Das süße Nihilistenleben in Wien nach 1900

13. Jänner 2014, 17:30
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Der posthum entdeckte Meisterroman "Eine Wiener Romanze" des hebräischen Autors David Vogel

Wien - Vertrauter könnte auf den ersten Blick ein in Wien nach 1900 spielender Roman kaum anmuten. Ein junger Mann wird aus Osteuropa in die Hauptstadt der Monarchie verweht. Tatsächlich eignet Michael Rost etwas Haltloses und Unseriöses. Ein sagenhaft reicher "Selfmademan" stattet den Jüngling mit Geldmitteln aus. Rost bezieht in einer Bürgerwohnung Quartier. Er beglückt die von ihrem Gemahl arg vernachlässigte Zimmerwirtin und wendet sich gleich darauf, schon der Einfachheit halber, deren 16-jähriger Tochter zu.

Alles entspricht dem Klischee. Der Wiener Frühling verdreht denen, die es sich leisten können, den Kopf. Die Männer vertreten zur Geschlechterfrage fragwürdige Thesen, die sie bei Otto Weininger nachgelesen haben. Der Wind weht sanft durch den Volksgarten, und doch liegt eine Ahnung von Gewalttätigkeit in der Luft.

David Vogel (1891-1944), der Autor von Eine Wiener Romanze, stattet seinen Helden Rost mit allerlei Fragwürdigkeiten aus. Michael, der Spötter, bemüht sich, in der Luft Wurzeln zu schlagen. Rost ist Jude. Den Ort seiner Herkunft streift er in hastigen Rückblenden. Es ist die Welt der Schtetlech in Podolien und Galizien, in denen die jüdischen Gemeinden ein stilles Leben führen. Ab und zu reißt ein Pogrom sie aus ihrer Beschaulichkeit heraus.

Wer das wahre Wiener Leben um 1900 erkunden, auf seinen Geschmack kommen will, den nimmt Vogel behutsam bei der Hand. Mittellose Juden sitzen in trostlosen Kaschemmen in der Vorstadt. Unter ihnen findet man ewig heisere "Tenöre", die vom herrlichen Leben in Amerika schwärmen. Es finden sich Anarchisten unter diesen armen Schluckern, geprügelte Existenzen, Philosophen und Maulhelden. Ein lebensmüder Gottsucher begleitet Rost auf seinen Spaziergängen durch die Unterwelt. Man meint, im nächsten Augenblick einen verarmten Postkartenmaler aus Linz um die Ecke biegen zu sehen.

Vogel ist als Dichter ein Aquarellmaler. Der Farbauftrag seiner im Original hebräischen Prosa ist flüchtig und durchscheinend. Eine Wiener Romanze wurde vor nicht allzu langer Zeit in einem Archiv in Tel Aviv entdeckt. Dort "schlummerte" das Buch auf 15 eng beschriebenen Papierbögen. Die Erzählung vom Zustand des kostbaren Manuskripts lässt an Robert Walsers Bleistiftkryptogramme denken.

Umso verblüffender ist der Grad an Abgeschlossenheit, die Vogel seinem - irgendwann weggelegten - Romanprojekt angedeihen ließ. Wien liegt "nackt und verlassen" vor dem Leser. Kalenderweisheiten bettet der Autor nur ausnahmsweise in den ruhig strömenden Erzählfluss. Dann heißt es: "Wer auf Vergnügen aus ist, zahlt dafür."

David Vogel konnte gar nicht so viele Vergnügungen gehabt haben, wie er bezahlen musste. Die äußeren Eckdaten seines Lebens stimmen mit jenen seines Romanhelden Rost in bemerkenswerter Weise überein. Vogel litt materielle Not. Versuchshalber schlug er sich als Hebräischlehrer durch. Nach seiner Übersiedlung nach Paris besserte sich seine Lage unwesentlich. Teile seines Nachlasses soll Vogel im Garten eines Hauses in Hauteville vergraben haben. Über sein Ende gibt es widersprechende Angaben. Lange dachte man, er sei auf der Flucht vor den Nazis erschossen worden. In Wahrheit dürfte er 1944 in Auschwitz ermordet worden sein.

Sieht man von einer unmotivierten Rahmenhandlung ab, weist Eine Wiener Romanze Spuren von Vollendung auf. Im geschmeidigen Wechsel der Erzählperspektive wird Wien zum Erfindungslabor des Nihilismus. Die Großstadt frisst, was ihr Menschen aus der Provinz an Geist und guten Absichten zuführen. "Je stärker einer ist", heißt es einmal, "desto größer ist sein Kummer." David Vogel muss recht stark gewesen sein. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 14.1.2014)

David Vogel: "Eine Wiener Romanze". Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Aufbau 2013

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    foto: israel sun
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