Weiblichkeit ist eine Konstruktion

15. Jänner 2014, 17:40
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"Das Alphabet der Birgit Jürgenssen": Jedes Jahr widmet die Galerie Winter der österreichischen Künstlerin (1949-2003) eine Ausstellung. Heuer präsentiert man eine Auswahl ihrer frühen Sprachbilder

Wien - Das Wort Hauch steht auf einer beschlagenen Fensterscheibe. Birgit Jürgenssen schrieb es mit Fingern auf das zuvor angehauchte Glas. Die poetische Arbeit gehört zu einer Reihe aus den 1970er-Jahren, in der die Künstlerin (1949-2003) mit Sprache und Schrift zu experimentieren begann und die nun in der Galerie Winter zu sehen ist.

Während Jürgenssen das Wort LUCID mit dem Bild eines Seidenstoffs präsentierte, um es so sinnlich erfahrbar zu machen, hat sie den Begriff "Beileid" als Anagramm bzw. Palindrom lesbar gemacht: "Lieb" liest man etwa, aber auch "Leib", "Beil" oder "Leid".

Eine andere, bekanntere Arbeit zeigt die Künstlerin selbst, die sich immer wieder mit Einschreibungen in den (weiblichen) Körper befasste: Im Foto stellt sie die Buchstaben des Wortes "Frau" nach. Elisabeth Bronfen schrieb dazu, Jürgenssen stelle darin "Weiblichkeit" als ein durch die Montage von Bildern und Texten erzeugtes Konstrukt aus.

Fast gänzlich unbeschrieben ist dagegen eine Serie von Lithografien (um 1970), die man bislang noch nie gezeigt hat: In die oberen Bildecken hat die Künstlerin jeweils einen einzelnen Buchstaben des Alphabets gesetzt. Darunter befinden sich stark abstrahierte Köpfe, die Jürgenssen statt mit individuellen Gesichtern mit ganz unterschiedlichen, prothesenartigen Masken - u. a. wuscheligen Bommeln, aber auch streng festgezurrten Gurten - versehen hat.

Mit den Buchstaben sind diese zwar nur schwer in Verbindung zu bringen, aber sie erinnern sofort an ein Selbstporträt Jürgenssens von 1974/77: Darauf hat die Künstlerin mit einem Fell vor den Augen die misogyne Formel "Frau ist gleich Körper ist gleich Tier" auf den Punkt gebracht.

Dass das Verhältnis von Bild und Schrift für sie von Anfang an Relevanz besaß, zeigen außerdem um das Jahr 1970 entstandene Zeichnungen: Die damals 21-Jährige übersetzte darauf verschiedenste Redensarten (u. a. "Dem steht das Wasser bis zum Hals") zwar allzu direkt; rückblickend kündigten die seltsamen Szenen aber an, dass das Surreale in ihrem Werk sehr wichtig werden würde. (Christa Benzer, DER STANDARD, 16.1.2014)

Bis 1. 3., Galerie Winter

Breite Gasse 17, 1070 Wien

Link

www.galeriewinter.at

  • Wolliger Wollbommel statt Gesicht: Farblithografien von Birgit Jürgenssen (um 1970).
    foto: galerie winter

    Wolliger Wollbommel statt Gesicht: Farblithografien von Birgit Jürgenssen (um 1970).

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