Rewe-Chef zu Preispolitik: "Wissen genau, was wir dürfen"

Interview14. Jänner 2014, 17:41
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Rewe-Chef Frank Hensel sieht "Unschärfen" rund um Preisabsprachen beseitigt und erzählt, warum er von einem Rechtsstreit nichts hält

STANDARD: Rewe versorgt fast halb Österreich mit Lebensmitteln. Wie viel Macht haben Sie?

Hensel: Macht haben die, die bei uns einkaufen. Wir sind das Spiegelbild unserer Kunden. Sie entscheiden, wo sie einkaufen.

STANDARD: Rewe, Spar, Hofer halten freilich 85 Prozent des Marktes.

Hensel: Das wird immer überspitzt dargestellt. Es gibt auch noch Zielpunkt, Nah & Frisch. Denken Sie an M-Preis, die Pfeiffer-Gruppe – selbst wenn es nur vier oder fünf gibt, besteht die Wahlmöglichkeit.

STANDARD: Die Kartellbehörde verfolgt Preisabsprachen in der Branche. Spar kämpft mit allen juristischen Mitteln dagegen. Warum haben Sie das Bußgeld akzeptiert?

Hensel: Wenn Sie kämpfen, muss der Einsatz im Verhältnis zu dem stehen, was Sie gewinnen können. Wir mussten abwägen. Es ging uns unabhängig von der Anerkennung einer Schuld darum, ein Verfahren möglichst schnell zu beenden.

STANDARD: Also Pragmatismus?

Hensel: Genau, ohne dass wir der Behörde inhaltlich recht gegeben haben. Es ist ein Bereich mit vielen Grauzonen und am Ende juristisch nicht kalkulierbar. Die Alternative wäre ein jahrelanger teurer Rechtsstreit mit unsicherem Ausgang gewesen. Wir haben den kalkulierbaren Weg gewählt. Und wir wissen jetzt genau, was wir dürfen und was nicht.

STANDARD: Die 21 Millionen Euro bezahlt man aus der Portokasse?

Hensel: Das kann man so nicht sagen. Es ist ein Einschnitt, aber gemessen an dem, was sonst hätte entstehen können, verkraftbar.

STANDARD: Sie haben selbst einmal gesagt, es geht gar nicht anders, als sich mit Lieferanten abzusprechen.

Hensel: Es gibt keinen Maulkorb.  Und es wird weiter unverbindliche Preisempfehlungen der Lieferanten, Gespräche über Werbeaktivität, Mengenplanung und Einstandspreise geben. Man darf nur nicht mehr über Regalpreise reden – den Anschein erwecken, dass sie miteinander vereinbart wurden. In der Vergangenheit gab es hier Unschärfen, das haben wir beseitigt.

STANDARD: Lieferanten müssen für Listungen häufig garantieren, dass etwa Spar ihre Produkte im Regal nicht günstiger verkauft als Rewe. Werden Sie diese Praxis abstellen?

Hensel: Sie können und konnten das nie. Vielleicht haben sie es versucht, und unser Fehler war, das nicht konsequent genug zu trennen und dokumentieren. Aber das gibt es bei uns nicht mehr, wir haben das abgestellt. Wir holen Preisinformation über unabhängige Marktforscher, erheben viel selber. In der Vergangenheit hat man vielleicht die Lieferanten dazu benutzt. Das ist vorbei. Die Marktbeobachtung obliegt uns – wie die Entscheidung über Regalpreise.

STANDARD: Zementiert Ihr Prinzip der Bestpreis-Garantie dieses System nicht ein? Sie überlassen damit zugleich ja auch Ihre Preispolitik Mitbewerbern ...

Hensel: Nein. Das hat mit Lieferanten nichts zu tun und berührt den Mitbewerb nicht. Es ist ein Versprechen an den Kunden, die Entscheidung darüber liegt allein bei uns.

STANDARD: Stimmt es, dass die Rohaufschläge im Lebensmittelhandel bei rund 40 Prozent liegen?

Hensel: Das ist für einige Produkte die Kalkulationsgrundlage, für andere nicht. Das geht von – bis.

STANDARD: Zahle ich beim Normalpreis eigentlich zu viel? Ihre Branche pflegt ja permanente Rabatte.

Hensel: Signalisieren uns Kunden, dass sie die Nase voll von ständigen Aktionen haben, würden wir das abstellen, weil es die Arbeit eher erschwert. Deutschland ist ja weit weniger aktionsaffin als Österreich. Es ist das Geburtsland des Diskonts, während die Österreicher hohe Affinität zu Schnäppchen haben. In Österreich liegt der Aktionsanteil bei 30, in Deutschland bei zehn Prozent. Dort wird eher auf niedrigere Regalpreise gesetzt. In Österreich arbeiten selbst die Gralshüter des Dauertiefpreises, Hofer und Lidl, mit Rabatten vom Standardsortimentpreis.

