Das Burgtheater wird nicht zahlungsunfähig

13. Jänner 2014, 07:10
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Seit 2007, als noch Klaus Bachler Direktor war, verschlimmert sich Jahr für Jahr die finanzielle Situation der heute hochverschuldeten Burg

Wien - Die Nerven liegen blank. Niemand spricht offen über die Causa Stantejsky, niemand legt Fakten auf den Tisch oder bekennt Mitschuld ein. Georg Springer, Chef der Bundestheaterholding, hört sich die Fragen zwar an, die ihm gestellt werden, seine Antworten allerdings geben keinen Aufschluss. "Weiß ich nicht" oder "Nächste Frage!", sagt er mit leidgeprüftem Ton in der Stimme.

Tatsache ist: Bei der Erstellung des Jahresabschlusses für die Saison 2012/13 stellten die Wirtschaftsprüfer "Irregularitäten" in der Buchhaltung fest. In der Folge wurde Silvia Stantejsky, die Stellvertreterin von Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann, suspendiert und schließlich gekündigt. Denn bis zum 31. August 2013 hatte sie die Geschäftsführung innegehabt.

Das Mauern aber führt zu Gerüchten. Innerhalb der Bundestheater spricht man von einem "fatalen Krisenmanagement". Schon seit einem Jahr wisse man von den enormen finanziellen Problemen; man habe genügend Zeit gehabt, aber nichts getan, weil man auf "frisches Geld", Steuergeld natürlich, hoffte. Doch die Basisabgeltung für die Bundestheater wurde nicht erhöht - schon wieder nicht. Nun könne man sich, meinen manche, wohl nur mehr durch den Verkauf von Immobilien retten: besser das Familiensilber zu Geld machen, als neben ihm verhungern, lautet ein Ratschlag.

Ob die Causa Stantejsky eine unmittelbare Folge der Burgtheatermisere ist, wird sich erst herausstellen. Um die gesamte Tragweite verstehen zu können, muss man allerdings einen längeren Zeitraum überblicken. Denn die finanzielle Situation verschlechterte sich kontinuierlich.

Enorme Verbindlichkeiten

In der Bilanz zum 31. August 2006 werden Verbindlichkeiten in der Höhe von 4,8 Millionen Euro ausgewiesen, davon nur 200.000 Euro gegenüber Kreditinstituten. In der Bilanz 2007 steigt der Wert auf 5,76 Millionen (672.000 gegenüber Banken), 2008 auf 6,97 Millionen (1,72 Millionen gegenüber Banken), 2009 auf 13,62 Millionen (5,17 Millionen gegenüber Banken). Die Verbindlichkeiten hatten sich also in den letzten drei Jahren von Klaus Bachler verdreifacht. Zudem wurden die nicht gebundenen Rücklagen, die zuvor etwa 2,7 Millionen Euro betragen hatten, zur Gänze verbraucht.

Die Bilanz zum 31. August 2010, also nach dem ersten Hartmann-Jahr, weist ähnliche Summen aus: 13,64 Millionen an Verbindlichkeiten, davon 4,82 Millionen gegenüber Banken. 2011 stiegen diese auf 16,59 Millionen (7,48 Millionen gegenüber Banken). In der Bilanz zum 31. August 2012 sind sie ähnlich hoch (16,16 Millionen, davon 6,74 Millionen gegenüber Banken), aber nur deshalb, weil das Stammkapital von 13 Millionen Euro auf 9,35 Millionen Euro reduziert wurde.

Eine problematische Entwicklung gab es parallel dazu bei den "Aktiva": Der Wert der Produktionen stieg in den letzten Bachler-Jahren von 4,67 Millionen Euro in der Bilanz 2006 auf 5,63 Millionen (2007), 7,73 Millionen (2008) und 8,2 Millionen (2009), unter Hartmann auf 13 Millionen (2010) und sogar 14,62 Millionen (2011).

Wie es dazu kam? Die Investitionen wurden nicht auf die übliche Laufzeit einer Produktion verteilt, sondern auf fünf Jahre. Doch die Wirtschaftsprüfer und die Aufsichtsräte tolerierten den "Trick", zu dem man sich in der Not entschlossen haben dürfte. Bekanntlich jammerte Springer Jahr für Jahr, dass man mit der Basisabgeltung nicht das Auslangen finden könne - und dann kam das Burgtheater wie durch ein Wunder doch immer mit dem Geld aus.

Die neu bestellten Wirtschaftsprüfer akzeptierten die Aktivierung aber nicht: In der Bilanz zum 31. August 2012 wurde der Wert der Produktionen auf immer noch beachtliche 11,93 Millionen Euro reduziert. Auch wenn unter Hartmann die Erlöse von acht auf zehn Millionen Euro gesteigert werden konnten, hat sich die brenzlige Situation nicht gebessert.

Und nun kommt eben ein zweites Problem hinzu. Bei Stichproben stießen die Wirtschaftsprüfer auf Buchungen, die sich nicht zuordnen ließen, bzw. auf höhere Ausgaben, die Kogeschäftsführer Hartmann nicht abgesegnet habe, obwohl er aufgrund des Vier-Augen-Prinzips jede Rechnung über 10.000 Euro gegenzuzeichnen hat. Es soll auch zumindest eine Überweisung auf das Privatkonto von Stantejsky gefunden worden sein.

Laut deren Anwältin Isabell Lichtenstrasser handle es sich um Geld, das Stantejsky aus ihrem Privatvermögen dem Burgtheater vorgestreckt habe, so Profil. Dies klingt glaubwürdig: Wer Stantejsky kennt, kann sich einen Akt der Bereicherung nicht vorstellen.

Wie hoch die Summe der ungeklärten Buchungen ist, weiß man noch nicht. Sagt man jedenfalls. Die Überprüfung soll Mitte Februar abgeschlossen sein. Daher kommt es zu Verzögerungen, die den gesamten Konzern betreffen. In der Aufsichtsratssitzung, die für 22. Jänner anberaumt wurde, hätte die Geschäftsführung entlastet werden sollen. In der Folge hätte Springer eine konsolidierte Bilanz für die Holding erstellt. Dazu kommt es vorerst nicht.

Eine positive Meldung aber gibt es: Das Burgtheater ist nicht insolvent. Aufgrund des Cash-Poolings, der Liquiditätsbündelung, innerhalb des Konzerns fangen die anderen Häuser die Burg auf. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 13.1.2014)

  • Die Nebel lichten sich nur langsam - in der "Mutter Courage" und im Fall Stantejsky. 
    foto: apa/hans klaus techt

    Die Nebel lichten sich nur langsam - in der "Mutter Courage" und im Fall Stantejsky. 

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