Berlin, 25 Jahre nach dem Mauerfall

13. Jänner 2014, 16:18
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25 Jahre nach dem Fall der Mauer haben Berliner Streetart-Künstler längst neue Projektionsflächen für ihre Ideen gefunden

Zum Einstieg der "Baum", eine der einfacheren Yogaübungen: Hände über dem Kopf zusammenfalten, und dabei auf nur einem Bein stehen. Man muss es ja nicht gleich auf der Spitze einer Metallstange mit Verkehrszeichen machen wie der Berliner "Street Yogi". Immerhin ist dieses Leichtgewicht kaum fünf Zentimeter groß, hat einen Körper aus Kork und Gliedmaßen aus Zahnstochern. Sein Bauch ist grün, gelb und rot sowie mit Yin-Yang-Symbol versehen. Doch der "Street Yogi" bleibt in Berlin selten allein. Auf einer anderen Figur steht einfach nur das Wort "Joy", Freude. Und genau diese bereitet sein Anblick.

Denn schon ein paar Meter weiter steht der nächste und vollführt seine Yogaübungen. Fast immer in luftiger Höhe, etwa auf Straßenschildern, auf Gesimsen und eben auf Verkehrszeichen. Wer diesen Männchen folgt, durchwandert ein ganzes Stadtviertel und richtet so den Blick auf Punkte, die man ohne die Suche nach den "Street Yogis" wohl kaum bemerkt hätte. Caro Eickhoff hilft einem dabei, die kleinen Vertreter der Streetart nicht zu übersehen.

Mauerfall und Fallbeispiele

Die Berliner Stadtführerin spaziert zu diesem Thema durch die Viertel Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln und kann einem einiges über Straßenkunst erzählen. "Streetart hat sehr viel mit Stadtentwicklung zu tun", sagt sie. Der Fall der Mauer vor 25 Jahren hat viel Raum in der Stadt geschaffen. Durch dieses historische Ereignis, erzählt Eickhoff, sei auch ein ganzer Schwung an selbstverwalteten Strukturen entstanden. Und da seither die unterschiedlichsten Szenen nebeneinander existieren, sei es fast schon eine naturwüchsige Entwicklung, sich in den Straßen künstlerisch auszudrücken.

Die Mauer war auf Westberliner Seite wohl tatsächlich immer so etwas wie eine Leinwand. Bunt an vielen Stellen, jedoch nicht flächendeckend, wie man vielleicht angesichts der Fotos aus der Zeit ihres Falls schließen möchte. Erst im Frühjahr 1990 legten Künstler am Kreuzberger Ufer der Spree Hand an und bemalten knapp 13 Kilometer der Mauer. Einige der Bilder - darunter jene von Breschnew im innigsten Kuss mit Honecker und von einem Trabant, der durch die Mauer bricht - sind Kult. Im Jahr 2009 wurden dann Teilstücke renoviert und mit einem Lack überzogen, der die Bilder abwaschbar macht. Denn zu viele, die Berlin besuchen, wollen sich bis heute auf der Mauer verewigen.

Künstlerische Graffiti hätten in Berlin so etwas wie Tradition - eine, die in den frühen 1980er-Jahren aufgetaucht ist, meint Eickhoff: "Erst Mitte der 1990er hat sich der bildhafte und spielerische Berliner Graffiti-Style etabliert", sagt sie. "Ursprünglich waren es politische Bewegungen, die ihre Ideen in den 1970ern teilweise mit gesprühten Parolen verbreiteten. Mit der Zeit wurden dann auch Schablonen beim Sprühen benutzt." Erst nach und nach traten künstlerische Motive an die Stelle rein politischer Slogans.

"Gentrifizierung" ist ein Schlagwort, dem man bei einer Stadtführung dieser Art nicht entgeht. Die statusniedrige Bevölkerung werde Zug um Zug von den statushöheren Schichten verdrängt, was die Struktur im Wohnviertel nachhaltig verändert, lautet eine gängige Umschreibung im Soziologendeutsch. All das passiert selten zur Freude jener Menschen, die bisher im Viertel lebten, oft Studenten oder Künstler, die nicht genug haben, um diese Veränderungen mitzumachen. Durch rasante Mietpreiserhöhungen fühlen sich viele regelrecht aus ihren Heimaten verdrängt.

