Langsame Rückkehr des Charaktervogels

15. Jänner 2014, 18:32
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Bei der ersten Synchronzählung von europäischen Seeadlern in neun Donauländern zeigte sich, dass sich der Bestand erholt

Mit bis zu 2,5 Meter Spannweite ist der Seeadler der größte europäische Adler. Wie groß dies tatsächlich ist, führten Ranger des Nationalparks Donauauen beim Seeadlersymposium am vergangenen Sonntag in Hainburg vor. Sie entfalteten ein Tuch, auf dem die lebensgroße Flugsilhouette des Greifvogels aufgezeichnet war: Um es ausgebreitet zu halten, waren zwei Mann notwendig, einer allein hatte keine Chance.

Ursprünglich ein Charaktervogel der europäischen Küsten, Flüsse und Seen, wurde der Seeadler bereits im 19. und 20. Jahrhundert durch gezielte Verfolgung im Verein mit Lebensraumzerstörung und Pestiziden an den Rand der Ausrottung gebracht. In Österreich galt er als Brutvogel ab 1946 als ausgestorben, nur als Wintergast trat er noch in Erscheinung. 1999 rief der WWF ein Schutzprogramm ins Leben, das sich bereits 2001 in einer ersten erfolgreichen Brut niederschlug. Mittlerweile gibt es 14 bis 15 Brutpaare, 88 Jungvögel sind ausgeflogen. Dafür ist nicht nur der österreichische Naturschutz verantwortlich, sondern auch strenge Schutzmaßnahmen in anderen Donauländern wie Ungarn, Kroatien und der Slowakei.

Obwohl die Seeadlerbestände überall, wo es Schutzmaßnahmen gibt, einen deutlichen Aufwärtstrend zeigen, war bisher weitgehend unbekannt, wie groß diese wirklich sind.

2011 erarbeitete Danubeparks, ein Zusammenschluss von Schutzgebieten an der Donau, einen Aktionsplan für den Seeadlerschutz, der vom Europarat verabschiedet wurde und als ersten Schritt die Erhebung der bevorzugten Überwinterungsgebiete der Vögel vorsah. Vor diesem Hintergrund organisierten BirdLife, Danubeparks und der WWF vergangenen Sonntag die erste Synchronzählung in neun der zehn Donauländer (alle außer der Ukraine). Überall dort bestimmten Koordinatoren geeignete Punkte, an denen rund 300 Experten auf 3000 Stromkilometern in zirka 3000 unbezahlten Stunden Seeadler zählten.

Im Unterschied zum amerikanischen Wappentier, dem Weißkopf-Seeadler, hat der europäische Seeadler keinen weißen Kopf, sondern im Erwachsenenalter nur einen weißen Schwanz. Er kommt auf der Nordhalbkugel von Schottland über Grönland bis nach Japan vor. Sein weltweiter Bestand wird auf 12.000 bis 14.000 Brutpaare geschätzt. Mindestens die Hälfte davon lebt in Europa, wo er in zwei Populationen auftritt: einer nordöstlichen, zu der Skandinavien, Deutschland, Polen und Russland gehören, und einer südöstlichen, die im Wesentlichen die Länder der Donauniederungen umfasst. Prinzipiell ist die Art standorttreu, aber wenn der Winter gar zu kalt wird, wandern viele Vögel aus Nordosteuropa weiter in den Süden und teilweise bis zur Donau. Dabei legen sie mitunter sehr lange Strecken von mehr als 2000 Kilometern zurück.

