der Herrschaft Slobodan Miloševićs, der im Gefängnis des Uno-Tribunals für Kriegsverbrechen gestorben ist, Morde begangen worden. Im "Fall Ćuruvija" führt die Spur direkt zu Miloševićs Gattin Mira Marković, die sich im Asyl in Russland befindet. Ćuruvija war ihr Busenfreund, bis sie sich von ihm verraten fühlte. Die Suche nach den Auftraggebern wird fortgesetzt. Der Kronzeuge im Fall ­Ćuruvija ist noch so ein Relikt aus Zeiten, von denen sich Serbien reinwaschen möchte: Milorad Ulemek, genannt "Legija", ehemaliger Kommandant der serbischen Sondereinheit Rote Beretta, der wegen der Ermordung von Reformpremier Zoran Djindjić im Jahr 2003 zu 40 Jahren Haft verurteilt worden ist. Es wurde bis heute nicht geklärt, wer die Auftraggeber waren.

Nie wieder

"Zwei weitere Zeugen bestätigten Ulemeks Aussage", erklärte der Vizepremier und Koordinator der Sicherheitsdienste Aleksandar Vučić. Der starke Mann Serbiens bekräftigte, dass Morde wie der von Ćuruvija nie wieder geschehen würden und "niemand für begangene Verbrechen ungeschoren davonkommen würde". Beobachtern fiel die Abwesenheit von Ministerpräsident und Innenminister Ivica Dačić bei der spektakulären Pressekonferenz auf.

Am 21. Jänner beginnt Serbien Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union. Großen Verdienst dafür haben dieselben ­Leute, unter deren Führung die ­Ermordung von Ćuruvija endlich (fast) aufgeklärt worden ist: Vizepremier Aleksandar Vučić, an jenem April 1999 Informationsminister Miloševićs; Premier Ivica Dačić, damals Sprecher von Miloševićs Sozialistischer Partei Serbiens (SPS); und Staatspräsident Tomislav Nikolić, der früher wiederholt erklärte, dass ihm die Ermordung von Ćuruvija "nicht leidtat". Das war, bevor er den proeuropäischen Kurs einschlug. (Andrej Ivanji aus Belgrad, DER STANDARD, 16.1.2014)

  • Serbiens Vizepremier Aleksandar Vučić: heute starker Mann der Regierung, 1999 Slobodan Miloševićs Informationsminister. 
    foto: ap/vojinovic

    Serbiens Vizepremier Aleksandar Vučić: heute starker Mann der Regierung, 1999 Slobodan Miloševićs Informationsminister. 

  • Milošević-Kritiker Slavko Ćuruvija wurde 1999 in Belgrad ermordet.
    foto: ap / pedja milosavljević

    Milošević-Kritiker Slavko Ćuruvija wurde 1999 in Belgrad ermordet.

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