Wie kommt der "Müll" in die Wissenschaft?

14. Jänner 2014, 18:56
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Der Druck auf Forscher, häufig Ergebnisse zu liefern, ist groß - Und führt zu vermehrter Produktion verzichtbarer Studien

Vergangene Woche sorgte ein Vorschlag von Informatikern der Universität Indiana für Aufsehen in der Scientific Community: Jeder Wissenschafter sollte eine Summe X erhalten und davon einen Teil an andere Forscher weitergeben, von denen man die besten Ergebnisse erwarten könnte. Das würde bedeuten, dass Wissenschafter keine als lästig empfundenen Projektanträge schreiben und diese nicht mehr durch ein aufwändiges Peer-Review-Verfahren gehen müssten, ehe sie bewilligt werden. Natürlich könnte man die Idee als "charmante Alternative" betrachten, wie Pascale Ehrenfreund, Präsidentin des Wissenschaftsfonds FWF, anmerkt. Würden sich da nicht automatisch einige Fragen ergeben?

Viele Fragen an die Studie

Ehrenfreund formuliert die Fragen gegenüber dem STANDARD: "Wer bekommt welche Anfangsausstattung? An wen dürfen Mittel verteilt werden? Wie lässt sich die Herausbildung von Beutegemeinschaften vermeiden?" Eine Befürchtung, die auch Michael Stampfer, Geschäftsführer des Wiener Wissenschaftsfonds WWTF, hat: "Das kann ein Freibrief zur Korruption sein", meint er auf Anfrage. Wenn das System selbst zum Förderer wird und man auf Schwarmintelligenz baut, "könnten sich die Etablierten selbst besonders gut untereinander vernetzen".

Helga Nowotny, Wissenschaftsforscherin und ehemalige Präsidentin des Europäischen Forschungsrats ERC, geht mit dem im Fachmagazin EMBO publizierten Vorschlag noch härter ins Gericht: "Der Vorschlag ist naiv, da er die bestehende Organisation der Forschung zu wenig berücksichtigt und die unbeabsichtigten Folgen nicht durchgedacht hat." Ein Großteil der Forschung werde "in Teams und in internationaler Kollaboration erbracht". Nowotny: "Wie soll ich also wissen, wem unter meinen Kollegen der Abgabeanteil zuzusprechen ist, ohne dass dies zu Verzerrungen in der Zusammenarbeit und Teambildung führt?"

Für Nowotny ist der Vorschlag "verlockend". Sie glaubt aber nicht, dass man das Schreiben von Anträgen als lästig empfinden sollte: "Wie sonst sollen neue und möglichst originelle Ideen, die die Wissenschaft weiter bringen, ausformuliert werden?" Es gehe ja schließlich um eine detaillierte Darlegung dessen, was unter welchen Bedingungen zu erwarten ist und weshalb. Nur so könne man Raum für das Unerwartete bieten und verhindern, dass "more of the same" produziert wird.

Hoher Publikationsdruck

Den "großen, vielleicht zu großen Druck auf Wissenschafter" könne man nicht einfach wegbringen, erklärt Stampfer, der sich als Verfechter des Wettbewerbs um die Förderung der besten Forschungsideen sieht. Er verstehe vor allem Wissenschafter, die klagen, sie müssten ständig Ergebnisse veröffentlichen und bezieht sich dabei auf ein Special des Fachmagazins The Lancet.

Dessen Tenor: Es werde zu viel Müll in der Forschungscommunity publiziert. Der Titel des Specials: "Increasing Value, Reducing Waste". Das Magazin bezog sich unter anderem auf Aussagen des Medizin-Nobelpreisträgers Randy Schekman, der in einem Interview mit der britischen Tageszeitung Guardian sagte: "Die Tyrannei der Luxusmagazine muss gebrochen werden". Das sei der Grund für die Müllproduktion. Stampfer ergänzt tröstend: "Unsere Jurys schauen bei Anträgen schon darauf, wo und was die einreichenden Wissenschafter publizieren, in der Hauptsache geht es aber um den Antrag selbst."

Schekman meinte mit seiner Kritik die Magazine Nature, Science und Cell, die unter Naturwissenschaftern als Olymp der wissenschaftlichen Publikation gelten. Allerdings verlangen sie Geld für das Recht zu publizieren und erhalten von Universitäten und Bibliotheken noch einmal Geld, damit diese die Magazine beziehen können. Stampfer: "Da sehe ich eine hohe Gewinnspanne."

Für FWF-Präsidentin Pascale Ehrenfreund ist Open Access eine "erste und sehr weitreichende Antwort, und zwar sowohl für Publikationen als auch für Forschungsdaten." Open Access könne aber nicht den Publikationsdruck auf die Wissenschafter reduzieren, sagt Stampfer.

Sonderfall in der Biomedizin

Einen Druck, den Nowotny vor allem in der Biomedizin sieht. Das habe vor allem mit der Struktur dieses wissenschaftlichen Feldes zu tun, "in dem möglichst viel an kleinen und kleinsten Ergebnissen publiziert wird." Außerdem würden Ärzte wenig oder nichts von Statistik verstehen. "Das hält sie aber nicht davon ab, Studien zu publizieren, deren Aussagekraft statistisch gegen null tendiert." Alle Experten verweisen auf ein wesentliches Detail der Mülldebatte: Führt der hohe Publikationsdruck dazu, dass geschlampt wird? Jedenfalls können zahlreiche publizierte Ergebnisse nicht wiederholt werden. Davon erzählte schon ein Bericht des Economist im Oktober 2013.

Das Magazin bezog sich unter anderem auf gescheiterte Zweitversuche in der Krebsforschung, die das Biotech-Unternehmen Amgen durchführte. Sie konnten nur sechs von 53 "Landmark-Studies" wiederholen. Ingesamt scheint die Pharmabranche sehr viel Zeit aufzuwenden, um bei Testwiederholungen kein Ergebnis zu bekommen.

WWTF-Chef Stampfer würde in diesem Fall gern Ursachenforschung betreiben. Und ergänzt: "Ich glaube aber nicht, dass es viele Wissenschafter gibt, die absichtlich schlampen oder gar betrügen. Umso mehr würden mich die Hintergründe für dieses Problem interessieren." (Peter Illetschko, DER STANDARD, 15.1.2014)

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    illustration: fatih aydogdu
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