"Museen könnten wieder lebendige Orte werden"

Interview14. Jänner 2014, 20:20
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Wissenschaftshistoriker Simon Schaffer über die frühere Bedeutung und die heutige Rolle von Wissenschaftsmuseen

Erst im November erhielt Simon Schaffer bei der Tagung der US-Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte in Boston die George-Sarton-Medaille, die renommierteste Auszeichnung, die in diesem Fach zu vergeben ist. Der Professor an der Uni Cambridge wirkt aber auch weit über die Disziplin hinaus: Mit Arbeiten über Computerpionier Charles Babbage wurde er indirekt zu einem Anstifter der Steam-Punk-Bewegung. Und für die BBC arbeitet er als Berater und Präsentator wissenschaftshistorischer Sendungen.

STANDARD: Wenn man heute führende Wissenschaftszeitschriften aufschlägt, dann findet man nicht allzu oft Artikel von Forschern, die in Museen arbeiten. War das früher anders?

Schaffer: Absolut. Für einen sehr langen Zeitraum – ich würde sagen von etwa 1650 bis 1910 – waren die Museen die dominierenden Institutionen der Forschung. Das hatte eine ganze Reihe von Gründen. Vor allem lag das daran, dass die meisten Naturwissenschaften in dieser Zeit in gewisser Weise „museale Wissenschaften" waren.

STANDARD: Was verstehen Sie darunter?

Schaffer: Damit meine ich jene Wissenschaften, die Dinge aus aller Welt – Tiere, Pflanzen, Steine und vieles andere mehr – sammelten, beschrieben, kartografierten und klassifizierten. Diese analytische Erforschung war damals in vielen Bereichen die dominante Form der Wissenschaft, auch in solchen Fächern, an die wir nicht denken würden: etwa den Ingenieurwissenschaften. Selbst diese Disziplinen wurden damals in den entsprechenden Museen und den Sammlungen unterrichtet. Und selbst die Medizin war damals eine museale Wissenschaft.

STANDARD: Was hatte die Medizin mit dem Museum zu tun?

Schaffer: Ende des 18. Jahrhunderts kam in der Medizin die sogenannte Pariser Methode auf, die darin bestand, in der Krankenstation zu unterrichten, wo die Studenten auf die Körper der Patienten trafen. Damit wurde das Spital gewissermaßen zu einem Museum der Krankheiten. Die Diagnose der Ärzte war nichts anderes als die Analyse im Museum, und die Patienten waren Manifestationen der Krankheiten. Wien war im Übrigen ein Musterbeispiel für diese Entwicklung: Zu einer der intellektuellen Hauptstädte im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Stadt vor allem durch Einrichtungen wie dem Allgemeinen Krankenhaus und den Hofmuseen

STANDARD: Wie kam es, dass die Museen diese zentrale Stellung rund um 1900 wieder verloren?

Schaffer: Eine Erklärung ist, dass sich in den Wissenschaften anstelle der musealen und analytischen Methode nach und nach die sogenannte synthetische Methode durchzusetzen begann. Statt Dinge nur zu analysieren wurde es Ende des 19. Jahrhunderts möglich, auch neue Dinge hervorzubringen. Am besten lässt sich das wohl an der Chemie zeigen, die zunächst ein Kernfach der musealen Wissenschaften war: Man analysierte alle möglichen Gesteine, Kristalle, Meteoriten oder was auch immer. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Chemie von einer analytischen zu einer synthetischen Wissenschaft. Diese Entwicklung passierte zuerst in den deutschsprachigen Ländern und umfasste auch die Pharmazie und die Medizin.

STANDARD: Können Sie Beispiele dafür nennen?

Schaffer: Grundsätzlich ging es einigen Chemikern und Medizinern nicht mehr ums Analysieren des Vorhandenen, sondern um das künstliche Erzeugen synthetischer Stoffe – vor allem im Bereich der Farbherstellung oder bei pharmazeutischen Produkten. Robert Koch und Paul Ehrlich etwa entwickelten neue Substanzen gegen Infektionskrankheiten und waren damit indirekt für das langsame Sterben der musealen Wissenschaften verantwortlich. Beinahe zeitgleich entstehen aber auch neue Disziplinen im Museum.

STANDARD: Nämlich welche?

