Michael Glawogger in Apice: Der Hut

14. Jänner 2014, 17:25
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Der österreichische Dokumentarist berichtet von einer weiteren Station auf dem Weg zum "Film ohne Namen", dieses Mal aus Italien

Im Verabschieden war er nie gut gewesen. Wenn man geht, dann geht man, hatte er immer gedacht. Die Dramaturgie eines Abschieds wird der Situation fast nie gerecht. Entweder war man zu beiläufig und kränkte so den anderen, oder man war selbst gekränkt. War man zu heftig, dann folgt dem Abschied eine innere Leere, weil eben der Tonfall nicht gestimmt hatte und einen eine solche Gefühlsaufwallung einsam zurück lässt. Die meisten Abschiede sind unnötig theatralisch, weil man sich früher oder später ja wieder sieht – und falls nicht, dann weiß man das im Moment des Abschieds sowieso nicht. In jungen Jahren hatte er keine wirklichen Abschiede erlebt – er war in keinen Krieg gezogen, und ausgewandert war er auch nicht wirklich. Und der Abschied von jemandem, der stirbt, steht überhaupt auf einem anderen Blatt. Und nicht auf diesem.

In der Fleischerei von Apice in der italienischen Region Kampanien hatte der Fleischer, als er ging, seinen Hut hängen lassen. Das wäre an sich nichts Besonderes, denn vielleicht war draußen gerade kein Hutwetter gewesen, oder er hatte ihn einfach vergessen. Aber der Hut hing hier wahrscheinlich seit den späten sechziger Jahren, und das konnte man schon als außergewöhnlich bezeichnen. Denn egal, in welcher Form man sich von dem Ort, an dem man sein ganzes Leben verbracht, an dem man gearbeitet, geliebt, geheiratet und wahrscheinlich seine Eltern begraben hat, verabschiedet – man nimmt seinen Hut mit und lässt ihn nicht einfach achtlos auf einem der Fleischerhaken hängen. Es sei denn, man hatte flüchten müssen oder war vertrieben worden – dann hätte man natürlich auch den Hut vergessen können.

Eine Geisterstadt

Der Fleischer von Apice (und die übrige Einwohnerschaft des Ortes) sei wegen eines drohenden Erdbebens gegangen, sagt man, und hätte sich auf dem Hang gegenüber wieder niedergelassen. Man sagt, die alten Häuser von Apice seien zu baufällig gewesen, und dann sei niemand mehr zurückgekehrt. Dieses Apice steht noch und hat drei Erdbeben und drei Abwanderungswellen erlebt. Heute ist es eine Geisterstadt. Türen und Fenster stehen offen, nur manche hatte man, bevor klar wurde, dass man nicht zurückkommen würde, aus Angst vor Dieben provisorisch zugemauert. Diese Mauern hatten nicht gehalten, aber es schien auch nichts zu geben, das es wert gewesen wäre, gestohlen zu werden.

Er konnte an diesem regnerischen Tag alle Häuser betreten und fand dort Tische, Sessel und Kästen, Theken, Kaffeemaschinen, Kühltruhen und Herde, Kinderwägen, Toiletten, Koffer, Bücher, eine Packung Waschmittel der Marke "Dash" und da und dort ein Kleidungstück. Und eben den Hut des Fleischers.

Natürlich konnte dieser Hut auch jemand anderem gehört haben. Es waren in der Zwischenzeit ja sicher auch andere Leute vorbeigekommen, und Graffitis zeugten von Partys, die hier gefeiert worden waren. Aber so sah der Hut nicht aus. Er sah präzise aus wie der Hut eines Fleischers – bzw. wie jener Hut, den sein Rufonkel Zeno in den Sechziger Jahren getragen hatte. Onkel Zeno hatte Firnbonbons gelutscht, Dreier geraucht und immer schmutzige Hände, weil er Lastwägen reparierte. Er war der lässigste Onkel, den man sich vorstellen konnte – und er setzte am Sonntag genau so einen Hut auf, wenn er zur Kirche und zum Frühschoppen ging.

Onkel Zeno hätte seinen Hut nicht einfach irgendwo hängen lassen – und auch der Fleischer hätte ihn leicht holen können. Denn die Leute aus Apice waren ja nicht weit weggezogen, Sie mussten und wollten wohl auch nicht wirklich Abschied nehmen, weil sie von der anderen Seite des Tales ihre eigene Vergangenheit immer vor der Nase hatten, und die Rückkehr nur einen paar Schritte entfernt lag. Vielleicht war genau das der Grund, warum es niemand tat – weil es so einfach war. Man müsste nur über die Brücke und den anderen Berg hinauf, und schon wäre man zu Hause. Aber die Jahre vergingen, die Häuser wurden älter, und irgendwie hatte man sich an das neue Apice gewöhnt.

Nicht zurückgekehrt

Jedenfalls hatte der Fleischer nicht nur seinen Hut zurückgelassen – auch die Theke mit dem Ochsenkopf, die weißen Kacheln und der hölzernen Kühlkasten waren noch da. In seinem neuen Leben spielte die Fleischerei wohl keine Rolle mehr. Menschen im 21. Jahrhundert werden nicht mehr so oft Fleischer, und ihre Kinder schon gar nicht. Die Fleischer dieser Welt nehmen immer öfter ihren Hut, und mit ihnen viele andere Gewerbe. Es zahlt sich nicht mehr aus, sagen sie. Steht nicht mehr dafür. Die Supermärkte graben ihnen das Wasser ab. Vielleicht sind die Bewohner auch deshalb nicht in das alte Apice zurückgekehrt, weil es einer Welt angehörte, in die es kein Zurück mehr gibt. Diese Welt existiert nur mehr in einer sentimentalen Vorstellung, die von diversen Vintage-, Retro-, Bio- und Genussläden künstlich und halbherzig verlängert wird.

Er mochte diese Geisterstadt – er mochte sie jedenfalls lieber als eine mögliche museale Version, in der schön renovierten Häuser kleine Kunstgalerien beherbergen, in der es ein Erdbebenmuseum gibt und Boutique-Hotels, die den Charme vergangener Tage mit rohen Ziegeln im Bad und Rattan Sesseln simulieren, und in der man mit einem Kopfhörer ausgestattet über das ehemals arme Land schauen kann, während man per Tastendruck die Sprache zum Leben wählt.

Er wollte bleiben, aber so, wie die Dinge lagen, gab es gar kein Hotel in Apice, weder im alten noch im neuen. In Italien sind abseits des Meeres Hotels überhaupt nicht sehr häufig. Im neuen Apice gibt es zwar einen Betrieb für Hochzeiten, Bankette und Kongresse, aber ein Reisender wird dort nicht aufgenommen.

Es wurde Abend, und am gegenüberliegenden Hang gingen die Lichter an, während die leeren, alten Häuser in der Dunkelheit versanken. Es musste sich seltsam anfühlen, die eigene Vergangenheit allabendlich finster werden zu sehen – in der stillen Gewissheit, dass sie morgen noch da sein würde.

Er nahm seinen Hut und ging. (Michael Glawogger, derStandard.at, 14.1.2014)

  • "In der Fleischerei von Apice in der italienischen Region Kampanien hatte der Fleischer, als er ging, seinen Hut hängen lassen."
    foto: michael glawogger

    "In der Fleischerei von Apice in der italienischen Region Kampanien hatte der Fleischer, als er ging, seinen Hut hängen lassen."

  • Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.
    foto: liz pompe

    Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.

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