Die böse Lebensmittelspekulation ist ein Mythos

Blog16. Jänner 2014, 05:30
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Die neue EU-Regulierung des Rohstoffhandels bringt wenig: Investoren machen Nahrungsmittel nicht teurer

Die neuen Regeln für die Finanzmärkte, auf die sich die EU-Kommission, Mitgliedsstaaten und das Parlament geeinigt haben, bringen einige Fortschritte. Vor allem der leichtere Zugang zu Clearinghäusern sollte den Handel in der EU transparenter machen. Die Auflagen für den Hochfrequenzhandel sind zwar grundsätzlich begrüßenswert, dürften aber in der Realität nicht viel bewirken.

Worüber sich Banker und viele Experten aber am meisten wundern, sind die neuen Positionslimits für Rohstoffhändler, mit denen die Spekulation in Erdöl und Nahrungsmitteln eingedämmt werden soll. Diese Regelung dürfte auf Druck jener Stimmen in der Zivilgesellschaft und der Medien zustande gekommen sein, die im internationalen Handel mit Ölfutures die Ursache für steigende Energiekosten sehen – und im Handel mit Nahrungsmittelkontrakten den Grund für Hunger in der Dritten Welt.

Dieser weit verbreiteten und mit viel emotionalem Engagement formulierten Meinung liegt ein grundlegendes Missverständnis zugrunde. Spekulation – also der Handel mit Finanzprodukten in der Hoffnung auf einen kurzfristigen Gewinn – kann Preisbewegungen manchmal verstärken. Genauso oft aber helfen diese Händler, die Preise zu stabilisieren und allzu große Ausschläge zu verhindern.

Wie der Wind beim Meeresspiegel

Und auf die längerfristige Preisentwicklung etwa bei Weizen, Soja oder Reis haben die Finanzmärkte überhaupt keinen Einfluss. Wenn Lebensmittel in armen Ländern so teuer werden, dass die Ärmsten hungern müssen, dann liegt das an steigender Nachfrage, Dürre oder einer verfehlten Agrarpolitik, die einer ausreichenden Produktion im Wege steht. Spekulation trägt dazu genauso wenig bei wie der Wind zum Steigen der Meeresspiegel.

Investoren wollen mit ihren Deals einen Gewinn machen. Das können sie aber nur, wenn sie Preistrends richtig voraussagen. Wenn es Anzeichen für eine Verknappung gibt, werden sie auf höhere Preise spekulieren – und damit den Anstieg beschleunigen. Aber gekommen wäre diese Bewegung ohnehin.

Sobald der Markt aber überschießt, beginnen die Spekulanten auf einen Preisrückgang zu wetten und tragen durch ihre Aktivitäten auch dazu bei. Tun sie es nicht, werden sie bald auf dem falschen Fuß erwischt und erleiden Verluste.

Wetten auf fallende und steigende Preise

Der Handel in Futures und anderen Derivaten findet jedenfalls immer auf beiden Seiten statt. Spekulanten setzen genauso oft auf fallende wie auf steigende Preise - und Nahrungsmittelpreise sind in den vergangenen Jahren nicht nur gestiegen, sondern auch gefallen.

Um den Aufschrei mancher NGOs, die aus der Anklage der Lebensmittelspekulation ein Ritual gemacht haben, vorwegzunehmen: Was ich hier sage, dient nicht der Verteidigung der Interessen von Spekulanten, sondern folgt allein der ökonomischen Logik.

Der Anstieg im Handelsvolumen bei Nahrungsmittel-Derivaten seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts hat die Preise nicht steigen lassen, der Ausstieg vieler Banken aus diesem Sektor – auf öffentlichen Druck – hat Essen nicht billiger gemacht.

Zwar hat auch die US-Notenbank Federal Reserve diese Woche massive Bedenken gegen Rohstoffspekulationen der Banken geäußert. Aber in ihrer Stellungnahme ging es um die Folgen von großen und riskanten Rohstoffinvestments wie dem Kauf von Tankern für die Stabilität der Kreditinstitute und nicht um die Auswirkungen auf die Märkte. Das ist eine legitime Sorge, hat aber mit den üblichen Vorwürfen gegen Lebensmittelspekulanten nichts zu tun.

Keine Gewinne durch künstlichen Preisschub

Auch die Gefahr, dass einzelne Spieler gewisse Rohstoffmärkte "cornern", also durch die Bildung riesiger Positionen einen künstlichen Preisschub verursachen, ist eher gering. Wer es bisher versucht hat, etwa im Silbermarkt, hat stets große Verluste erlitten. Große, liquide Märkte lassen sich viel weniger leicht manipulieren, als es gerne behauptet wird.

Es gibt viele gute Strategien gegen den Hunger in der Welt. Die Eindämmung des Rohstoffhandels gehört nicht dazu. (Eric Frey, derStandard.at, 16.1.2014)

  • Eine Demonstration gegen Nahrungsmittelspekulation vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Manche Banken sind aus dem Geschäft ausgestiegen.
    foto: epa/brakemeier

    Eine Demonstration gegen Nahrungsmittelspekulation vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Manche Banken sind aus dem Geschäft ausgestiegen.

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