Schaffer: Fächer wie Anthropologie, Kunstgeschichte oder Wissenschaftsgeschichte wurden gleichsam im Museum geboren. Die Wissenschaftsgeschichte entstand rund um die Sammlungen der jeweiligen Universitäten, und so kam es, dass die ersten Wissenschaftshistoriker in England Fachleute für Instrumente waren. Auch die Anthropologie ist eine durch und durch aus dem Museum stammende Wissenschaft. Franz Boas in den USA arbeitete ursprünglich im Museum. Er hat dann freilich die Anthropologie revolutioniert, indem er das Museum verließ – Ähnliches passierte in der Zwischenkriegszeit auch in der Kunst- und Wissenschaftsgeschichte.

STANDARD: Heute scheint es aber in diesen Fächern ein neues Interesse am Museum und den Sammlungen zu geben?

Schaffer: Absolut, allerdings mit einer neuen Agenda. Diese Fächer sind zur Praxis zurückgekehrt, und diese praktische Wende bedeutet auch eine völlig neue Form der Auseinandersetzung mit den Sammlungen – man denke nur an die Arbeiten von Horst Bredekamp, Peter Galison, Lorraine Daston oder Anke te Heesen.

STANDARD: Kommen wir zurück zum späten 19. Jahrhundert. Damals  veränderte sich auch die Ausstellungsfunktion der Museen?

Schaffer: Richtig. Die Museen öffneten sich dem neuen Massenpublikum, das erst um diese Zeit mit den Weltausstellungen – die erste fand 1851 in London statt – langsam entstand. Nach und nach übernahmen die Museen die Rolle dieser großen internationalen Ausstellungen. Mit dieser Ausrichtung auf das Publikum gerieten die Museen umgekehrt aber als Ort der Wissenschaft in eine Krise, die im Grunde bis heute anhält.

STANDARD: Wie sehen Sie die Zukunft der naturwissenschaftlichen Forschung an den Museen?

Schaffer: Ich denke, dass dort weiterhin Wissenschaft betrieben werden wird, zumal das Wissen, das dort produziert wird, für Bereiche wie der Ökologie oder der Biodiversität unabdingbar ist. Deshalb wird es trotz aller Sparmaßnahmen weiterhin Forscher an Museen geben, wenn auch wohl eher weniger als mehr. Denn es ist auch offensichtlich, dass Wissenschafter, die Expeditionen unternehmen, ihre Proben längst nicht mehr ins Labor in die Museen der großen Städte bringen müssen, um sie dort wie früher zu analysieren. Das kann man längst mit dem tragbaren High-tech-Labor an Ort und Stelle tun.

STANDARD: Worin kann heute die Ausstellungsfunktion der wissenschaftlichen und technischen Museen liegen?

Schaffer: Der Politik geht es heute anscheinend vor allem darum, dass Museumsbesuche junge Leute für die Natur- und Technikwissenschaften interessieren sollen. Man geht davon aus, dass ausgestellte Wissenschaft genau das leisten kann. Aber wie das wirklich funktionieren soll, weiß niemand so ganz genau.

STANDARD: Sie waren einige Jahre lang Beirat des Science Museum in London, einem der führenden Wissenschaftsmuseen. Wie macht man es dort?

Schaffer: Eines der wichtigsten Projekte der letzten Jahre war dort die Darstellung des Klimawandels – und das in einer Phase, in der das Vertrauen in die Klimaforschung sank. Das war eine große Herausforderung: Wie kann man einen Raum mit unbeweglichen Objekten in Vitrinen füllen, die Menschen überzeugen, dass es einen vom Menschen mitverursachten Klimawandel gibt?

STANDARD: Wie wurde das Problem gelöst?

Schaffer: Man beschloss, unter anderem einen riesigen Eisbohrkern auszustellen. Die Gasblasen, die in diesem Eis eingeschlossen sind, geben uns Aufschlüsse über das Klima vor Tausenden von Jahren. Es ist aber extrem schwierig, solche Objekte in einer Ausstellung quasi zum Sprechen zu bringen. Und es ist auch irgendwie paradox: Die Wissenschaften und auch die Daten, die Fragen rund um den Klimawandel beantworten können, haben ihre Wurzeln im Museum. Zugleich gelingt es kaum, das Museum zu einem Ort der öffentlichen Debatte über diese Themen zu machen.

STANDARD: Die jüngste Attraktion im Science Museum in London ist ein nachgebauter Querschnitt durch den Large Hadron Collider des Cern in Genf. Wie gefällt Ihnen das?