Geglättete Berliner Berge

Prenzlauer Berg und Kreuzberg seien bereits durchgentrifiziert und relativ "glatt" geworden, wie Eickhoff es ausdrückt. In Neukölln stecke man mittendrin in diesem Prozess, was bedeute, "dass sich eine arme Streetartistin im Nordneuköllner Kiez bald kein Atelier mehr leisten kann". Streetart ist freilich nicht an Ateliers gebunden und umfasst völlig unterschiedliche Szenen und Kulturen, die in dieser Stadt eine riesige Spielwiese haben. "Während Graffiti nicht unbedingt dafür gedacht sind, vom Mainstream verstanden zu werden, sondern eher zur Kommunikation innerhalb der Szene dienen, möchten andere Streetart-Künstler der Welt etwas mitteilen. Aber auch diese Botschaften werden eben meist über Bilder kommuniziert", erklärt Eickhoff ihre Sicht der Dinge. Streetart ist natürlich nicht immer so klein, dass man wie bei den "Street Yogis" danach suchen muss. Größere Kunstwerke sind oft auch geklebt als plakatähnliche Paste-ups oder kunstvoll aus dem Mauerwerk selbst herausgearbeitet. Einen offensichtlichen kommerziellen Hintergrund gibt es bei Streetart selten, und er betrifft nur einzelne Künstler, die bereit sind, ihre Anonymität aufzugeben. Viele arbeiten ja illegal in der Nacht und können sich gerade einmal Fotos der auf Wänden applizierten Kunstwerke zu Hause aufhängen. Dazu kommt, dass viele lediglich unter ihrem Künstlernamen bekannt sind. Dem Großteil dieser Künstler ginge es demnach um das "Recht auf ihre Stadt" - "reclaim your city" lautet ihr Motto, erklärt Eickhoff.

"Little Lucy" etwa ist eine geklebte Bilderserie mit subversiver Ironie, in der ein kleines Mädchen versucht, seine Katze auf nichttierschutzkonforme Art loszuwerden. Auf dem RAW-Gelände in der Nähe der Warschauer-Straße findet man viele solcher Serien und gesprühte Gemälde, die man sich wie einen Brueghel stundenlang ansehen kann und doch immer wieder neue, bezaubernde Details entdeckt. Die Abkürzung "RAW" ist übrigens kein poetischer Name, der auf das Rohe der Streetart verweist, sondern er steht ganz profan für "Reichsbahn-Ausbesserungswerk".

Auf einer langgestreckten Garagenwand werden hier bunte Wollknäuel von einer futuristischen Maschine eingesogen und danach als gleichförmige graue Würfel mit traurigen Augen wieder ausgespuckt. Faszinierend auch, wenn architektonische und natürliche Gegebenheiten in Bilder miteingebaut werden wie bei jenem Motiv von einem Mann auf einer Hallentür, der sich aus dem echtem Gras erhebt und an dessen Arm wiederum nur gemalte Ameisen raufklettern. Und besonders ironisch: der Cowboy, der hier in bester Comic-Manier wie von einer Kugel getroffen fällt, aber nur auf einer Bananenschale ausgerutscht ist.

Spielfeld ohne Zeitdruck

In die alten Lager des RAW sind mittlerweile etliche Lokale eingezogen, und die gigantischen Wände der ehemaligen Fabrikshallen bieten Künstlern ein Spielfeld, auf dem sie ohne Zeitdruck und legal arbeiten können. Denn nicht jeder hektische Versuch, lustige Dinge wie "Auto" auf fremde Wände zu sprühen, fällt zwangsläufig unter Streetart. Und selbst wenn man die Definitionsfrage von Kunst gar nicht erst stellen will: Viele Hausbesitzer in Berlin finden es gar nicht so charmant, ihre frisch renovierten Häuser besprüht oder beklebt vorzufinden - selbst wenn es handwerklich einwandfrei gemacht wurde.

Gleichzeitig werden sämtliche Streetart-Kunstformen - gerade auch in Berlin - schon ganz gezielt kommerziell eingesetzt, etwa in der Werbung. Selbst so mancher seriöse und etablierte Geschäftsbesitzer besprüht oder beklebt seine Rollläden und Türen sogar selbst. Freilich nicht nur aus künstlerischem und werberischem Antrieb heraus, sondern wohl auch, um der ungewollten Fremdgestaltung zu entgehen: Meistens gilt sie nämlich noch in Berlin, die goldene Regel der Sprayer: Übersprüh kein Bild von einem anderen! (Luzia Schrampf, DER STANDARD, Album, 11.1.2014)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde von Visit Berlin, Air Berlin und andel's Hotel Berlin unterstützt.

  • Teile der Berliner Mauer haben heute den Status eines unantastbaren Kunstwerks. Die Streetart-Szene der Stadt ist aber heute ohnehin bunter und beschränkt sich nicht nur auf Graffiti, die niemand zu übermalen wagt.
    foto: ap / klaus-dietmar gabbert

    Teile der Berliner Mauer haben heute den Status eines unantastbaren Kunstwerks. Die Streetart-Szene der Stadt ist aber heute ohnehin bunter und beschränkt sich nicht nur auf Graffiti, die niemand zu übermalen wagt.

