Die unselige Gesamtschuldebatte

Leserkommentar15. Jänner 2014, 16:14
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Von "Bürgerkindern" und "Schmuddelkindern", die nicht miteinander spielen sollen

Die Debatte um die Gesamtschule führt zu nichts, weil das, was diskutiert wird, nicht mehr als ein Reförmchen ist, ganz in der Tradition österreichischer Gepflogenheiten, auf dass am Ende alles so bleibt, wie es ist.

Modellregionen von Gesamtschulen zu schaffen ist, denke ich, eine Schnapsidee, das Ansinnen, einen neutralen Namen zu finden für diese ideologisch verbrämte Schulform, lachhaft. Dies löst das bildungspolitische Dilemma in keiner Weise.

Radikalschnitt

Es bräuchte einen mutigen großen Schritt, einen Radikalschnitt, den in Österreich, aufgrund der parteipolitischen Verhältnisse, nur eine große Koalition zuwege bringt. So sehr die Initiative aus den Ländern im Aufruf nach Veränderung zu begrüßen ist und die Hoffnung nährt, dass verkrustete Ansichten und ideologische Haltungen entlarvt werden oder sogar aufbrechen, so wenig werden sie das fest zementierte "Apartheid"-System verändern, das sich in Österreich über Jahrzehnte entwickelt hat.

In seinen Extremen sehe ich es gekennzeichnet von akademischer Arroganz in den Gymnasien auf allen Ebenen, von Lehrpersonen bis SchülerInnen und Eltern, von Minderwertigkeitskomplexen auf der Ebene der Hauptschulen respektive Neuen Mittelschulen. Wer braucht Modelle in einigen wenigen Regionen, schön limitiert in den Ländern, grad so viele, dass die Versuche unter der 10-Prozent-Hürde bleiben, damit sie nicht als offizielle Schulformen Faktizität erlangen?

Keine Modelle, sondern große Schritte

Was soll in einem Bereich versucht werden, den die bildungswissenschaftliche Forschung in allen Facetten ausgeleuchtet hat. Das ist alles beschrieben, das liegt alles vor, das müsste nur gelesen werden. Wem das zu viel Aufwand bedeutet, würde in zahlreichen PISA-erfolgreichen Schulmodellen außerhalb des deutschsprachigen Raumes für die Sekundarstufe (I) fündig. Dabei muss gar nicht auf Finnland verwiesen werden, das 1962, in meinem Geburtsjahr, jenes zweigliedrige Schulsystem, das die ÖVP, will heißen die Spindelegger-Gefolgschaft, derzeit mit Zähnen und Klauen verteidigt, in einem Geniestreich abgeschafft hat.

Frühe Differenzierung ist kontraproduktiv

Es genügt, nach Südtirol zu blicken, das, angepasst an die Situation in Italien, längst umgesetzt hat, was wissenschaftlich unbestritten ist: Eine frühe äußere Differenzierung, die in Österreich noch immer nach dem Skikursmodell durchgeführt wird - das wird langsam sogar in Tirol unverständlich -, ist kontraproduktiv.

Sie produziert etwas, was sich keine Gesellschaft leisten darf: Zehnjährige, die sich als zu dumm, unbegabt, unerwünscht erleben, Eltern, die, zu Recht, um beste Bildungschancen für ihre Kinder kämpfend, bei VolksschullehrerInnen Einser verlangen, entnervte Lehrpersonen, die globale Sehr guts verteilen, um diesem Druck zu entkommen.

Dabei will ja niemand das Gymnasium abschaffen, sondern "nur" die 10- bis 14-Jährigen gemeinsam unterrichten. Bei intensivem Einsatz personeller und finanzieller Ressourcen ist mit Leichtigkeit zu schaffen, was dringend gebraucht wird: 14-Jährige, die hocherhobenen Hauptes die Schule verlassen und unpunziert, gemeinsam mit ihren Eltern und Lehrpersonen, entscheiden, ob sie die gymnasiale Oberstufe besuchen oder andere Ausbildungsformen bevorzugen, von berufsbildenden höheren Schulen bis zu unverzichtbaren Handwerks- und Lehrlingsberufen; Lehrpersonen, die sich verantwortlich fühlen für das Lernen der Schülerinnen und Schüler, weil ihnen die fehlende Alternative verbietet, ungenügenden Schülerinnen und Schülern im Gymnasium zu bedeuten: Du entsprichst (hier) nicht, also geh (in die Hauptschule); die bestmögliche Schule für alle, die gesellschaftliche Benachteiligung ausgleicht, Aufstiegschancen eröffnet, gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht und zu gesellschaftlichem Zusammenhalt beiträgt.

Worum geht es hier eigentlich?

Geht es um die bestmögliche Ausbildung für unsere Kinder, die, wie an allen politischen Fronten vehement plakatiert, die Zukunft des Landes bedeuten? Geht es um eine Ausbildung für alle, die, frei von politischer Ideologie, danach trachtet, in einem differenzierten Zyklus von pädagogischer Arbeit, Qualitätskontrolle und Adjustierung, orientiert an neuesten Erkenntnissen bildungspolitischer Forschung, das Bestmögliche zustande zu bringen?

Klassenunterschiede

Ich habe den starken Verdacht, dass es (immer noch!) nur darum geht, dass die Bürgerkinder nicht mit den Schmuddelkindern spielen. Als Absolventin einer Landhauptschule, wenn auch verbrämt mit zwei Klassenzügen, die so die Privilegierten von den Schlechten sonderte, habe ich eine so verteufelte Gesamtschule besucht - im Osttirol der 70er-Jahre hat niemand sein Kind nach Lienz ins Gymnasium gekarrt.

Als in den 60er-Jahren Geborene war ich Nutznießerin einer Bildungspolitik, die mir als Bauernmädchen eine akademische Ausbildung und damit einen gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht hat. Ich erinnere mich noch gut an die Franziskanerpater, die, als Talentescouts, in den hintersten Tälern nach möglichen Priesterkandidaten gefahndet und Pfarrer, Lehrer und Väter bestürmt haben, ihre Buben doch nach Schwaz, Hall oder Feldkirch ins Gymnasium zu schicken.

Wenngleich die Priesterausbeute geringer ausgefallen sein mag als erhofft, hat diese Talentesuche vielen, die heute als Ärzte, Notare, Anwälte, Wissenschaftler arbeiten, ähnliche Chancen eröffnet. Wer ist heute unterwegs auf der Suche nach Talenten unter Kindern im Allgemeinen und Mädchen im Besondern aus gesellschaftlich benachteiligten Herkünften?

Wer weiß, dass pädagogische Innovation 25 Jahre brauchen, bis sie fest im Bildungssystem implementiert sind, kann nur den Kopf schütteln über die aktuelle Debatte und die Sturheit von Politikern, die an den derzeitigen demografischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen vorbei an einem System festhalten, das längst überholt ist. Aber was ist von einer Koalition zu erwarten, die die Wissenschaft der Ägide der Wirtschaft unterordnet und in der Bildung auf Appeasement setzt. (Johanna Schwarz, Leserkommentar, derStandard.at, 15.1.2014)

Johanna F. Schwarz arbeitet am Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck.

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