Schaffer: Das ist eine tolle Sache, aber es verwendet eine an sich völlig überholte Form der Ausstellung, um Teilchenphysik des 21. Jahrhunderts darzustellen. In gewisser Weise wird der LHC damit zu einem Werk der Ingenieurkunst des 19. Jahrhunderts. Das hat schon mehr von Steam Punk als von zeitgenössischer Teilchenphysik. Wahrscheinlich liebe ich diese Ausstellung gerade deshalb.

STANDARD: Weil wir schon bei der aktuellen Forschung sind: Was passiert heute mit all den Instrumenten, die in den letzten Jahren für die großen wissenschaftlichen Durchbrüche gesorgt haben? Werden die eigentlich auch gesammelt, um einmal ausgestellt zu werden?

Schaffer: Gute Frage. Es gibt sowohl in Europa wie in Nordamerika Konzepte, wie man etwa die materielle Kultur des Humangenomprojekts aufbewahren soll, eines der größten Forschungsprojekte der Menschheit. Das Problem dabei ist, dass ein Großteil davon Software war. Es gab aber natürlich auch Sequenzierer, aber die schauen nicht viel anders aus als stinknormale Geschirrspüler und haben definitiv keine Aura. Eignet sich das für Ausstellungen? Ziemlich sicher nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass solche Objekte je charismatische Ausstellungsgegenstände werden. Aber die Bemühungen, auch diese Objekte zu konservieren, sind durchaus vorhanden.

STANDARD: In den letzten Jahren gab es immer wieder Debatten zur Restituierung oder der Repatriierung von Sammlungsobjekten, die unter umstrittenen Umständen angeeignet worden sind. Wie sehen Sie diese Problematik?

Schaffer: Es ist klar, dass es nicht immer angenehm ist, die Ursprünge zu erforschen, wie bestimmte Gegenstände ins Museum gelangten. Aber ich denke, das ist etwas, was getan werden muss. Und ich sehe darin auch viele neue Chancen, um Museen wieder zu Orten von spannenden wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zu machen.

STANDARD: In den Museen scheint man sich eher davor zu fürchten.

Schaffer: Was schade ist. Ich sehe es viel mehr als eine Möglichkeit zur Wiederbelebung. Museen könnten auf diese Art wieder ein lebendiger Ort werden, an dem es auch zu Interventionen kommen kann. Offensichtlich ist, dass es keine Patentrezepte und generelle Richtlinien im Umgang mit Eigentumsfragen und der Rückerstattung sensibler Gegenstände oder auch menschlicher Überreste gibt. Das muss jeweils von Fall zu Fall neu entschieden werden. Mitunter sind indigene Völker gar nicht daran interessiert, bestimme Objekte zurückzuerhalten, weil ihnen immer noch gefährliche Kräfte zugeschrieben werden. Dann ist da auch die Frage, an wen sie restituiert werden sollen: Oft genug gehören solche Gegenstände Familien und Clans – und wären in staatlichen Museen des jeweiligen Heimatlandes fehl am Platz. Es gäbe da jedenfalls viele spannende Geschichten zu erzählen und aufzubereiten

STANDARD: Wie kann man das im Museum tun?

Schaffer: Es gibt eine ganze Reihe von kunsthistorischen und anthropologischen Ausstellungen, denen das gut gelungen ist. Ein gutes Beispiel ist das Tropenmuseum in Amsterdam, das die kolonialistische Ausbeutung durch die Holländer selbst zum Thema gemacht und auch früh seine Archive geöffnet hat. Ich sehe keinen Grund, warum naturhistorische Sammlungen nicht auch für solche Rekontextualisierungen geeignet sein sollten – etwa, um das Bild vom heroischen weißen Forschungsreisenden zurechtzurücken, und damit Darwins Finken ebenso wie Humboldts Herbarien. Das ist aber natürlich auch eine Frage der Ressourcen. Wenn diese Museen nur mehr dazu dienen sollen, Teenager für die Naturwissenschaften und die Technik zu interessieren, dann beschränkt das natürlich das, was man ausstellen kann und soll. (Klaus Taschwer, derStandard.at, 14.1.2014)


Simon Schaffer (59) studierte am Trinity College der Uni Cambridge und ist nach Aufenthalten unter anderem in Harvard Professor für Wissenschaftsgeschichte in Cambridge. Schaffer war kürzlich auf Einladung des Wissenschaftsphilosophen Martin Kusch an der Uni Wien zu Gast.

  • Für Simon Schaffer waren die Museen lange die dominierenden Forschungsinstitutionen.
    foto: standard/corn

    Für Simon Schaffer waren die Museen lange die dominierenden Forschungsinstitutionen.

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