Erster-Weltkrieg-Serie: "Bei einem marschierte immer wieder Hitler ein"

Interview14. Jänner 2014, 17:29
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Für die neue Serie im Schauspielhaus Wien, die sich dem Ersten Weltkrieg widmet, haben Anne Habermehl und Felicitas Brucker Hundertjährige nach ihren Erinnerungen befragt

STANDARD: Die Serie heißt "Die Welt von Gestern" nach Stefan Zweigs Roman. Wie nahe ist sie dem Buch?

Brucker: Es kommen Texte aus dem Roman vor, aber in erster Linie geht es uns um Motive des Romans. Zweig beginnt mit Beschreibungen eines 'Zeitalters der Sicherheit', das mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges wegbricht und für ihn nach Krieg und Emigration nie wieder kommt. Wir möchten vor allem den Bogen ins Heute schlagen: Was wurde aus den Utopien bzw. Sichtweisen auf Europa?

STANDARD: Sie haben mit Hundertjährigen über ihre Erinnerungen gesprochen.

Brucker: Es sind jeweils sehr subjektive Schlaglichter auf gelebtes Leben und auf Geschichte. Wir haben keinen Fokus auf den Ersten oder Zweiten Weltkrieg gerichtet, sondern wir haben in breiter, eher journalistischer Weise mit den Menschen gesprochen und nach persönlichen wunden Punkten gesucht, wo Verdrängungen liegen, und danach, vor welchem klimatischen Hintergrund sich die Katastrophen der letzten 100 Jahre abspielen konnten.

Habermehl: Es geht nicht darum, ein Jahrhundert nachzuerzählen. Es sind Schnipsel. Am Ende hat man vielleicht eine Vorstellung von einem Panorama des 20. Jahrhunderts.

STANDARD: Waren Ihre Gesprächspartner nicht zu jung, um sich an den Ersten Weltkrieg zu erinnern?

Brucker: Es waren Menschen, die zwischen 100 und 107 Jahre alt sind. Die spannende Frage war: Was bleibt unterm Strich. Worauf fokussiert sich am Ende so ein Leben - bei einem jeweils unterschiedlichen Grad der Demenz. Eine Frau hat vor allem davon gesprochen, wie groß der Hunger während des Ersten Weltkrieges war und dass sie stehlen musste, obwohl sie das nie wollte. Das beschäftigt sie bis heute. Andere denken an Dinge, die gar nichts mit den Weltkriegen zu tun haben, und bei einem anderen wiederum marschierte in den verschiedensten Jahrzehnten, über die er sprach, immer wieder Hitler ein.

STANDARD: Was ist dabei die älteste Erinnerung?

Habermehl: Das war eine Frau, die sich daran erinnerte, wie sie die Hand des Kaisers geküsst hat.

STANDARD: Es geht Ihnen nicht um Porträts, sondern die Informationen werden fiktionalisiert?

Habermehl: Ja. Wir Autoren haben eigenständige Figuren entwickelt, die bestimmt stark mit den Begegnungen mit den alten Menschen assoziiert sind.

Brucker: Es sind aber auch Originalzitate in die Stücktexte eingeflossen.

STANDARD: War für Sie als Autorin, Frau Habermehl, der Sprachduktus der betagten Gesprächspartner wichtig?

Habermehl: Auf alle Fälle. Das ist ein ganz einfaches Mittel, um von einer vergangenen Zeit zu erzählen. Das ist auch der Reiz von Zweig, seine Sprache hat Pathos, so schreibt heute keiner mehr. Zugleich ist seine analytische Schärfe beeindruckend.

STANDARD: Die Serie hat fünf Teile. Wonach wurden diese eingeteilt?

Brucker: Jeder der drei Autoren bearbeitet Fragen des Romans, ausgehend von seiner persönlichen Sicht auf Gesellschaft heute. Ferdinand Schmalz beschäftigt sich mit dem Thema der "zynischen Amoralität", also dem Abbau der moralischen Werte, der Entwicklung einer Gesellschaft hin zu einer neuen Stufe der Gewalt.

Habermehl: Philipp Weiß behandelt das Thema Sicherheit unter dem Aspekt eines alten und neuen Nationalismus. Die Choreografin Sabina Holzer befasst sich mit dem Thema Exil und Heimatlosigkeit. Und bei mir geht es darum, wer am Ende des Lebens auf wen aufpasst beziehungsweise: Wie ist die Perspektive auf das Leben, wenn es vor einem und wenn es hinter einem liegt?

STANDARD: Jede Folge kann demnach auch für sich allein stehen?

Brucker: Wir versuchen einen Bogen zu spannen, aber, ja, die Teile sind selbstständig.

STANDARD: Mit welchen Fragen sind Sie an die Hundertjährigen herangetreten?

Habermehl: Wir hatten einen Fragenkatalog, den wir aber gleich wieder verwerfen mussten. Es hat nichts gebracht. Bei den wenigsten Interviewpartnern ist ein Frage-Antwort-Vorgang möglich gewesen. Wir haben dann versucht, möglichst gut auf das von ihnen Gesagte zu reagieren, es zu vertiefen. Der Prozess der Erinnerung funktioniert auch bei jedem anders. Manche sprechen Erinnerungen wie vorbereitete Sätze aus, während vieles andere in einem dunklen Bereich verbleibt. Dann gibt es welche, die sich sehr angestrengt haben, sich im jeweiligen Moment an Dinge zu erinnern.

STANDARD: Gab es Menschen, die sich nicht mehr erinnern konnten?

Brucker: Kaum. Aber eine Frau hat öfter gesagt: Es ist da drin, im Kopf, aber es kommt nicht mehr raus. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 15.1.2014)

Felicitas Brucker (39), geboren in Stuttgart, ist seit 2009 Hausregisseurin am Schauspielhaus Wien. 2007 erhielt sie den Förderpreis der Akademie der Künste Berlin.

Anne Habermehl (32), geboren in Heilbronn, ist eine mehrfach ausgezeichnete Dramatikerin, die ihre Stücke auch selbst inszeniert. 2013/14 ist sie Hausautorin am Schauspielhaus.

"Die Welt von Gestern", Serie in fünf Teilen an wechselnden Schauplätzen, Treffpunkt: Schauspielhaus. Premiere Teil 1: 16. 1., 20.30

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Schauspielhaus

  • Stimmen des 20. Jahrhunderts: Margarethe Tiesel und Michael Gempart in Folge 1 der Schauspielhaus-Serie "Die Welt von Gestern" (Probenfoto).
    foto: regine hendrich

    Stimmen des 20. Jahrhunderts: Margarethe Tiesel und Michael Gempart in Folge 1 der Schauspielhaus-Serie "Die Welt von Gestern" (Probenfoto).

  • Anne Habermehl.
    foto: hendrich

    Anne Habermehl.

  • Felicitas Brucker.
    foto: pelekanos

    Felicitas Brucker.

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