"Lebensformen sind nicht nur Geschmackssache"

Interview15. Jänner 2014, 13:54
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Wie Menschen ihr Leben gestalten, ist keine Privatsache, sagt die Philosophin Rahel Jaeggi und fordert in ihrem neuen Buch wieder mehr Einmischung durch die Philosophie

STANDARD: Respekt vor anderen Lebensentwürfen und freie Hand, um das eigene Leben zu gestalten. Was ist daran falsch?

Jaeggi: Nichts. Unterschiedliche Lebensweisen zu respektieren und zu tolerieren, halte ich für einen wichtigen Schritt. Man muss aber sehen, dass auch diese Auffassung selbst Ausdruck einer bestimmten Orientierung und Lebensform ist, einer, die dadurch geprägt ist, solche Unterschiede aushalten zu können und von bestimmten Eingriffen in das Leben anderer Abstand zu nehmen.

STANDARD: Und was stimmt nicht an der Haltung einer liberalen Neutralität, die Sie in Ihrem Buch kritisieren?

Jaeggi: Problematisch erscheint mir vor allem die Tendenz, Lebensformen dadurch zu versteinern, also sie so anzuerkennen, wie sie sind, und dabei Debatten über ihre innere Gestalt - über den Charakter der Praktiken und Überzeugungen, die sie ausmachen - als unzulässigen Eingriff zu betrachten. Damit verliert man letztendlich aus dem Blick, dass Lebensformen immer schon dynamisch und konflikthaft sind und sich teilweise gerade als Resultate von Auseinandersetzungen verstehen lassen.

STANDARD: In die Gestaltung der Lebensformen wollen sich aber viele nicht dreinreden lassen ...

Jaeggi: Ja. Aber was soll "sich nicht dreinreden lassen" bedeuten? Wir benutzen ja nicht nur Straßen und Verkehrsampeln gemeinsam. Wir leben in einer Gesellschaft, deren Arbeitsteilung organisiert werden muss. Und wir sind auf Bildungsinstitutionen, auf Kulturinstitutionen, auf Versicherungssysteme angewiesen. Ihre Gestaltung ist immer auch Ausdruck und Ermöglichung einer bestimmten Lebensform - und über diese ist, so gesehen, immer schon entschieden.

STANDARD: Aber wenn es etwa darum geht, wer die Kinder zu Hause betreuen soll: Muss eine solche Entscheidung nicht jedem selbst überlassen werden?

Jaeggi: Ob bei der deutschen Debatte über Steuervorteile für die sogenannte Hausfrauenehe oder bei den Diskussionen über Kinderbetreuung: Hier stehen ja Grundorientierungen auf dem Spiel: Wie versteht man Erziehung, wie Geschlechterverhältnisse? So etwas lässt sich aber nicht privatisieren. Jemand, der meint, ihm oder ihr werde durch politische Maßnahmen die Kindertagesstätte für seine oder ihre Kinder aufgezwungen, muss sich klarmachen, dass dort, wo es keine Kindertagesstätte gibt, den Menschen auch etwas aufgezwungen wird. Auch die Nichtexistenz solcher Institutionen prägt Lebensweisen. Interessanterweise geraten in diesen Diskussionen meist diejenigen unter Beschuss, die für Veränderungen eintreten. Ich muss mir als Philosophin nicht das Urteil anmaßen, dass die Hausfrauenehe in jedem Fall schlecht ist. Ich möchte aber klarmachen, dass so etwas gestaltbar ist und zur Debatte steht, bis hin zu substanziellen Fragen, etwa: Wie komme ich überhaupt dazu?

STANDARD: Die Antwort "weil es mir so am besten gefällt" reicht nicht?

Jaeggi: Mir nicht. Lebensformen sind weder nur eine Geschmackssache noch eine unhintergehbare "Wertefrage". Sie sind Bündel sozialer Praktiken, die sich aus bestimmten Gründen und durch bestimmte kollektive Deutungsmuster entwickeln. Meine These ist: Lebensformen lösen Probleme, Probleme allerdings, die nicht etwa das "Menschsein per se" betreffen, sondern in einer bestimmten historischen und sozialen Situation eingebettet und von bestimmten normativen Erwartungen geprägt sind. Das ist eine völlig andere Beschreibung als die, dass man von Lebensformen quasi "ergriffen" ist oder dass der eine dann halt von diesem Gott, der andere von jenem ergriffen ist und der Dritte vielleicht von gar keinem.

