"Großteil der Gletscher verschwindet"

Interview15. Jänner 2014, 14:29
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Eine Verhinderung des Klimawandels ist nicht mehr möglich, glaubt Gletscherforscher Georg Kaser. Warum es dennoch mehr Gletscher geben wird, bevor sie langsam verschwinden, sagte er Günther Strobl

STANDARD: Haben Sie einen Lieblingsgletscher?

Kaser: Es gibt viele, die mich interessieren. In den letzten zwei Jahrzehnten haben mich die Gletscher auf dem Gipfelplateau des Kilimandscharo beschäftigt. Die meiste Zeit habe ich auf dem Hintereisferner in den Ötztaler Alpen verbracht.

STANDARD: Wie viele Jahre geben sie "Ihrem" Gletscher noch?

Kaser: Müssten sich die Gletscher allein an das mittlere Klima der vergangenen 20 Jahre anpassen, würde in den Ostalpen nicht viel davon übrig bleiben. Es wird aber weiter wärmer werden und wir gehen davon aus, dass die hiesigen Gletscher in den kommenden Jahrzehnten weiter viel Masse verlieren werden. Ein Großteil wird bald verschwunden sein. Die größeren werden sich noch eine Zeitlang in kleine, hoch gelegene Nischen zurückziehen.

STANDARD: Gibt es zu wenig Respekt vor Gletschern?

Kaser: Es geht nicht um die Frage nach besonderem Respekt vor Gletschern, wohl aber vor der Naturlandschaft als Ganzes. Gletscher haben große Signalwirkung, weil Menschen deren Veränderung dramatischer wahrnehmen als andere Veränderungen. Das Landschaftsbild wäre zudem ohne sie zweifellos weniger spektakulär.

STANDARD: Sind Gletscher als Wasserspeicher wichtig?

Kaser: Da muss man relativieren. Gletscher stellen meist erst während des Spätsommers Wasser bereit, wenn die Winterschneedecke geschmolzen ist. In Ausnahmefällen - wie etwa 2003 - ist das wenige Wasser der Alpenflüsse in dem sehr warmen Sommer fast nur von Gletschern und Permafrost gekommen. Die mächtigen Bäche unmittelbar aus den Gletschern und die extremen Niedrigwasser, zum Beispiel auf der Donau, haben damals das relative Gewicht der Gletscherschmelze deutlich gemacht. Neben Extremjahren bei uns spielen Gletscher als Wasserspeicher auch in Gegenden eine Rolle, wo es oft mehrere Monate lang keine Niederschläge gibt.

STANDARD: Wo zum Beispiel?

Kaser: In Innerasien etwa oder in den tropischen Anden. Was den Alpenraum betrifft, werden die durch den Gletscherverlust auftretenden Veränderungen sicher zu bewältigen sein.

STANDARD: Welche Auswirkungen hat die Gletscherschmelze auf den Meeresspiegel?

Kaser: Die Alpengletscher fallen da kaum ins Gewicht. Es sind zu wenige, und sie sind klein. Anders ist es, wenn man weltweit alle Gletscher zusammennimmt. Durch die globale Erwärmung verlieren sie immer mehr Masse, derzeit im Ausmaß von fast einem Millimeter Meeresspiegeläquivalent pro Jahr. Zusammen mit der thermischen Expansion des Meerwassers und den Beiträgen der Eisschilde der Antarktis und Grönlands steigt der Meeresspiegel um rund drei Millimeter pro Jahr. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Meeresspiegel um etwa 20 Zentimeter gestiegen.

STANDARD: Wie viel Wasser steckt in Gletschern und Eisschilden?

Kaser: Gigantisch viel. Würde alles Eis der Antarktis schmelzen, würde der Meeresspiegel um fast 60 Meter steigen. In Grönland stecken rund sieben Meter, in allen anderen Gletschern der Erde zusammen rund 0,4 Meter. Besonders Grönland und die Westantarktis haben in jüngster Zeit zunehmend Eis verloren.

STANDARD: Was sind Gründe dafür?

