Vordernberg: Eröffnung mit Knappen und Aktivisten

15. Jänner 2014, 18:53
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Das Schubhaftzentrum im steirischen Vordernberg wurde am Mittwoch nach knapp zwei Jahren Bauzeit eröffnet. Ab 20. Jänner werden die ersten Flüchtlinge dort auf ihre Abschiebung warten. Proteste gegen Deportationen begleiteten die Eröffnungszeremonie

Vordernberg/Leoben - Im Café "Am Schauplatz" herrscht am Mittwochmorgen schon Betriebsamkeit und ausgelassene Stimmung. Ob die Semmeln frisch seien, fragt eine Kundin die Kellnerin. Aber klar, gibt die zurück, alte habe sie keine. "Die alten san für die Schubhäftlinge", ruft ein Einheimischer an der Theke, "damit können s' ihre Zähn' putzen." Schallendes Gelächter im Lokal.

In einer halben Stunde soll das Anhaltezentrum Vordernberg, das unmittelbar hinter dem Café liegt, eröffnet werden. Ein paar Politiker und Beamte aus der zweiten Liga haben sich angesagt, niemand, den man wirklich kenne, sagt ein Gast. Sein Sitznachbar meint nur: "Die Glawischnig von den Grünen soll net kommen, die schieben wir als Erste ab!" Wieder Gelächter.

Haben oder nicht haben

"Es gibt auch unter den Österreichern schlimme Finger", meint später die Wirtin im Gespräch mit dem STANDARD, sie habe jedenfalls keine Angst vor den Schubhäftlingen, die hier ab 20. Jänner "in Gewahrsam sein werden". Ihr Café, das sie seit sieben Jahren hier betreibt, habe durch die Arbeiter von der Baustelle profitiert. "Und im Ort 100 Arbeitsplätze haben oder net haben, is' auch keine Kleinigkeit, vor allem bei uns. Alle Jungen gehen nach Wien oder Graz, wir sind ja total überaltert."

Ob ein Schubhaftzentrum eine gute Sache sei, wisse sie nicht, aber: "Wenn sie es nicht bei uns bauen, bauen sie es woanders."

Das viele Glas am nagelneuen Gebäude reflektiert an diesem Vormittag die umstehenden Berge und den blauen Himmel besonders stark. Drinnen stehen Polizisten, Bergknappen und eine Musikkapelle auf eleganten dunkelgrauen Spannteppichen stramm. Polizeisprecher Joachim Huber führt durch den Begrüßungsreigen und beginnt mit einem Zitat Franz Kafkas: "Wege entstehen dadurch, dass man sie geht."

"Zwischenstopp in Kette"

Draußen haben derweil etwa 30 Demonstranten den Weg vor das Gefängnis, wie sie es lieber nennen, gefunden. Es sind Teile der Bewegung Refugee Camp und andere Gruppen. "Scheiße schön verpackt", steht auf einem Transparent. Vordernberg sei "nur ein Teil des Systems und nur ein Zwischenstopp in einer Kette von Lagern der Exklusion, an dessen Anfang, aber auch Ende oft der Tod" stehe, heißt es im Text, den sie jenen, die sie aus der Türe lassen, in die Hand drücken. Ein pyrotechnischer Gegenstand wird geworfen, richtet aber nichts an. Aktivisten und Polizei halten einander mit Sitzblockaden und Einkesselungen einige Stunden ohne gröbere Zwischenfälle in Schach.

Drinnen ist der Bürgermeister von Vordernberg, Walter Hubner, am Wort. Er erzählt von fünf Jahren, an deren Anfang für ihn 2009 viele Gespräche mit "emotionsgeladenen Bürgern" standen, die schließlich per Volksbefragung zu 70 Prozent für das Anhaltezentrum im Ort stimmten. Auch unerwartete Hürden wie die Verlegung eines Ameisenhaufens durch den Ameisenbeauftragten des Landes galt es zu nehmen.

Polizeigeneraldirektor Konrad Kogler gießt als Redner den Nutzen, den Vordernberg vom Schubhaftgefängnis hat, in Zahlen: 13 Millionen Euro Wertschöpfung, 180 Jobs, 68 davon bei der umstrittenen Sicherheitsfirma G4S. Ein Umstand, vor dem die Grünen am Mittwoch nochmals warnen: Eine Privatisierungswelle im Flüchtlingsbereich sei gefährlich.

Ab 15 Uhr ist das Haus dann exklusiv für einen Rundgang für Einheimische geöffnet - ohne Ehrengäste. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 16.1.2014)

  • Die Polizei kesselte Aktivisten vorübergehend ein. 
    foto: apa/scheriau

    Die Polizei kesselte Aktivisten vorübergehend ein. 

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