STANDARD: Apropos Gott: Wie ist diskriminierten Minderheiten, etwa religiösen, zu begegnen? Hier wird Ihre Kritik von Lebensformen doch schwierig.

Jaeggi: Mein Grundszenario ist nicht, dass man mal eben von oben herab bestimmte Gemeinschaften bewertet. Mir geht es um den Umstand, dass Lebensformen in Krisen geraten, Krisen, die unterschiedliche Zustände haben können - vom verdeckten Konflikt bis zu bestimmten Dysfunktionalitäten. Daran können sich Defizite zeigen, die man als Theoretikerin aussprechen und produktiv machen kann.

STANDARD: Ein konkretes Beispiel: "Sexkauf legalisieren oder verbieten?" ist eine große Debatte in Europa. Wie kann dieser Diskussion mit Ihrer Lebensformkritik begegnet werden?

Jaeggi: Die Frage der Prostitution ist komplex - lässt sich aber tatsächlich auch als Lebensformfrage auffassen. Denn es geht dabei ja nicht nur um soziale Lagen, um Verhältnisse, die Ausbeutung und Menschenhandel befördern. Es geht auch nicht nur um die strategische Frage, welche Effekte ein Verbot für diese Verhältnisse hat. Es geht darüber hinaus um Grundsätzliches. Sollte es Dinge geben, die unverkäuflich sind? Etwa weil es bestimmte soziale Beziehungen untergräbt, sie als Waren zu behandeln? Fragen wie diese betreffen im eigentlichen Sinne die Lebensform. Und sie sind deshalb so schwer zu beantworten, weil es - wie etwa bei der Prostitution - um gewachsene Vorstellungen von Intimität oder Körperlichkeit geht. Aber eben deshalb müssen wir uns diesen Fragen stellen. Legalisieren oder nicht: Das greift zu kurz.

STANDARD: Warum ist in der Philosophie und auch im breiteren öffentlichen Diskurs der politische Liberalismus so stark?

Jaeggi: Nun ja, die Angst vor einem illiberalen Sittenrichtertum oder Paternalismus ist ja berechtigt - und der Anspruch, über sein Leben selbst entscheiden zu wollen, auch. Ich möchte im Sinne einer Lebensformkritik die Frage nach den öffentlichen Bedingungen für ein selbstbestimmtes Leben nicht aufgeben, denn ich halte gerade die Diskussion von Lebensformen, deren Gestaltung und Umgestaltung für einen Teil dessen, was wir damit wollen. Es geht nicht darum, die Pluralität aufzugeben, sondern darum, diese anders zu verstehen. Nicht als Pluralität von Lebensformen, die alle in sich bereits gelungen oder unhintergehbar wären; sondern als gänzlich verschiedene Versuche der Bewältigung des Lebens, die alle von je spezifischen Problemen gezeichnet sind.

STANDARD: In welchem Fall sind Lebensformen gelungen?

Jaeggi: Wenn sie Lernprozesse ermöglichen und nicht auf der regressiven Blockade von Erfahrungen beruhen. Wenn Lebensformen ein Bündel institutionell verfestigter sozialer Praktiken sind und diese Praktiken darauf ausgerichtet sind, bestimmte Lebensprobleme zu lösen, dann müssen wir uns fragen: Gelingt es diesen Lebensformen, diese Probleme zu lösen?

STANDARD: Wohin soll diese Kritik von Lebensformen im besten Fall führen?

Jaeggi: Im Grunde ist es ein Plädoyer für einen bestimmten Typus von Emanzipationsbewegungen, die bestehende Lebensformen in einem produktiven Sinne destabilisieren. (Beate Hausbichler, DER STANDARD, 15.1.2014)


Rahel Jaeggi ist Professorin für Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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