Das Nähkästchen eines kritischen Missionars

14. Jänner 2014, 17:35
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Der Nachlass einer Ausnahmeerscheinung: "Uptight - Die Sammlung Werner Geier" im Wien-Museum

Wien - Youtube und einem Eichkatzerl sei's gedankt! Auf die Onlineplattform hat im vergangenen Herbst jemand unter dem Pseudonym "eichkatzerlvomgrund" rund 30 Sendungen der Ö3-Musicbox gestellt. Sie stammen aus den 1980er-Jahren, viele davon waren von Werner Geier gestaltet, alle trotzen sie dem Zahn der Zeit mühelos. Es sind 50-minütige Erleuchtungsmessen eines kritischen Missionars. Geiers Moderationsstil, eine Mischung aus Eloquenz, Esprit und Schmäh, wirken so frisch wie am Tag ihrer ersten Ausstrahlung.

Das Auftauchen dieser Zeitdokumente fungierte als zufälliger Teaser für die Ausstellung Uptight - die Sammlung Werner Geier, die das Wien-Museum zurzeit präsentiert. Sie gibt Einblick in das Schaffen und den Werdegang des 2007 mit nur 45 Jahren verstorbenen Radiomachers, Musikproduzenten und DJs.

In diese drei Bereiche hat Kurator David Schuller (alias DJ Cutex) die Schau unterteilt. Zusammengestellt ist sie aus dem persönlichen Nachlass Werner Geiers, den dessen Eltern dem Wien-Museum als Schenkung überantwortet haben. Als Radiomacher verführte der geborene Mürzzuschlager eine willige Generation von Popnovizen. Er weihte sie in Geheimnisse ein, die unter der Oberfläche des Mainstreampop verborgen lagen. Dort entdeckte er Figuren wie Nick Cave, Jeffrey Lee Pierce oder Henry Rollins und präsentierte sie mitten am Nachmittag auf Ö3 mit der Faszination des Entdeckers. Im Gästebuch der Ausstellung findet sich ein Eintrag, der lautet: "Sendungen digitalisieren und online stellen!" Nun denn.

Porträts und Fundstücke

Mehrere Stunden lang sind Ausschnitte solcher Sendungen über Kopfhörer nachhörbar: Städteporträts und solche von Künstlern, die oft von diesem geistreichen Gesprächspartner angetan waren, was viele langjährige Verbindungen und Freundschaften zeitigte. Davon zeugen ausgestellte Korrespondenzen mit Nick Cave, Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten, Henry Rollins, Tori Amos und anderen mehr. Dokumente liebevoller Obsession.

Daneben liegen Fundstücke, die Geier buchstäblich aufgehoben hatte: etwa die Setlist des Nirvana-Konzerts im U4 aus dem Jahr 1989. Geier war dort regelmäßig als DJ Demon Flowers zu erleben.

Das Gesicht zur Radiostimme erblickten viele erstmals, als er 1985 in einem Club 2 zum Thema "Die Vertreibung der Stille" diskutierte. Ausschnitte dieser Sendung mit Geiers Wortmeldungen ("Furchtbar!") sind ebenfalls zu sehen.

Ende der 1980er tauchte er in die Welt des Hip-Hop ein. Daraus resultierte seine Arbeit als umtriebiger Veranstalter. Diverse Flyer und Plakate illustrieren sein Wirken zu jener Zeit. Und sie zeigen Geiers Interesse an grafischer Gestaltung und Präsentation dieser Kultur, an der er bald auch als Produzent und Remixer partizipierte. Dazu gründete er das Label Uptight.

Schon der Labelname war typisch Geier. "Uptight" bedeutet verschlossen oder verklemmt, und das war sowohl die Diagnose für sein kulturelles Umfeld als auch der Wunsch, das zu ändern. Mit Uptight widmete er sich den, wie er es nannte, Aggregatzuständen des Funk. Dabei fiel mit Leena Conquests Song Boundaries ein internationaler Hit ab, mit der Produktion des damals abgetakelten Jazz-Sängers Mark Murphy heimste er gar eine Grammy-Nominierung ein.

Nachzuhören sind diese Arbeiten in der Ausstellung ebenso wie seine persönliche Einschätzung ihrer Wirkung. In einem Radiogespräch erzählt Geier, dass er "die Wege des Geldes" bewusst vermieden habe, "zugunsten persönlicher Freiheit und Ruhe". Eine Ausnahmeerscheinung. (Karl Fluch, DER STANDARD, 15.1.2014)

"Uptight - Die Sammlung Werner Geier", bis 23. 3. 

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Wien Museum

  • Werner Geiers Nachlass ist im Wien-Museum ausgestellt.
    foto: wg

    Werner Geiers Nachlass ist im Wien-Museum ausgestellt.

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