Es flackert in der Leopoldstadt

15. Jänner 2014, 07:00
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Schön und aggressiv: Die russische Künstlerin Lena Lapschina zeigt "Propaganda" bei Steinbrener/Dempf

"Das war ein Kompliment in Moskau, wenn gesagt wurde: man sieht gar nicht, dass das eine Frau gemacht hat", erzählt Lena Lapschina. Die 1965 im westsibirischen Kurgan geborene Künstlerin hat an der Moskauer Universität für angewandte Kunst studiert. Zu einer Zeit, als dort noch alle Menschen, also auch Frau und Mann, gleich sein sollten und als Propaganda ein zentrales Thema war. Die Gestaltung von so genannten Wandzeitungen war dabei ein wichtiges Aufgabenfeld.

Wandzeitung als öffentlicher Kommentar

"Einerseits haben wir es immer gehasst, weil jeder verstanden hat, dass es Propaganda ist, andererseits hat es auch Spaß gemacht", sagt Lapschina. Die Wandzeitung war es auch, die sie künstlerisch in die Wiener Leopoldstadt gebracht hat. Hier, an der Ecke Rotensterngasse/Glockengasse, betreiben Christoph Steinbrener und Rainer Dempf seit 2010 ihre "Wandzeitung" als öffentlichen Kommentar zu gesellschaftlichen Sachverhalten. Die 25 Meter lange Schaufensterfront ihres Studios dient als Ausstellungsfläche, in der wechselnde Inhalte an der Schnittstelle zum Straßenraum gezeigt werden.

Ein zuerst auferlegtes Bilderverbot - die bewusst herbeigeführte Bleiwüste sollte im Gegensatz zur bunten Werbewelt stehen - wurde nach und nach aufgelöst. Mit 2014 öffnet sich die Wandzeitung der bildenden Kunst und heißt von nun an "Bei Steinbrener/Dempf". Lena Lapschinas Videoprojektion "Propaganda" ist die erste Schau in diesem neuen Zyklus.

Dominante Propaganda

Rot und gelb, dann blau und weiß vibrieren die Lichterquadrate in der Auslagenfläche, die die Hausecke auf einmal viel größer erscheinen lässt. Die Menschen, die an der davor liegenden Bushaltestelle warten, wirken irritiert, aber auch neugierig. Ein kleiner Hund an der Leine seines Herrl hat Angst vor dem flackernden Licht, der Mann wechselt die Straßenseite. Die Installation "Propaganda" ist sehr dominant – und: man sieht gar nicht, dass sie eine Frau gemacht hat.

"Wie kann ich das Thema Propaganda, das eine doch sehr theoriegeladene Sache ist, möglichst einfach visuell umsetzen? Das war meine Frage", erklärt Lapschina. Und weiter: "Propaganda muss schön sein, damit sie die Leute mitreißt, genau so wie in der Werbung." Schön ist sie, die erleuchtete Auslagenfläche, die das alte Haus optisch beinahe abheben lässt – aber auch aggressiv. Dem fast hypnotisierenden Blinken folgen kurze Pausen, in denen sich das Auge ausruhen kann.

Die großteils abstrakten Farbflächen, nur einmal erscheint kurz ein Schriftzug P R O P A G A N D A, sind grob gepixelt, aber flüssig in ihrer Bewegung. Sie scheinen die Auslagen zu durchfließen, eine Lichtflut. Eine Zumutung für die AnwohnerInnen? "Dass es vielleicht Probleme gibt, ist auch interessant und wird ein Teil der Arbeit", sagt Lapschina. "Viele wollen, dass der Bezirk hip wird, aber nicht, dass sich etwas verändert."

Wem gehört der öffentliche Raum? ist eine Frage, die die Künstlerin schon in vielen Projekten beschäftigt hat. Manchmal transponiert sie Zitate aus dem Stadtraum, wie das Graffito "Wien bleibt deutsch", gefunden in Simmering, in den Galerienraum – und freut sich, wenn sie da auf einmal für Provokation sorgen. Demnächst zum Beispiel im Kunstraum Niederösterreich. (Tanja Paar, dieStandard.at, 15.1.2014)                                                                             

Lena Lapschina lebt und arbeitet in Wien. Ihre Installation "Propaganda" ist noch bis Ende Februar bei Steinbrener/Dempf zu sehen. Jeweils von Einbruch der Dunkelheit an, derzeit von 16 bis 24 Uhr, Ecke Rotensterngasse/Glockengasse, 1020 Wien.

Links

Video zur Arbeit "Propaganda"

www.lapschina.com

www.steinbrener-dempf.com

Am Donnerstag, 16.1. 2014 um 19 Uhr, eröffnet die Ausstellung "Copie non conforme" im Kunstraum Niederösterreich, bei der Lena Lapschina ebenfalls mit einer Arbeit vertreten ist. Zu sehen bis 15. 3. 2014 in der Herrengasse 13, 1014 Wien.

  • Die Installation "Propaganda" in der Rotensterngasse/Glockengasse im 2. Bezirk: einmal in Orange-Gelb...
    foto: rainer dempf

    Die Installation "Propaganda" in der Rotensterngasse/Glockengasse im 2. Bezirk: einmal in Orange-Gelb...

  • ... einmal in lila mit dem Schriftzug "Propaganda".
    foto: rainer dempf

    ... einmal in lila mit dem Schriftzug "Propaganda".

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