Virtuelle Elektroschocks für Chinas Korrupte

14. Jänner 2014, 05:30
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Millionen Chinesen gehen in einem Internet-Spiel mit Elektroschockern auf die Jagd nach korrupten Beamten. Auch in der realen Welt gehen die Behörden hart vor: Mehr als 180.000 Funktionäre wurden 2013 bestraft

Jeder Schlag mit dem Elektroknüppel auf den korrupten Beamten löst einen schrägen Ton aus. Dem Getroffenen tut es nur virtuell weh. "Immer fest drauf" lautet das Motto in Chinas erstem offiziellen Online-Antikorruptionsspiel "da tanfu" (Schlagt die Korrupten). Seit Renminwang, die Webseite des Parteiorgans Volkszeitung, vergangene Woche das Internetspiel auf den Markt brachte, übten sich bereits Millionen Chinesen als virtuelle Jäger korrupter Parteifunktionäre.

Die Aufgabe ist einfach: In einem zweistöckigen Gefängnisbau tauchen in acht Zellenfenstern abwechselnd vier geld- und sexgierige Bösewichter und ein freundlicher Polizist mit Handschellen auf. Jeder Schlag auf die Birne lässt einen der korrupten Kader verschwinden und bringt dem Spieler bis zu 100 Punkte ein. Trifft er aber eine leere Zelle, in der schon einer sitzt, sind zehn Strafpunkte fällig. Haut er einen Polizisten, kostet das 100 Punkte.

Doch hat das Online-Game immanente ideologische Fehler: Je rascher ein Spieler die als Fieslinge karikierten chinesischen Kader wegschlägt, desto schneller tauchen weitere Korrupte auf. Die Spieler können in dem kaum zwei Minuten dauernden Durchgang nie siegen. Der Rekord stand am Sonntag bei der Trefferzahl 14.593. Blogger höhnten: "Es ist wie im wirklichen Leben. Der Staat brüstet sich mit Antikorruptionskampagnen, die faulen Eier werden aber immer mehr."

Rekord an Denunziationen

Todernst fragen linientreue Kommentatoren, ob das Online-Game politisch korrekt sei. "Ist der Kampf gegen Korruption etwa nur ein Spiel?", zitierte sie die Zeitung China Daily. Das Online-Game solle die Moral erhöhen, schrieb hingegen die Volkszeitung. Es erinnere das Volk erneut daran, "den Kampf gegen Korruption immer weiter zu führen".

Das kommt auch höchsten Parteistellen zupass. Die fordern inzwischen Chinas Bevölkerung zur aktiven Mithilfe auf. Die ZK-Aufsichtsbehörde über Parteidisziplin (CCDI) meldete gerade ein Rekordergebnis an Denunziationen. 2013 gingen bei den Disziplinwächtern mit 1,95 Millionen Anzeigen fast 50 Prozent mehr Hinweise auf belastete Parteifunktionäre ein als noch im Vorjahr. In der neuen Kampagne zur Säuberung der Partei und der Bekämpfung der Korruption wurden 182.000 KP-Offizielle und Beamte aller Art parteiintern oder verwaltungsrechtlich bestraft, auch 31 hochrangige Funktionäre mussten sich verantworten.

Rezentralisierung der Macht

Parteichef Xi Jinping leitete vergangene Woche in Peking die alljährliche "Zentrale Parteikonferenz zu Recht und Politik. Nur wenigen fiel auf, dass sich der Name der Konferenz plötzlich geändert hatte. Statt wie früher "Landeskonferenz Recht und Politik" hieß sie plötzlich "Zentrale Parteikonferenz." Es war ein weiteres Zeichen für die Rezentralisierung der Macht in der Hand des neuen Saubermannes Xi.

Von Gewaltenteilung, unabhängiger Justiz, Freiheit für die Enthüllungspresse war keine Rede. Die Antikorruptionskampagne ist Aufgabe der Partei. Xi verkündete sein Credo "Null Toleranz", wenn es sich um "schwarze Schafe" oder Rechtsbrecher handelt, gleich, wen es wo und in welchem Rang auch immer trifft.

Die Erwartung in der Öffentlichkeit wächst, dass Parteichef Xi schon bald noch mächtigere Tiger an den Pranger stellen lässt, allen voran den einst gefürchteten Sicherheitszaren der Inneren Führung Chinas, Zhou Yongkang. Bis 2012 war er jahrelang die graue Eminenz hinter der Verfolgung aller Dissidenten, nun soll er unter Hausarrest stehen. Das Netz ziehe sich um ihn immer enger, nachdem einstige Gefolgsleute entmachtet wurden. Zhou soll eng mit dem 2013 zu lebenslanger Haft verurteilten Politbürostar und Exparteichef von Chongqing Bo Xilai verbunden gewesen sein. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 14.1.2014)

  • Knapp zwei Minuten haben User, möglichst viele Korrupte zu "strafen", Polizisten hingegen zu schonen. Ideologisch ist das Spiel undurchdacht, die Korruption kann nämlich nicht besiegt werden.
    foto: people's daily

    Knapp zwei Minuten haben User, möglichst viele Korrupte zu "strafen", Polizisten hingegen zu schonen. Ideologisch ist das Spiel undurchdacht, die Korruption kann nämlich nicht besiegt werden.

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