Der Klang der Worte

14. Jänner 2014, 20:29
posten

Ingeborg Jandl analysiert Lautstrukturen, Rhythmen und Inhalte russischer Gedichte

Zu dem Preis der Moskauer Lomonossow-Universität für den besten Vortrag in der Sektion Philologie sei sie rein zufällig gekommen, sagt Ingeborg Jandl schmunzelnd. Eigentlich wollte die 25-jährige Slawistin auf dieser Megakonferenz für Nachwuchswissenschafter während ihres Auslandssemesters in Moskau in erster Linie Kontakte zu russischen Kollegen knüpfen. Dass sie als eine von 15.000 Teilnehmern in 32 Sektionen um einen der heißbegehrten Preise ritterte, erfuhr sie erst nach ihrem Vortrag.

Und der hat die Juroren offensichtlich stark beeindruckt. Das Thema entstammte ihrer Magisterarbeit, die kürzlich auch in Buchform erschienen ist: Rhythmik und Lautstrukturen in den Versdramen der russischen Dichterin Marina Zwetajewa. "Ein ziemlich kompliziertes Thema", wie Jandl zugibt. "Aber in der russischen Literaturwissenschaft gibt es eine große Tradition, das Zusammenspiel von Rhythmus, Lautlichkeit und Inhalt eines Textes zu entschlüsseln."

Diese Zusammenhänge seien dem Leser oder Theaterbesucher zwar kaum bewusst, aber sie lenken den Spannungsaufbau und verstärken den emotionalen Gehalt der Dramen. So werde Trauer oft durch eine Häufung des Lautes "o" ausgedrückt, während in Lobgesängen "l", "m", "n" und "i" dominieren. "Die Handlung wird nicht nur erzählt oder szenisch umgesetzt, sondern über Rhythmus und Lautlichkeit auf unbewusstem Weg direkt erfahrbar", erläutert Jandl.

Dass solche Theorien in Russland einen besonders fruchtbaren Boden vorfinden, habe mit der tiefverwurzelten Tradition des Rezitierens zu tun: "Während bei uns kaum noch traditionelle Metren verwendet werden und Lyrik nur von einer kleinen Minderheit gelesen wird, sind die Russen leidenschaftliche Rezitatoren von Gedichten", weiß Ingeborg Jandl von ihren zahlreichen Russlandaufenthalten. "Dort kann praktisch jeder eine Vielzahl von Gedichten auswendig - und das nicht nur in den gebildeten Kreisen", gibt sich die junge Literaturwissenschafterin beeindruckt.

Unausweichlicher Weg zur Wissenschaft

Der Weg zur Wissenschaft war für die gebürtige Oststeirerin zwar nicht vorgezeichnet, aber praktisch unausweichlich. Denn im Laufe ihrer beiden inzwischen abgeschlossenen Lehramtsstudien in Russisch und Französisch sowie Philosophie und Psychologie hat sich in ihr eine Leidenschaft für die russische Sprache, Literatur und Kultur entwickelt, die mehr verlangte, als ein Lehramt bieten kann.

Dabei musste sie sich diese Sprache hart erarbeiten, denn "als ich an die Uni kam, konnte ich noch kein Wort Russisch". Jetzt ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Slawistik der Uni Graz, und vor kurzem wurde ihr überdies ein Doktoratsstipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zuerkannt.

Dass daneben auch noch Zeit fürs Malen, Reisen, Tanzen, Laufen und Handarbeiten bleibt, hat wohl mit der beneidenswerten Fähigkeit zu tun, ihre vielfältigen Neigungen aufs Fruchtbarste miteinander zu verbinden. So ist etwa auf dem Cover ihres im Kovac-Verlag erschienenen Buches eines ihrer Bilder zu sehen. Die Erfahrungen ihrer vielen Reisen fließen in die wissenschaftliche Arbeit ein, und beim Handarbeiten könne man wunderbar über Klang und Rhythmus nachdenken, während nebenbei die Socke wächst. (Doris Griesser, DER STANDARD, 15.1.2014)

  • Ingeborg Jandl erhielt ein Doc-Stipendium der Akademie.
    foto: privat

    Ingeborg Jandl erhielt ein Doc-Stipendium der Akademie.

Share if you care.