  • Air Berlin fliegt mehrmals täglich direkt von Wien nach Berlin, zusätzlich gibt es Verbindungen mit einer Zwischenlandung. Alternativ bietet sich die tägliche Zugverbindung an - von Wien Westbahnhof um 22.12 Uhr mit Ankunft am Berliner Hauptbahnhof um 9.08 Uhr. Um 18.22 Uhr verlässt dieser Nachtzug Berlin in Richtung Wien. Die Berlin-Card, die auch als Fahrschein gilt, lohnt sich für jene, die viele Museen besuchen und die damit verbundenen Rabatte in Anspruch nehmen wollen. Informationen dazu und weitere touristische Angebote sowie aktuelle Veranstaltungen und Ausstellungen unter: www.visitberlin.de

    Air Berlin fliegt mehrmals täglich direkt von Wien nach Berlin, zusätzlich gibt es Verbindungen mit einer Zwischenlandung. Alternativ bietet sich die tägliche Zugverbindung an - von Wien Westbahnhof um 22.12 Uhr mit Ankunft am Berliner Hauptbahnhof um 9.08 Uhr. Um 18.22 Uhr verlässt dieser Nachtzug Berlin in Richtung Wien. Die Berlin-Card, die auch als Fahrschein gilt, lohnt sich für jene, die viele Museen besuchen und die damit verbundenen Rabatte in Anspruch nehmen wollen. Informationen dazu und weitere touristische Angebote sowie aktuelle Veranstaltungen und Ausstellungen unter: www.visitberlin.de

  • Das andel's Hotel Berlin liegt in Prenzlauer Berg, also einem jener Viertel, die noch vor wenigen Jahren als "alternativ" galten und nun die Gentrifizierung bereits hinter sich haben. Schön zu sehen ist dies an der stylischen Sky Bar mit beeindruckendem Blick über die östlichen Bezirke Berlins; oder auch an den beiden E-Autos, die Gästen zur ökologisch korrekten Fortbewegung zur Verfügung gestellt werden. Doppelzimmerpreise ab 103 Euro inklusive Frühstück. Die Adresse ist auch ein guter Ausgangspunkt für die Streetart-Stadtführungen mit Caro Eickhoff  Infos, Themen und Preise: www.streetart-fuehrungen.de
    foto: andel's hotel

    Das andel's Hotel Berlin liegt in Prenzlauer Berg, also einem jener Viertel, die noch vor wenigen Jahren als "alternativ" galten und nun die Gentrifizierung bereits hinter sich haben. Schön zu sehen ist dies an der stylischen Sky Bar mit beeindruckendem Blick über die östlichen Bezirke Berlins; oder auch an den beiden E-Autos, die Gästen zur ökologisch korrekten Fortbewegung zur Verfügung gestellt werden. Doppelzimmerpreise ab 103 Euro inklusive Frühstück. Die Adresse ist auch ein guter Ausgangspunkt für die Streetart-Stadtführungen mit Caro Eickhoff  Infos, Themen und Preise: www.streetart-fuehrungen.de

  • Deutschland ist heuer das Partnerland der Wiener Ferienmesse von 16. bis 19. Jänner 2014. Vor allem die Themen Unesco-Welterbe und nachhaltiger Kultur- und Naturtourismus wird die Deutsche Zentrale für Tourismus in den Fokus des Messeauftritts rücken. Zum historischen Ereignis „25 Jahre Mauerfall" bietet Berlin etablierte Angebote wie Radtouren auf dem Mauerweg, Besuche der ehemaligen Wachtürme, die East Side Gallery sowie eine Trabi-Fahrt in den Osten der Stadt. Am 9. November 2014 wird entlang des ehemaligen Mauerverlaufs eine Lichtinstallation als "Symbol der Hoffnung für eine Welt ohne Mauern" inszeniert.

    Deutschland ist heuer das Partnerland der Wiener Ferienmesse von 16. bis 19. Jänner 2014. Vor allem die Themen Unesco-Welterbe und nachhaltiger Kultur- und Naturtourismus wird die Deutsche Zentrale für Tourismus in den Fokus des Messeauftritts rücken. Zum historischen Ereignis „25 Jahre Mauerfall" bietet Berlin etablierte Angebote wie Radtouren auf dem Mauerweg, Besuche der ehemaligen Wachtürme, die East Side Gallery sowie eine Trabi-Fahrt in den Osten der Stadt. Am 9. November 2014 wird entlang des ehemaligen Mauerverlaufs eine Lichtinstallation als "Symbol der Hoffnung für eine Welt ohne Mauern" inszeniert.

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