Sextens Sonnenuhr steht auf Auszeit

14. Jänner 2014, 16:42
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Im ruhigen Südtiroler Fischleintal ist Skifahren gut möglich, aber nicht der Gipfel des Genusses einer Winterlandschaft

Theresa und Tamara wirken ein wenig unentspannt. Noch während die beiden stämmigen Kaltblüter vor den Schlitten gespannt werden, stampfen sie laut auf mit ihren Hufen, ganz so, als könnten sie es nicht erwarten, an diesem klaren Wintertag ins Fischleintal zu kommen. Das Tal in den Sextener Dolomiten wird immer wieder als eines der schönsten der Alpen gerühmt. Man mag es alsbald verstehen, haben einen die beiden Stuten tiefer hineingezogen in die Welt aus Mauern und Zacken, aus Spitzen und Nadeln, in eine Formenfülle aus Fels. Nicht von ungefähr gelten die Sextener Dolomiten mit den berühmten Drei Zinnen als sommerliches Wunschziel vieler Kletterer und Bergwanderer. Aber im Winter?

Dass die Pferdeschlitten, die hier unterwegs sind, lediglich Kufen haben und keine verschämt-versteckt angebrachten Räder, lassen es schon erahnen: Hier ist Verlass auf den Schnee. Und so ist es kaum verständlich, dass der große Winterrummel bisher noch nicht Einzug gehalten hat.

Bad Moos, ein Ortsteil des im Ersten Weltkrieg durch erbitterte Kämpfe traurig bekanntgewordenen Dorfes Sexten, besteht praktisch nur aus einem einzigen Anwesen: dem Hotel Bad Moos und den dazugehörenden Gebäuden und Stallungen für die Artgenossen von Theresa und Tamara. Es ist das einzige Haus Südtirols, das eine eigene heilkräftige Schwefelquelle besitzt, und es scheint dadurch zunächst einmal nur etwas für Kurgäste zu sein. Allerdings braucht man das Haus nur durch den Hinterausgang wieder zu verlassen, und schon steht man am Eingang zur Talstation der Rotwandwiesenbahn.

Paaren einen Korb gegeben

"Liebespaarlift" nannte man den ersten Lift, der hier für die Wintersportler in den 1960er-Jahren gebaut wurde. In einem Korb mussten zwei Personen eng aneinandergedrückt stehen und sich hinaufbringen lassen. Heute sind es Sechserkabinen, die innert Minuten die Fahrt hinauf zur Rotwandwiese schaffen. Hier oben mag dann mancher, der zum ersten Mal aussteigt, vorerst die Ski gleich wieder wegstellen und tief durchatmen. Nicht wegen der Höhe, es sind kaum 2000 Meter, aber wegen des Blicks von der Bergstation. An Rudis Hütte, einer beliebten Einkehrstation, schaut man vorbei und über eine sanfte Mulde bis zur knapp 3000 Meter hohen Rotwand hinauf, und zum Zehner und Zwölfer, zu zwei der insgesamt fünf Dolomiten-Gipfel, die die sogenannte Sextener Sonnenuhr bilden. Ihre Schatten dienten den Bewohnern des Tals früher tatsächlich als Zeitmesser.

Gewiss, "schwarze" Abfahrten und Kanonenrohre, deren Bewältigung am Abend Gegenstand von Angeberei an der Bar sein könnte, findet man hier nicht. Wer Abenteuer auf steilen Pisten sucht, kann sich die Anreise ins Fischleintal sparen. Das Skigelände in Bad Moos kann vielmehr als Familienziel für den Winterurlaub angesehen werden, zumal Kinder neben den gut erschlossenen Rotwandwiesen auch noch eine fünfeinhalb Kilometer lange Rodelbahn interessieren dürfte.

Fiskal-Fische oder so ähnlich

Der Name des Fischleintals hat übrigens nichts mit Fischen zu tun, etwa mit "munteren Forellen", wie sie Franz Schubert im oberösterreichischen Steyrtal besingen ließ. Er leitet sich ab von "zum Fiskus gehörig" und kommt vermutlich aus dem Rätoromanischen, dürfte also mit den Zöllen zusammenhängen, die einst auf dem Weg hierher zu entrichten waren. Val fiscalina heißt das Tal heute noch "richtiger" auf Italienisch.

Am Abend dann, nach dem Essen, setzt sich der Hausherr zu seinen Gästen an den Kamin und erzählt noch ein paar Dinge über das Tal, die im Winterurlaub größeren praktischen Nutzen haben als Etymologie. Erwin Lanzinger, der das Hotel Bad Moos im Jahr 2010 auf den Fundamenten eines alten Badehauses aus dem 18. Jahrhundert ausgebaut hat, scheint sich fürs Langlaufen zu begeistern. So erzählt er von stundenlangen Touren, die bis zum Kreuzbergpass führen, der Südtirol vom Veneto trennt. Wer will, könne auf diesem Loipennetz sogar bis nach Cortina d'Ampezzo gleiten.

Und noch etwas: Wem das Pistenangebot auf den Rotwandwiesen nicht abwechslungsreich genug ist, der setzt sich einfach in den Skibus. Von Bad Moos aus gelangt man in kürzester Zeit in die anspruchsvolleren Gebiete von Haunold, Helm und Hahnspiel - und wieder retour in die Ruhe. (Christoph Wendt, DER STANDARD, Album, 11.1.2014)

  • Die Drei Zinnen sind die spektakulärsten Gipfel in den Sextener Dolomiten.

    Die Drei Zinnen sind die spektakulärsten Gipfel in den Sextener Dolomiten.

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