App soll vor "Handysucht" warnen

15. Jänner 2014, 14:44
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Eine App ermöglicht Smartphone-Nutzern, ihren Umgang mit dem Handy zu messen - Datenmissbrauch ist aber nicht völlig auszuschließen

Bonn - Informatiker und Psychologen der Universität Bonn haben ein Programm entwickelt, mit dem Smartphone-User ermitteln können, wie viel Zeit sie täglich mit dem Mobiltelefon verbringen und welche Anwendungen sie am häufigsten verwenden. Die wichtigsten Kerndaten werden anonymisiert an einen Server übermittelt und von Wissenschaftlern ausgewertet.

Die App mit dem Namen "Menthal" erfordert das Betriebssystem Android 4.0 oder höher. Sie kann kostenlos aus dem Google Playstore oder unter menthal.org heruntergeladen werden. Die Anwendung ist Teil eines größeren Forschungsvorhabens zur Untersuchung des Handygebrauchs. Die meisten Studien dazu verlassen sich bis jetzt auf Selbsteinschätzungen der Nutzer. Diese Angaben sind aber nach Meinung der deutschen Forscher unzuverlässig. "Menthal liefert zum ersten Mal belastbare Daten, denn die App kann uns detailliert zeigen, wie der durchschnittliche Mobiltelefonkonsum pro Tag ausfällt", meint Alexander Markowetz vom Institut für Informatik an der Universität Bonn. 

Im Schnitt wird Smartphone alle zwölf Minuten aktiviert

In einer bislang unveröffentlichten Studie haben die Forscher mit Menthal das Nutzungsverhalten von 50 Studenten über einen Zeitraum von sechs Wochen untersucht. "Die Ergebnisse waren zum Teil erschreckend", so Psychologe Christian Montag von der Uni Bonn. Demnach nutzte ein Viertel der Probanden das Mobiltelefon mehr als zwei Stunden pro Tag. Im Schnitt aktivierten die Studienteilnehmer 80 Mal täglich ihr Handy - tagsüber durchschnittlich alle zwölf Minuten. Bei einigen Probanden waren die Nutzungszeiten sogar doppelt so intensiv.

Der typische Nutzer telefoniert lediglich acht Minuten am Tag und schreibt im Mittel drei SMS. Die Hauptnutzung des Smartphones liegt dennoch primär in der Verwendung von Kommunikationsservices: Mehr als die Hälfte der Zeit nutzten die Probanden "Messenger" oder tummelten sich in Sozialen Netzwerken. Alleine "What'sApp" schlug sich mit 15 Prozent zu Buche, Facebook mit neun Prozent. Spiele brachten es auf 13 Prozent, wobei einige Probanden mehrere Stunden am Tag spielten.

Das Hauptinteresse der Bonner Forscher gilt dem problematischen Handygebrauch. "Wir wollen wissen, wie viel Mobiltelefon-Konsum normal ist und ab wann von einem Zuviel zu sprechen ist", erläutert Christian Montag das Forschungsziel. Das Nutzen eines Handys ähnele seiner Ansicht nach dem Umgang mit einem Glücksspielautomaten - deswegen werde das Telefon so oft angeschaltet.

Bei dieser möglichen neuen Sucht handele es sich noch nicht um eine offiziell anerkannte Erkrankung. "Dennoch wissen wir, dass der Umgang mit dem Mobiltelefon suchtähnliche Symptome hervorrufen kann", betont Montag. So könne ein übermäßiger Konsum zur Vernachlässigung von wichtigen täglichen Aufgaben oder des direkten sozialen Umfelds führen. "Bei Nichtnutzung kann es sogar zu regelrechten Entzugserscheinungen kommen", ergänzt der Psychologe.

Handy als Depressions-Detektor

Die App entstand im Rahmen einer breiteren Initiative, um Methoden der Informatik in die Psycho-Wissenschaften zu tragen - in diesem Zusammenhang wird auch häufig vom neuen Forschungsfeld der "Psycho-Informatik" gesprochen. In einer aktuellen Publikation in der Zeitschrift "Medical Hypothesis" erläutern die Wissenschaftler, inwiefern Psychologie und Psychiatrie von dieser Interdisziplinarität profitieren könnten. "Es ist beispielsweise denkbar, Handydaten dafür zu nutzen, um Schwere und Verlauf einer Depression zu messen", so Montag. 

Depressionen äußern sich unter anderem in sozialem Rückzug und der Unfähigkeit, sich an Aktivitäten zu erfreuen. Die Krankheit verläuft oft episodisch. "Wir vermuten, dass sich während einer depressiven Phase die Handy-Nutzung messbar ändert. Der Kranke ruft dann beispielsweise weniger oft an und geht seltener vor die Tür - eine Verhaltensänderung, die Smartphones dank GPS ebenfalls registrieren können", sagt Thomas Schläpfer vom Bonner Universitätsklinikum.

Ein Psychiater könnte das Handy seiner Patienten also als Diagnose-Instrument nutzen und gegebenenfalls frühzeitig gegensteuern. "Das geht natürlich nur unter strikter Beachtung des Datenschutzes und nach Einwilligung der Erkrankten", betont Markowetz.

Die beteiligten Forscher gehen in ihrer Veröffentlichung explizit auf die daten-ethischen Aspekte ihrer Arbeit ein. Mit der ärztlichen Schweigepflicht existiere eine bewährte Methode für den Umgang mit Informationen, die strikt auf die erhobenen Daten angewendet werde. Allerdings schütze diese keineswegs vor technischen Missbrauch bzw. möglichen Hacker-Angriffen. (red, derStandard.at, 15.1.2014)

  • Laut einer unveröffentlichten Studie aktivierten die 50 Probanden im Mittel 80-mal täglich ihr Handy - tagsüber durchschnittlich alle zwölf Minuten.
    foto: apa/helmut fohringer

    Laut einer unveröffentlichten Studie aktivierten die 50 Probanden im Mittel 80-mal täglich ihr Handy - tagsüber durchschnittlich alle zwölf Minuten.

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