STANDARD: Spar und Rewe schlagen sich mit der Wettbewerbsbehörde herum. Hofer blieb bisher fein raus. Ärgert Sie das?

Hensel: Wir tragen sicher die negative Bürde des Marktführers. Wären Sie die Behörde, würden Sie sich dann die Nummer drei oder vier des Marktes vorknöpfen?

STANDARD: Spar sieht internationale Markenartikelriesen ihre Marktmacht missbrauchen. Sie selbst haben einst für Nestlé gearbeitet. Sitzen die Bösen in der Industrie?

Hensel: Es gibt hier kein Gut oder Böse. Jeder entwickelt für sich Strategien, wie er Märkte bearbeitet. Faktum ist, dass es starke Konzentration in der Industrie gibt. In Österreich lebt aber eine Schicht an vitalen Mittel- und Kleinbetrieben, die erhalten werden soll.

STANDARD: Zur Rewe-Gruppe selbst: Tochter Adeg wies 2012 Verluste von zwölf Millionen Euro aus. Wollten Sie nicht bis dahin den Turnaround schaffen?

Hensel: 2012 spielten noch Sonderbelastungen mit hinein. Operativ ist Adeg gesund. 2013 gab es Gewinne und ein schönes Umsatzwachstum. Adeg ist wieder in der Lage, zu investieren.

STANDARD: Bricht Adeg als Nahversorger Klientel am Land weg?

Hensel: Unser Anspruch ist es, bis in jeden Winkel des Landes vertreten zu sein. Und wir werden das Feld der selbstständigen Einzelhändler nicht völlig dem Mitbewerb überlassen.

STANDARD: Branchenkenner sehen auch Penny weiterhin als Sorgenkind.

Hensel: Penny hatte schwere Zeiten, die Weichen wurden jedoch richtig gestellt. Wir sind bei Umsatz und Ergebnis gut unterwegs. Im Vorjahr wurde in mehr als hundert Filialumbauten investiert.

STANDARD: Wie kommen Web-Verkauf und Hauszustellung voran?

Hensel: Es ist ein zartes Pflänzchen, das extrem wächst. Wir haben alle Ziele übertroffen. Aber es wird Filialen nie ablösen, sondern immer Ergänzung sein. Ich glaube auch, dass es in Österreich nie so eine Dynamik wie etwa in Großbritannien geben wird. Die Rahmenbedingungen sind andere. Wir haben nicht die urbane Gewalt Londons. Und Österreichs Dichte an Supermärkten zählt zu den höchsten in Europa. In Wien gibt es alle 300 Meter einen Markt.

STANDARD: Kundenkarten machen Konsumenten gläsern. Was tun Sie mit den ganzen Daten?

Hensel: Wir verkaufen keine Daten und stellen sie niemand anderem zur Verfügung. Es gibt auch kein Cross-Marketing zwischen unseren Handelsfirmen. Es geht um auf den Kunden zugeschnittene Angebote, anstatt mit der Gießkanne  allgemeine Angebote in den Raum zu stellen. Tatsächlich wissen wir über unsere Kunden leider immer noch sehr wenig. Das liegt an der Komplexität der Materie.

STANDARD: Sie selbst wuchsen in der ehemaligen DDR auf, machten eine Handelslehre, arbeiteten im Supermarkt und mussten sich Schritt für Schritt hinaufarbeiten. Wie sehr prägt einen das?

Hensel: Das prägt sicherlich. Man entwickelt Gespür und Sensibilität dafür, wo man in großen Unternehmen wie ansetzen muss, um etwas zu bewegen. Die meisten Fehler werden aus der Helikopterperspektive heraus, zu der wir alle neigen, begangen.

STANDARD: Was hat Sie angetrieben?

Hensel: Der Anreiz etwas zu entwickeln, zu bewegen, zu verändern. Es war nie der finanzielle Aspekt, Es geht immer um die Sache. Ich würde Konsequenzen ziehen, wä-
re das nicht mehr gewährleistet. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 15.1.2014)

Frank Hensel (55) ist seit 2005 Vorstandschef der Rewe International AG, die Billa, Merkur, Penny, Adeg und Bipa vereint. Der deutsche Betriebswirt begann mit einer Lehre im Handel, arbeitete auch für Nestlé und Spar Deutschland. Für Rewe zog er nach China, Ungarn und Italien, ehe er nach Wien wechselte. Hensel ist Vater dreier Kinder.

  • Die meisten Fehler, sagt Frank Hensel, werden aus der Helikopterperspektive heraus begangen.
    foto: apa/techt

    Die meisten Fehler, sagt Frank Hensel, werden aus der Helikopterperspektive heraus begangen.

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