In den Nischen tut Wunderliches sprießen

13. Jänner 2014, 17:25
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Österreich ist heuer Schwerpunktland beim größten Showcase-Festival Europas, dem Eurosonic Festival Groningen

Wien - Nichts gegen das Neujahrskonzert. Aber dieses in über eine Milliarde Haushalte verstrahlte Austria-Gütesiegel soll nicht den Blick darauf verstellen, dass in Österreich an den anderen 364 Tagen des Jahres Musik produziert wird, die nicht nur rituell wiederkehrende Exhumierungen der guten alten Zeit bedeutet.

In den letzten 20 Jahren entstanden hierzulande trotz Standort-, Sprach- und Kulturnachteilen verschiedenste Milieus und Szenen, deren Output es aus den Nähten und Ösen des Weltberühmt-in-Österreich-Korsetts geschafft hat. Von Kruder und Dorfmeister bis Ja, Panik über Parov Stelar und Pungent Stench bis zu Attwenger, Elektro Guzzi - und, und, und.

Gut, das mit DJ Ötzi ganz oben in den britischen Charts war uns selber unangenehm, doch selbst im als brotlos angesehenen Bereich des Independent-Pop entstehen immer wieder beachtliche Karrieren. Zuletzt tourte etwa Matthias Frey alias Sweet Sweet Moon durch Südamerika, weil dort nach einem epidemisch gewordenen Onlinevideo des Musikers ein Hype ausgebrochen war. Was wären die großen Erfolge ohne die kleinen?

Österreich ist dem niederländischen Eurosonic Noorderslag Festival als Ursprungsland wunderlicher und abenteuerlicher Musik aufgefallen. Bei dem am Mittwoch in Groningen beginnenden größten Showcase-Festival Europas ist Österreich heuer Schwerpunktland. Das ist nicht nichts. Das Festival gilt als Sprungbrett der Karrieren von James Blake, The xx, Lykke Li und vielen anderen.

Auch die österreichische Band Elektro Guzzi, die Techno mit traditionellen Instrumenten spielt, wurde in Groningen schon mit dem EBBA-Preis (European Border Breaking Award) ausgezeichnet. Das schlug sich nieder. Bernhard Hammer: "Wir wurden 2012 für zirka zehn bis 15 Festivals gebucht, die sich auf Eurosonic zurückführen lassen, darunter große wie das Roskilde. Insgesamt haben wir 2012 über 70 Konzerte gespielt, so viele wie noch nie und sehr viele davon in Holland und Belgien."

Musiker und Bands wie Kreisky, Clara Luzia oder Soap & Skin sind bereits beim Eurosonic aufgetreten. Dafür muss man sich direkt bewerben, Gagen gibt es nicht, geboten werden die Plattform und die Aufmerksamkeit, die Eurosonic genießt.

EU-gefördertes Booking

Das 1996 ins Leben gerufene Festival ist eine moderne Version einer Musikmesse. Denn trotz virtueller Nähe über die Netzwelt zählt der persönliche Kontakt im Musikbusiness mehr denn je. Und nirgendwo finden sich mehr Konzert- und Festivalveranstalter, die nach neuen aufregenden Bands Ausschau halten, als in Groningen. Zusätzlichen Anreiz, neue Bands zu buchen, bieten zudem eigene EU-Förderungen.

Unterstützung erhielt das Eurosonic vom Music Information Center Austria (MICA) und dem Austrian Music Export. Über 160 Bewerbungen trudelten ein, 18 hat sich das Eurosonic ausgesucht. Laut Franz Hergovich vom MICA hatten das Wiener Popfest und das Waves-Festival wesentlichen Anteil bei der Auswahl der Bands, zu beiden kamen Eurosonic-Abgeordnete angereist, beide Festivals hinterließen Eindruck.

Eurosonic will originelle und eigenständige Bands präsentieren. Davon sind in der österreichischen Auswahl einige zu finden. So spielt etwa das Gemüse Orchester bei der Eröffnung des Österreicherschwerpunkts, dazu passend gibt es statt 08/15-Buffet Gemüse - in verschiedensten Darreichungsformen. Begleitend dazu erscheint im Verlag für Moderne Kunst das englischsprachige Buch Austrian Heartbeats - Reiseführer für aktuelle Musik aus Österreich mit Texten und Interviews von und mit österreichischen Musikern und einem Überblick der Szenen und Bands aller Bundesländer und Stile. Anfang Februar erscheint Austrian Heartbeats auf Deutsch.

Zwar ist das Eurosonic ein Newcomer-Festival, im Österreicherschwerpunkt finden sich aber ein paar alte Bekannte. Sie und ihr anhaltender Einfluss sollen ebenso abgebildet werden wie das Neue. Auf- und Antreten werden Attwenger, Cid Rim, Fuckhead, das Gemüse Orchester, Ghost Capsules, Gudrun von Laxenburg, GuGabriel, Hella Comet, Ja, Panik, Klangkarusell, Königleopold, Manu Delago Handmade, Russkaja, Sex Jams, Sweet Sweet Moon, Tirana, Trains of Thoughts und T-Shit.

An die 3000 Veranstalter warten darauf, ihre Entdeckungen zu machen: Break a Leg! (Karl Fluch, DER STANDARD, 14.1.2014)

  • Das Gemüse Orchester ist eines der musikalischen Schmankerln, die sich beim heurigen Österreicherschwerpunkt des Eurosonic-Festivals im niederländischen Groningen vorstellen. 
    foto: zoefotografie

    Das Gemüse Orchester ist eines der musikalischen Schmankerln, die sich beim heurigen Österreicherschwerpunkt des Eurosonic-Festivals im niederländischen Groningen vorstellen. 

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