Ein Nest in alten Bäumen

Sein Nest baut der Seeadler in alten Bäumen, anderswo auch an Klippen oder, wie in Grönland, notfalls auch auf dem Boden. Da hinein legt er bereits im Februar ein bis zwei, sehr selten drei Eier, die etwas mehr als einen Monat bebrütet werden. Bis zum Flüggewerden der Jungen dauert es weitere zwei bis zweieinhalb Monate, und auch danach sind sie noch einen bis zwei Monate von ihren Eltern abhängig. Vor allem während der Brutzeit fressen viele Seeadler bevorzugt Fische: Diese fassen sie im Flug mit ausgestreckten Krallen aus dem Wasser. Aber auch Wasservögel wie Enten und Blässhühner stehen auf seiner Speisekarte. Wenn sich die Gelegenheit bietet, stehlen sie auch die Beute anderer Vögel, wie Kormoran, Fischadler oder Reiher, und besonders im Winter verschmähen sie auch Aas nicht.

Vor allem Letzteres wird ihm in Österreich oft zum Verhängnis. Immer wieder fallen Seeadler illegal ausgelegten Giftködern zum Opfer. Der Umstand, dass er als großer Beutegreifer an der Spitze der Nahrungskette steht, macht ihn auch anfällig für Schadstoffe, die sich auf diesem Wege anreichern. In Deutschland sind Bleivergiftungen durch die Aufnahme bleihaltiger Jagdmunition über Beutetiere die häufigste Todesursache von Seeadlern. Auch die Forstwirtschaft spielt eine Rolle: Ein Seeadlerhorst hat rund zwei Meter Durchmesser und wird über mehrere Jahre hinweg genutzt. Wo es zu wenige alte, tragkräftige Bäume gibt, verwenden die Adler auch ungeeignete, sodass die Nester manchmal abstürzen.

Lebensraum zerstückelt

Das Hauptproblem für den Seeadler liegt jedoch in der Zerstörung bzw. Zerstückelung seines Lebensraums: Für den Nahrungserwerb ist er auf Feuchtgebiete angewiesen, und diese werden schon seit langem immer weniger. Seit dem 19. Jahrhundert wurden die Auen und Überschwemmungsgebiete entlang der Donau und ihrer Hauptzuflüsse (Morava, Drau, Theiß, Save und Pruth) um 80 Prozent reduziert. Dazu kommt, dass der Seeadler sehr empfindlich auf menschliche Aktivitäten in Nestnähe reagiert.

Nichtsdestoweniger ließen die bei der Synchronzählung erhobenen Daten die Teilnehmer des Seeadlersymposiums jubeln: 750 Vögel wurden an der ganzen Donau gezählt - das sind 100 mehr als bisher angenommen. 35 davon wurden an der Donau in Österreich beobachtet.

Bei der Aktion zeigte sich auch, wie wichtig länderübergreifender Schutz vor allem für so große und mobile Arten ist: Der "Hotspot" der Zählung liegt im Dreiländereck Ungarn, Kroatien und Serbien, wo sich die dortigen Schutzgebiete seit langem um den Seeadler bemühen: Dort wurden 200 Exemplare gezählt. Großes Potenzial hat auch die Untere Donau: Im Delta wurden 150 Vögel gezählt, weitere 210 an der bulgarisch-rumänischen Grenz-Donau. Damit dürften in diesem rund tausend Kilometer langen Flussabschnitt noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft worden sein.

Weitere 100 Adler wurden im Nationalpark Donauauen, March und den angrenzenden slowakisch-ungarischen Auen beobachtet, zwölf davon in den Donauauen selbst. Verbesserte gemeinsame Schutzmaßnahmen sollen dazu beitragen, diesen Bestand langfristig zu sichern. (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 15.1.2014)

  • Wenn europäische Seeadler aneinandergeraten: 200 der Vögel mit imposanten Spannweiten von bis zu 2,5 Metern leben allein im Dreiländereck Serbien, Kroatien und Ungarn. Eine Zählung zeigte, wie wichtig länderübergreifende Schutzmaßnahmen sind.
    foto: hoyer

    Wenn europäische Seeadler aneinandergeraten: 200 der Vögel mit imposanten Spannweiten von bis zu 2,5 Metern leben allein im Dreiländereck Serbien, Kroatien und Ungarn. Eine Zählung zeigte, wie wichtig länderübergreifende Schutzmaßnahmen sind.

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