Modellregionen als Ausweg aus dem Bildungsstreit

14. Jänner 2014, 05:30
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Wer sie wo einführen will, welche Hürden bestehen und warum Bildungsexperten sie nicht unbedingt für sinnvoll halten

Frage: Was sind Modellregionen zur Gesamtschule?

Antwort: Modellregionen können ganze Bundesländer, einzelne Schulsprengel oder auch nur einzelne Schulstandorte sein, in denen alle Kinder zwischen zehn und 14 Jahren einen gemeinsamen Schultyp besuchen. Ursprünglich ist diese Idee bei den Regierungsverhandlungen zwischen Unterrichtsministerin Ga­briele Heinisch-Hosek (SPÖ) und Wilfried Haslauer (ÖVP), Salzburger Landeshauptmann, entstanden. Sie wollten in jedem Bundesland an einer bestimmten Anzahl von Schulen die Schüler von Neuen Mittelschulen und Gymnasien gemeinsam unterrichten lassen. Dieser Vorschlag wurde von den Parteichefs Werner Faymann (SPÖ) und Michael Spindelegger (ÖVP) allerdings abgelehnt.

Frage: Was planen die Landeshauptleute jetzt?

Antwort: Die ÖVP-Landeshauptleute in Vorarlberg, Tirol und Salzburg wollen jetzt trotzdem Modellregionen einführen. Landeshauptmann Markus Wallner will ganz Vorarlberg zur Modellregion erklären. In Tirol will Günther Platter im Zillertal, wo es bereits jetzt keine Gymnasien gibt, die sechs Neuen Mittelschulen in Gesamtschulen umwandeln. Haslauer plant in Salzburg, einzelne Schulsprengel auszuwählen, in denen es bereits jetzt keine Gymnasien gibt. Diese Regionen sollen dann wissenschaftlich beobachtet werden. Von den Studien erwarten sich die Landeshauptleute Ergebnisse zu Vor- und Nachteilen der Gesamtschule.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Gesamtschule und Neuer Mittelschule?

Antwort: Die Neue Mittelschule ersetzt die bisherige Hauptschule. Der Unterschied zur Gesamtschule ist, dass es weiterhin die Möglichkeit gibt, ein Gymnasium zu besuchen. Bei der Gesamtschule gibt es für Zehn- bis 14-Jährige nur einen Schultyp. Die unterschiedlichen Leistungsniveaus müssen die Lehrer innerhalb der Klasse ausgleichen.

Frage: Welche Hürden gibt es für die Modellregionen?

Antwort: Um eine Modellregion schaffen zu können, müssen jene Schulen zustimmen, die daran teilhaben, und zwar zwei Drittel der Eltern und zwei Drittel der Lehrer am Schulstandort. Wenn ein ganzes Bundesland die Gymnasien abschaffen will – und sei es auch nur für einige Zeit ­–, müssen zwei Drittel der Abgeordneten im Parlament zustimmen.

Frage: Was bringen Modellregionen?

Antwort: Die Verfechter der Modellregionen erwarten vor allem eine Aufweichung der verhärteten Fronten in der Schulpolitik. "Unsere Diskussion geht momentan über Glaubenskriege nicht hinaus" , begründete etwa Haslauer im Standard-Interview sein vorgehen. Experten halten die derzeit geplanten Modellregionen für nicht unbedingt sinnvoll. Bei Schulversuchen zur Gesamtschule müssten sich in einer Region mindestens ein oder zwei Gymnasien beteiligen, sagt etwa Heidi Schrodt von der Initiative "BildungGrenzenlos"  im Gespräch mit dem Standard. Bildungspsychologin Christian Spiel von der Universität Wien hält nichts davon, nur einzelne Schulen zu überprüfen, die bereits alle Schüler eines Orts besuchen. So würde man nur beobachten, was es bereits gebe, und das ohne vergleichbare Rahmenbedingungen zu einer Gesamtschule zum Beispiel in einer Großstadt und ohne entsprechendes Lehrplankonzept.

Frage: Wie verlaufen eigentlich die Fronten im ÖVP-Schulstreit?

Antwort: Die Landeshauptleute im Westen und auch die ÖVP-Politiker in der Steiermark verlassen mit ihrer Zustimmung zur Gesamtschule die Parteilinie. Für Modellregionen ausgesprochen hat sich auch die ÖVP-Wien. Michael Spindelegger sowie die ÖVP in Niederösterreich, Oberösterreich, Burgenland und Kärnten wollen Gymnasien in seiner Langform erhalten. Sie fürchten, dass ein gemeinsamer Unterricht für alle das Niveau senkt. (Lisa Aigner, DER STANDARD, 14.1.2014)

  • Modellregionen könnten vor allem die verhärteten Fronten in der Schulpolitik aufweichen.

    Modellregionen könnten vor allem die verhärteten Fronten in der Schulpolitik aufweichen.

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