Armin Wolf: "SPÖ holt sich Eugen Freund nicht als politischen Akteur"

Interview14. Jänner 2014, 15:43
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Der "ZiB 2"-Moderator hat sich in seiner Dissertation mit Quereinsteigern befasst - Deren Aufgabe sei oft bereits am Wahltag erfüllt

STANDARD: Ihr Ex-ORF-Kollege Eugen Freund kandidiert nun bei der EU-Wahl als Spitzenkandidat der SPÖ. Sie selbst haben Ihre Dissertation über Quereinsteiger in der Politik verfasst. Wissenschaftlich gesehen: Wie stehen Freunds Chancen auf eine zweite Karriere?

Wolf: Im Fall von Eugen Freund extrem gut, wenn er tatsächlich Spitzenkandidat wird. Denn egal wie die Wahl ausgeht, die SPÖ wird ja zumindest ein Mandat schaffen – und damit wird er in den nächsten fünf Jahren im EU-Parlament sitzen. Wie Freunds Chancen auf eine längerfristige politische Karriere stehen, ist schon schwieriger abzuschätzen. Von den Quereinsteigern, die ich 2005 für meine Dissertation untersucht habe, sind immerhin zwei Drittel kein zweites Mal nominiert worden.

STANDARD: Konkret kamen Sie in Ihrer Arbeit zur Erkenntnis, dass die meisten Quereinsteiger in der Politik nicht sehr lange überleben, weil sie bereits am Wahltag ihre Aufgabe erfüllt haben. Die Parteien sehen in den Promis, die sie holen, also bloß als "vote-getter"?

Wolf: So ist es. Die SPÖ holt sich auch Eugen Freund nicht als politischen Akteur, sondern als Attraktion für die Wähler – auch wenn er ein exzellenter Außenpolitik-Journalist ist. Seine primäre Aufgabe besteht darin, am Wahltag möglichst viele Stimmen zur SPÖ zu bringen, als eine Art SPÖ-Testimonial. In meiner Dissertation habe ich solche Promi-Kandidaten als "Pseudo-Politiker" bezeichnet, in Analogie zu sogenannten Pseudo-Ereignissen, die ja auch inszeniert werden, um mediale Aufmerksamkeit zu erregen. Tendenziell geht es den Betreffenden nach dem Wahltag übrigens im EU-Parlament besser als im Nationalrat.

STANDARD: Wieso das?

Wolf: Weil dort die mediale Aufmerksamkeit und damit auch der Druck für Quereinsteiger geringer ist. Die Parteien nominieren für das EU-Parlament auch lieber solche Kandidaten, weil sich die Wähler an sich nur wenig für die EU-Wahl interessieren. Außerdem kalkulieren sie, dass unerfahrene Quereinsteiger im EU-Parlament ohnehin nicht viel Unheil anrichten können. Auf Platz eins der Nationalratsliste würde die SPÖ niemals einen Quereinsteiger setzen.

STANDARD: Nach Hans-Peter Martin und Josef Broukal als SPÖ-Kandidaten: Für die Parteien bergen die Quereinsteiger doch auch stets ein hohes Risiko?

Wolf: Stimmt, weil die Leute vorher beruflich höchst erfolgreich und meist Einzelkämpfer waren. Sie werden als Stars geholt – und in der Partei müssen sie einen völlig neuen Beruf erlernen, sind plötzlich Lehrlinge. Die meisten Quereinsteiger tun sich mit diesem Rollenwechsel recht schwer. Von den Promi-Kandidaten in meiner Untersuchung war auch kein Einziger Parteimitglied– und dementsprechend hatten auch viele Probleme, sich in die Parteiapparate zu integrieren. Wiens SPÖ-Umweltstadträtin Ulli Sima, früher bei Global 2000, ist das etwa gelungen, indem sie sich eine Basis und einen Bezirk gesucht – und sich quasi hinten angestellt hat. Das andere Modell ist Ursula Stenzel in der ÖVP. Solange man als "vote-getter" erfolgreich ist, kann man sich eine gewisse Eigenständigkeit erlauben. Übertreiben darf man das allerdings nicht – siehe Hans-Peter Martin in der SPÖ.

STANDARD: Warum können im Speziellen so viele ORF-Moderatoren den Angeboten aus der Politik nicht widerstehen?

Wolf: Weil sie alle in einer Phase gefragt wurden, in der es ihnen beruflich nicht gut gegangen ist. Keiner hat in einer Hochphase gewechselt: Stenzel wurde gerade als "ZiB"-Moderatorin abgelöst und ins Radio transferiert. Gertrude Aubauer, heute ÖVP-Abgeordnete, musste von der "ZiB" in die Sendung "Hohes Haus" wechseln. Und Josef Broukal war zwar in der "ZiB", aber mit Chefredakteur Werner Mück zerstritten, bevor er zur SPÖ ging. Allen ist gemeinsam: Sie wurden in einer Phase der beruflichen Frustration eingefangen. Allerdings ist der Umstieg vom "ZiB"-Publikumsliebling in die Politik besonders hart – nicht zuletzt, weil man plötzlich fünf Parteien gegen sich hat.

STANDARD: Hat Sie selbst auch schon einmal eine Partei gefragt, für Sie den Listenersten zu geben?

Wolf: Ich wurde zweimal gefragt, ist schon lange her, und es ging beide Male um Bundeswahlen. Die Parteien möchte ich nicht sagen, aber in beiden Fällen war es absurd. Ich habe keine Sekunde über diese Angebote nachgedacht.

STANDARD: Wäre das Ganze für Sie jemals eine Option?

Wolf: Wirklich nicht – ich habe mich zu intensiv mit prominenten Quereinsteigern beschäftigt (lacht).

STANDARD: Demnächst könnte Ihnen Freund schon als Studiogast gegenübersitzen. Werden Sie ihn besonders hart anfassen?

Wolf: Ich fasse meine Interviewpartner nie an. Aber interviewen werde ich ihn genauso wie alle anderen. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 14.1.2014)

Armin Wolf (47) ist stellvertretender Chefredakteur im ORF-Fernsehen und moderiert seit Sommer 2002 die "ZiB 2". Sein Buch "Image-Politik: Prominente Quereinsteiger als Testimonials der Politik" ist 2007 im Verlag Nomos erschienen.

  • Langjähriger Kollege von Eugen Freund und Experte für politische Quereinsteiger: Armin Wolf.
    foto: apa/schlager

    Langjähriger Kollege von Eugen Freund und Experte für politische Quereinsteiger: Armin Wolf.

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