Disney-Channel startet mit Hüftschwung

15. Jänner 2014, 17:32
22 Postings

Mit "Steamboat Willie" und "Aristocats" startet Disney Freitag einen deutschen Kinder- und Familiensender. Kenner sehen die Erfolgschancen skeptisch: Der Markt scheint voll, die Nutzung der Zielgruppe an den Fernsehgeräten hat längst den Plafond erreicht

Wien - Am ersten Sendetag spielt Disney Katz und Maus: Freitag, pünktlich um sechs Uhr früh pfeift Micky Maus in Steamboat Willie am Schiffsrad mit Hüftschwung seine fröhliche Melodei. Am Abend streunen die eleganten Aristocats durch die Straßen von Paris. Der allererste Auftritt von Micky Maus vor 86 Jahren und der abendfüllende Klassiker mit den schmusigen Edelkatzen stehen am Beginn des neuen Unterhaltungssenders auf dem Programmplatz.

91 Jahre nach Gründung der Walt Disney Company versucht sich der traditionsreiche US-Entertainmentriese erstmals im deutschsprachigen Kinder-TV-Markt. Tagsüber spielt Disney Programm für die Kleinsten aus seinem Fundus, darunter viel Zeichentrick von Micky Maus und Donald Duck bis zu American Dragon und Phineas und Ferb. Abends soll sich die ganze Familie bei Allzeitschlagern wie Der Vater der Braut (Freitag, 20.15 Uhr) und neuen Originalserien, etwa New in Paradise (montags, 20.15 Uhr) un­terhalten.

Die Freude ist nicht ungeteilt: Während Zuschauer einen Kanal mit verlässlichem Mainstream erwarten dürfen, ist mancher Mit­bewerber wenig entzückt. Allen voran Super RTL, an dem Disney weiterhin zur Hälfte beteiligt ist. Nichtsdestotrotz zog der US-Konzern einen Gutteil seines Programms vom Bertelsmann-Sender ab. Super RTL trauerte nur kurz, klopfte stattdessen umgehend bei der Konkurrenz an, und die ließ sich nicht lange bitten: Dreamworks und Warner schnürten satte Programmpakete. Dreamworks überließ Super RTL gar Merchandising-Rechte an Blockbustern.

Der Markteintritt erfolgt mit Pomp und großem Werbebudget. Disney strahlt über die Frequenz aus, die Das Vierte bisher belegte und kommt auf eine technische Reichweite von 93 Prozent aller Haushalte in Österreich, Schweiz und Deutschland. Bezüglich der Erfolgsaussichten sind Kenner dennoch skeptisch. ORF-Serienchefin Andrea Bogad-Radatz etwa hat so ihre „Zweifel, ob der deutsche Sprachraum auf einen weiteren Free-TV-Sender gewartet hat."

320 Kindersender in Europa

Die lieben Kleinen schöpfen aus dem Vollen: Kika, Nickelodeon, Super RTL und nationale öffentlich-rechtliche Sender sind schon da. In der Europäischen Union gibt es mehr als 280 Sender für Kinder, europaweit sind es laut Europarat etwa 320.

Disney läuft da womöglich ei­nem Trend hinterher. Nischensender wachsen derzeit wie Schwammerln aus dem Boden. Sender sichern sich ihre Abspielplattformen. Im fragmentierten Markt geht es darum, Flagge zu zeigen. Jeder für sich schafft kaum relevante Marktanteile, aber die Summe macht es aus, sagt Bogad-Radatz: Disney sei "einer von vielen, die auch bei uns knabbern."

Der ORF zog erste Konsequenzen und strich aus Sparbedarf das Kinderprogramm zusammen. Nur noch morgens und am Wochenende läuft TV für die Kleinsten. Es geht offenbar keinem ab: Serienwiederholungen bringen höhere Quoten - in einer für Werbung relevanteren Zielgruppe.

Dazu kommt, dass der Trend weg vom Fernseher speziell von den Jungen vorangetrieben wird. Zwar ist Fernsehen noch immer klar die Nummer eins unter den von Kindern genutzten Medien, aber die Zahl der eigenen Geräte ist im digitalisierten Medienzeitalter rückläufig. Stattdessen verfügen Kinder über ein gut ausgestattetes Arsenal moderner Gerätschaft von Spielkonsole, Smartphone und Laptop, das sie immer mehr zum Fernsehen nutzen.

Aber Steamboat Willie ist ja gleich, wo Micky pfeift. (Doris Priesching, DER STANDARD, 15.1.2014)

  • Mit "Steamboat Willie“ startet der Disney-Channel Freitag um sechs Uhr früh.
    foto: disney

    Mit "Steamboat Willie“ startet der Disney-Channel Freitag um sechs Uhr früh.

  • Tagsüber unterhalten "Phineas und Ferb".
    foto: disney

    Tagsüber unterhalten "Phineas und Ferb".

Share if you care.