Fußgängerbeauftragte: "Der Ring ist der absolute Hotspot"

Interview14. Jänner 2014, 18:38
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Warum Radwege auf die Fahrbahn verlegt werden sollen und sich Fußgänger auf der Mahü nicht in die Mitte trauen, sagt Petra Jens

STANDARD: Wie geht es Ihnen mit der Bezeichnung "Beauftragte"?

Jens: Die Bezeichnung ist mir weniger wichtig als die Aufgabe: dem Fußverkehr mehr Bedeutung zu geben. Das eigentliche Leben spielt sich auf den Gehsteigen ab.

STANDARD: Seit einem Jahr üben Sie Ihre Funktion aus. Was haben Sie bisher erreichen können?

Jens: Ich habe vor allem viel zugehört - den Bezirksvorstehern, den Beschäftigten in den Magistratsabteilungen und den Bürgern, die hier anrufen und die wir bei Veranstaltungen treffen. Wir planen und wir bauen nicht, wir identifizieren Themen, die für den Fußverkehr interessant sind, wir machen Werbung für das Gehen und vermitteln dort, wo die Leute aneinander vorbeireden.

STANDARD: Wo funktioniert der Fußgängerverkehr in Wien?

Jens: Die Leute gehen dort zu Fuß, wo es schön und sicher ist. Was stört, sind hohe Geschwindigkeiten von anderen Fahrzeugen. Wir erhalten aus Randbezirken Beschwerden über fehlende Gehsteige. In der Innenstadt beschweren sich die Fußgänger zum Beispiel über Wartezeiten bei Ampeln.

STANDARD: Stören sich die Fußgänger an Autos und Fahrrädern?

Jens: Auch. Es geht hier aber immer um die subjektive Wahrnehmung. Wenn Sie im Auto sitzen und gemütlich dahin fahren, kann das für einen Radfahrer oder Fußgänger schon als sehr schnell wahrgenommen werden. Wir versuchen, für mehr Rücksicht und Verständnis zu werben. Besonders unangenehm wird die Geschwindigkeit von motorisierten Fahrzeugen dort, wo es keine Gehsteige gibt, oder vor Schulen. Ältere Leute reagieren sehr sensibel auf die Geschwindigkeit von Radfahrern, vor allem auf gemischten Verkehrsflächen.

STANDARD: Zum Beispiel am Ringradweg?

Jens: Der Ring ist der absolute Hotspot. Da haben wir die meisten Beschwerden.

STANDARD: Wie kann man das Problem der gemischten Verkehrsflächen lösen?

Jens: Wenn man mit dem Fahrrad fährt, ist man etwa sechsmal so schnell wie ein Fußgänger. Ein Auto ist aber nur ungefähr doppelt so schnell wie ein Fahrrad. Deshalb sollten Radwege grundsätzlich auf der Fahrbahn verlaufen, beim Ring steht das nicht zur Debatte. Man muss hier andere Möglichkeiten schaffen, wie die Leute gut miteinander auskommen. Deswegen wurden die Radwege an schwierigen Stellen eingefärbt, damit sie für Fußgänger besser zu erkennen sind. Was am Ring für Irritationen sorgt, ist, dass der Radweg oft die Gehwege kreuzt und man nicht weiß, wo man geht.

STANDARD: Wie geht es den Fußgängern auf der Mariahilfer Straße?

Jens: Ich finde es interessant, wie viel Aufmerksamkeit das Projekt erlangt. Die mediale Berichterstattung zu den Konflikten mit dem Radverkehr halte ich für überzogen. Wir haben im gleichen Zeitraum kaum Beschwerden erhalten. Wir haben weit mehr Beschwerden zum Ringradweg. Ich war regelmäßig auf der Mariahilfer Straße, habe auch die Fahrbahn benützt. Durch die Verkehrsberuhigung ist es deutlich leiser geworden, man kann sich wieder unterhalten. Es ist klar, dass Fußgänger, jetzt wo es noch keine bauliche Adaptierung gibt, die Straße nicht so sehr benutzen, wie sie es schon könnten. Damit eine Begegnungszone funktioniert, muss sie entsprechend gestaltet sein.

STANDARD: Wie wird die Anrainerbefragung, die im Februar startet, ausgehen?

Jens: Das weiß ich nicht. Ich glaube aber, dass für alle, die die Mariahilfer Straße besuchen, schon jetzt ein großer Gewinn an Lebensqualität da ist.

STANDARD: Können Sie verstehen, dass hunderttausende Euro für die Kampagne ausgegeben werden?

Jens: Ich verstehe, dass der Stadt das Projekt wichtig ist. Als Vorzeigeprojekt wird die Fußgängerzone Bedeutung haben. Seit vielen Jahren ist keine so große Fußgängerzone mehr errichtet worden.

STANDARD: Wo könnten Sie sich weitere vorstellen?

Jens: Es wäre schön, wenn es in jedem Bezirk eine geben würde. Wir beobachten eine zunehmende Isolierung, vor allem von Menschen, die sozial nicht so gut gestellt sind. Es braucht Orte, wo man sich aufhalten kann, auch ohne etwas konsumieren zu müssen. (Rosa Winkler-Hermaden, DER STANDARD, 15.1.2014)

Petra Jens (37) studierte Nutztierethologie und initiierte eine Antihundekotkampagne. Seit einem Jahr ist sie Beauftragte für Fußgänger in Wien.

  • Petra Jens kann weder planen noch bauen, sie kommuniziert: "Wir machen Werbung für das Gehen und vermitteln dort, wo die Leute aneinander vorbeireden."
    foto: standard/cremer

    Petra Jens kann weder planen noch bauen, sie kommuniziert: "Wir machen Werbung für das Gehen und vermitteln dort, wo die Leute aneinander vorbeireden."

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