Kaser: Vor allem wärmer werdende Meeresströmungen, die das schwimmende Schelfeis (das ist der relativ dünne Eissaum um die Eisschilde, der im Meer schwimmt, Anm.) ausdünnen und destabilisieren. In den vergangenen zehn Jahren sind öfters große Schelfeisteile weggebrochen, etwa jüngst im Vorfeld des Pine-Gletschers in der Westantarktis. Und die dahinter liegenden Eisströme aus dem Inlandeis sind schneller geworden. Dieser Prozess verursacht den Eisverlust in der Westantarktis und rund die Hälfte der Verluste in Grönland. Die andere Hälfte stammt dort von zunehmendem Schmelzen an der Eisoberfläche.

STANDARD: An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde der Zusammenhang zwischen Kohlendioxid in der Atmosphäre und dem sich daraus ergebenden Temperaturanstieg erstmals berechnet.

Kaser: Damals wurde der potenzielle Effekt erstmals und auch quantitativ richtig beschrieben. In den 1970er-Jahren haben seriöse Wissenschaftler in einem Dokument die US-Regierung eindringlich vor den Folgen der ansteigenden CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre durch den ungebremster Einsatz fossiler Brennstoffe gewarnt. Eine Reaktion blieb aus, das wirtschaftliche Interesse an fossilen Brennstoffen war zu groß, die wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden zerredet. Jetzt ist eine Verhinderung des Klimawandels nicht mehr möglich, er findet bereits statt. Einschränkungen auf ein möglicherweise "erträgliches" Maß würden bereits immense Anstrengungen erfordern. Die Emission von Treibhausgasen müsste auf nahe null reduziert werden.

STANDARD: Besteht die Crux nicht auch darin, dass das einzelne Individuum de facto nichts ausrichten kann gegen die Klimaerwärmung, sondern nur die Masse, und dass gerade deshalb viel zu wenig geschieht?

Kaser: Das stimmt nicht. Wenn etwas auf null gebracht werden muss, geht das gar nicht anders, als dass die Gesellschaft als Ganze, jedes einzelne Unternehmen und im Endeffekt jeder von uns etwas beitragen muss.

STANDARD: Stattdessen gelangt Jahr für Jahr mehr statt weniger CO2 in die Atmosphäre, und die Klimaerwärmung schreitet voran.

Kaser: Ja. Das hat wirtschaftlich durchaus nachvollziehbare Gründe. Eine Reduktion oder ein Ausstieg aus dem Verbrennen fossiler Brennstoffe ist heute schwieriger denn je. International verbindliche Maßnahmen scheitern auch am Ungleichgewicht zwischen entwickelter Welt und jener, die zu Recht den Anspruch stellt, sich auch zu materiellem Wohlstand entwickeln zu dürfen. Wie sehr die Industrieländer im Zugzwang sind, zeigt die Tatsache, dass der ökologische Fußabdruck etwa eines Europäers bereits ohne sein individuelles Zutun weit größer ist als ein nachhaltiger. Der IPCC-Bericht (Intergovernmental Panel on Climate Change, Anm.) hat aufgezeigt, was passieren wird, wenn wir den bisherigen Weg nicht schnellstens verlassen.

STANDARD: Sie haben am vorherigen und auch am jüngsten Weltklimabericht mitgearbeitet. Wie machen Sie sich Mut weiterzuarbeiten eingedenk der Rezeption der Ergebnisse, die wohl nur enttäuschend genannt werden kann?

Kaser: Es geht nicht um Mut. Als Wissenschaftler müssen wir uns an Fakten halten und unter anderem die Folgen aufzeigen, die ein bestimmtes Verhalten haben wird. Die notwendigen Weichenstellung zur Minderung der Auswirkungen kann aber nicht die Wissenschaft vornehmen, das ist Aufgabe der Politik. Hätte man vor 40 Jahren damit begonnen, wäre das mit vergleichbar mäßigen Anstrengungen möglich gewesen. Heute sind wir mitten im Klimawandel drinnen, und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen ist größer denn je.

