Tanz mit doppeltem Boden

13. Jänner 2014, 07:24
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Choreografien von Oleg Soulimenko und "Donelle Woolford" im Tanzquartier Wien

Wien - Hinter dem, was wir wahrnehmen, verbirgt sich oft etwas anderes. Eine verschwiegene Geschichte zum Beispiel. Oder jemand, der uns etwas vorgaukelt. In seinem Stück The Dance I Don't Want To Remember, das im Tanzquartier Wien uraufgeführt wurde, will der Wiener Choreograf Oleg Soulimenko einige Geheimnisse des Tänzerlebens lüften.

Da gäbe es einiges zu erzählen. Denn jeder Tänzerauftritt baut auf unzähligen Erfahrungen auf. Diese hat Soulimenko zum Thema gemacht und gemeinsam mit Jasmin Hoffer, Milan Loviska, Evandro Pedroni, Olivia Schellander und Jan Wagner in eine choreografische Arbeit verwandelt. Eine nicht zu unterschätzende Aufgabe, wie sich jedoch herausstellte: Denn in Soulimenkos Potpourri aus Tanzszenen bleibt der Konflikt, der sich im Stücktitel ankündigt, verschleiert. Dafür erinnert eine Anmerkung im Programmheft an ästhetische Kämpfe von gestern; Soulimenko, heißt es da, bringe "den Tanz dahin zurück, wo er hingehört: ins Zentrum der Aufmerksamkeit". Das wiederum klingt etwas seltsam. Mehr denn je wird der Tanz ja heutzutage in allen Facetten gezeigt.

Trickreich war dann eine weitere Choreografie, die das Tanzquartier in einem seiner Studios vor Soulimenkos Stück in Kooperation mit der Akademie der bildenden Künste präsentierte: In Performer/Performer/Audience/Mirror, dem Re-Enactment einer Performance von Dan Graham (aus dem Jahr 1977), verkörpern die afro-amerikanischen Performerinnen Jennifer Kidwell und Abigail Ramsay die fiktive Künstlerin Donelle Woolford.

Das Duett wurde im Zusammenhang mit einem Symposium zum Abschluss der Akademie-Ausstellung I am another world aufgeführt. Es spannt einen grandiosen Bogen zwischen Realismus und Fiktionalisierung: Die von dem Künstler Joe Scanlan erfundene Donelle Woolford beschreibt ganz realistisch jede ihrer Bewegungen und dann auch einzelne Zuschauer. Schließlich wendet sie sich zum Spiegel und setzt die Beobachtungen, die sie anstellt, in Worte um.

Auch hier bleibt der Konflikt - in diesem Fall zwischen Erfindung und Wirklichkeit - aus. Das ist kein Wunder, denn: Alle Darstellung realer Begebenheiten ist durch deren Komplexität überfordert und braucht Verkürzungen und Fiktionen. Realistisch an diesen Darstellungen sind also die dafür notwendigen Erfindungen. Und die können gerade in der Kunst am deutlichsten sichtbar gemacht werden. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 13.1.2014)

  • Dynamische Tanzideen: Oleg Soulimenkos "The Dance I Don't Want To Remember" im Tanzquartier Wien. 
    foto: barsuglia

    Dynamische Tanzideen: Oleg Soulimenkos "The Dance I Don't Want To Remember" im Tanzquartier Wien. 

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