Ein Algorithmus für Bestseller

15. Jänner 2014, 18:33
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Ob sich eine Neuerscheinung gut verkaufen wird, lässt sich selbst für Verleger nur schwer vorhersehen - Nun wollen US-Informatiker die Erfolgsformel von Bestsellern geknackt haben

Trotz allen Krisengeredes wird der Buchmarkt weiterhin alljährlich von tausenden Neuerscheinungen überschwemmt. Für Verleger stellt sich vor der Publikation die Frage, ob unter den nächsten Büchern ein Verkaufsschlager sein könnte. Schließlich soll das Unternehmen wirtschaftlich sein. Aber woher weiß man, was ein Bestseller wird?

Im Voraus lässt sich das schwer einschätzen. Doch die US-Forscher Vikas Ganjigunte, Ashok Song Feng und Yejin Choiin von der Stoney Brook University in New York behaupten nun, einen Algorithmus entwickelt zu haben, der präzise den Erfolg von Büchern vorhersagen kann.

Für ihre "Bestsellerformel" untersuchten die Computerlinguisten 40.000 digitalisierte Bücher aus dem Project Gutenberg - u. a. Krimis, Romane und Kurzgeschichten. Dabei analysierten sie die Syntax, Wortwahl und Grammatik und verglichen das Werk mit seinem Erfolg bei den Benützern der E-Book-Seite, sprich: Sie zählten einfach die Downloads der Bücher. In manchen Fällen wurden aber auch Nobel- oder Pulitzerpreise der Autoren oder die Verkaufszahlen bei Amazon berücksichtigt.

Die Computer-Software analysierte den minimalistischen literarischen Stil von Ernest Hemingway ebenso wie die komplexen Satzkonstruktionen eines Thomas Bernhard. Bei ihren computergestützten Forschungen fanden die Wissenschafter heraus, dass es oft die kleinen Dinge sind, die große Bücher machen. Bestseller verwenden überdurchschnittlich häufig Konjunktionen wie "und" oder "aber" und zeichnen sich durch ein große Anzahl von Substantiven aus.

Codewörter und Verbalphrasen

Weniger erfolgreiche Bücher enthalten dagegen mehr Verben und Adverbien, die explizit Handlungen oder Emotionen beschreiben wie zum Beispiel "wanted" oder "promised". Die Studie belegt außerdem, dass bestimmte Codewörter mit den Verkaufszahlen korrelieren: Erfolgreiche Bücher würden häufiger Konjunktionen und Präpositionen verwenden, während weniger erfolgreiche Bücher auf Schlagwörter rekurrieren und mehr Extreme beinhalten, etwa "atemlos" oder negative Wörter wie "Risiko". Die Forscher stellten fest, dass sogenannte Verbalphrasen - etwa der Satz "Ich will eure Hände sehen" - entgegen bisherigen Annahmen erfolgversprechend sind.

Vor dem Hintergrund dieser Befunde kreierten die Wissenschafter einen Algorithmus, der auf Grundlage der stilistischen Qualitätsmerkmale den Erfolg belletristischer Literatur vorhersagen konnte. Die Prognosen stimmten mit hoher Wahrscheinlichkeit mit den realen Erfolgswerten überein. Bei Novellen lag die Genauigkeit des "statistischen Stilometers" bei 84 Prozent.

Die Studie, die in den Proceedings der Konferenz "Empirical Methods in Natural Language Processing" publizierte wurde, ist insofern bemerkenswert, als die Forscher mit ihren Daten besser prognostizieren als so mancher Rezensent oder selbsternannter Literaturpapst, der ein Werk vor dem Erscheinen in den Himmel lobte, bevor es schließlich doch floppte.

Ein linguistisches Erfolgsrezept für Autoren bietet die Studie zwar nicht, doch haben die Wissenschafter darin erstmals objektive Kriterien für den Erfolg literarischer Werke entwickelt - was etwas anderes ist als Qualität. (Adrian Lobe, DER STANDARD, 15.1.2014)

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