STANDARD: Die Klimakonferenzen bringen nichts?

Kaser: In die jährlich stattfindenden Weltklimakonferenzen werden zu große Hoffnungen gesetzt. Eine große Weichenstellung kann frühestens im Herbst 2015 in Paris erwartet werden, wo es um den Ersatz für das Kioto-Protokoll geht. In Warschau ist es zuletzt nur um Positionierungen im Hinblick auf Paris gegangen, und auch im kommenden Herbst in Lima geht es nur darum. Das alles ist natürlich nicht ermutigend, da haben Sie schon recht.

STANDARD: Was halten Sie von Geoengineering - also Maßnahmen wie das Ausbringen von Schwefelteilchen in der Stratosphäre, um die Einstrahlung des Sonnenlichts auf die Erde zu vermindern?

Kaser: Das wird immer wieder als mögliche Lösung diskutiert. Auch im neuen IPCC-Bericht wird darauf eingegangen. Geoengineering wäre aber nur ein weiterer Eingriff ins Klimasystem, mit dem der Erwärmung zwar kurzfristig Einhalt zu bieten wäre, dessen Folgen im Gesamten aber nicht absehbar wären. Zudem gibt es dabei auch eine ethische Komponente: Wer soll über den Einsatz  derartiger technischer Mittel auf globaler Ebene entscheiden?

STANDARD: Einige Ihrer Kollegen argumentieren, dass Phasen von schnellerem Eisabfluss an den Gletschern nur kurze Episoden sind, die regelmäßig vorkommen. Kein Grund zu besonderer Beunruhigung?

Kaser: Die Auslasseisströme bleiben nach dem Wegbrechen des Schelfeises nicht andauernd schnell. Sie werden nach mehr oder weniger vielen Jahren ein neues dynamisches Gleichgewicht finden und wieder langsamer werden. Bis dahin fließt aber viel Eis ab, und das derzeitige Abbrechen der Eisschelfe ist nicht Teil eines natürlichen Zyklus, sondern ist durch zunehmend warme Meeresströmungen verursacht. Das ist mit großer Wahrscheinlichkeit Teil der globalen, menschgemachten Erwärmung. Es stimmt schon, dass es im Detail noch einige offene Fragen gibt, keine ist aber von einem Ausmaß, das Zweifel am anthropogen verursachten Klimawandel zulässt.

STANDARD: Wie viele Gletscher gibt es weltweit noch?

Kaser: Zurzeit etwa 170.000. Die genaue Zahl hängt davon ab, wie das Abgrenzen der Gletscher voneinander erfolgt. Jedenfalls werden es mehr, weil größere zusammenhängende Gletscher aufgrund des Massenverlustes oft in mehrere Einzelgletscher zerfallen.

STANDARD: So gesehen hat die Veränderung der Eisfläche mehr Relevanz, wenn man wissen will, wie es den Gletschern geht?

Kaser: Letztlich geht es um die Änderung der Masse von Gletschern als eines von vielen Symptomen des größer werdenden Wärmeinhalts im Klimasystem. Änderungen von Anzahl, Länge und Fläche von Gletschern sind zwar leicht erkennbare, aber nicht immer einfach zu deutende Erscheinungsmuster. (Günther Strobl, DER STANDARD, 16.1.2014)

Georg Kaser (60), einer der renommiertesten Gletscherforscher der Welt, lehrt an der Universität Innsbruck. Der gebürtige Südtiroler arbeitete als einziger Wissenschaftler aus Österreich bereits zum zweiten Mal beim Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) mit, dem Weltklimarat der UN. Am Donnerstag hält er einen Vortrag bei einer Biomassekonferenz in Graz.

  • Der Glaziologe Georg Kaser warnt: "Würde alles Eis der Antarktis schmelzen, würde der Meeresspiegel um fast 60 Meter steigen."
    foto: privat

    Der Glaziologe Georg Kaser warnt: "Würde alles Eis der Antarktis schmelzen, würde der Meeresspiegel um fast 60 Meter steigen."

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