Drogenkrieg und -frieden

12. Jänner 2014, 17:33
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Mehr als vier Jahrzehnte dauerte der "War on Drugs" in den USA. Zumindest an der Cannabis-Front stehen die Zeichen auf Frieden. 58 Prozent der Amerikaner sind für eine Freigabe von Handel und Konsum wie in Colorado und Washington

Wenn man so will, ist Bernard Noble der Kronzeuge dafür, was alles schiefgelaufen ist im "Krieg gegen Drogen" in den USA. Nach dem Hurrikan Katrina hatte der Lastwagenfahrer seine überflutete Heimatstadt New Orleans verlassen, und als er vor drei Jahren wiederkam, um seinen Vater zu besuchen, hielt ihn eine Polizeistreife an. Noble wurde durchsucht, in seinen Taschen fanden die Ordnungshüter ein kleines Säckchen mit Marihuana. Weniger als drei Gramm, aber genug, um ihn anzuklagen.

Weil Noble schon früher mit Rauschgift erwischt worden war, sollte er - nach den Statuten Louisianas die obligatorische Mindeststrafe - 13 Jahre Gefängnis erhalten. Der zuständige Richter hielt das Gesetz für so absurd, dass er es bei fünf Jahren Haft beließ. Worauf ein Staatsanwalt Einspruch einlegte und vorm Supreme Court des südlichen Bundesstaats recht bekam: Nur in ganz besonderen Ausnahmen, urteilte die höhere Instanz, dürfe ein Gericht von den Vorgaben abweichen. Und Bernard Noble, ein 47-jähriger Familienvater, galt nicht als solcher Ausnahmefall.

Stimmungswandel

"The War on Drugs" - über vier Jahrzehnte lang gelobten amerikanische Präsidenten drakonische Härte, um des Rauschgiftkonsums Herr zu werden. Richard Nixon bezeichnete ihn als nationalen Notstand, Ronald Reagan als Gefahr für die nationale Sicherheit. 1988 versprach Reagan, bis 1995 ein drogenfreies Amerika zu schaffen, woraus bekanntlich nichts wurde. Es war die Administration Bill Clintons, in der erstmals nachdenklichere Töne laut wurden. "Wenn ihr einen Krieg gegen Drogen führen wollt, setzt euch an euren Küchentisch und redet mit euren Kindern", empfahl Clintons Rauschgift-Zar, der General Barry McCaffrey.

Längst hat sich der Stimmungswandel auch in der Öffentlichkeit niedergeschlagen. Plädierten 1991 nur 17 Prozent der US-Bürger für die Legalisierung von Cannabis, so sind es laut Gallup-Umfrage inzwischen 58 Prozent.

So weit der Kontext, der vermuten lässt, dass die Lockerung der Restriktionen in Colorado nicht zur Eintagsfliege wird, sondern eher zur Blaupause für Nachahmer. In dem Rocky-Mountains-Staat dürfen die getrockneten Blüten und Blätter der Cannabispflanze, zum ersten Mal in den Vereinigten Staaten, seit heuer frei gehandelt werden - der Standard berichtete. Wer mindestens 21 Jahre alt ist, kann bis zu einer Unze (28 Gramm) kaufen. Noch im Frühjahr wird der Pazifikstaat Washington ähnlich liberale Regeln einführen, Kalifornien könnte bald folgen. Immerhin war es "Dreaming California", das selbsternannte Laboratorium der Zukunft, das 1996 den ersten Schritt zur Legalisierung von Marihuana tat, als es per Volksentscheid die medizinische Nutzung, vor allem als Schmerzmittel, erlaubte. 19 Bundesstaaten und der Hauptstadtbezirk District of Columbia halten es mittlerweile genauso. Der Bibelgürtel im Süden freilich setzt noch auf Härte.

Der Kulturkonflikt der Vereinigten Staaten prägt auch die Cannabis-Debatte, das Rock-Magazin Rolling Stone bringt es auf den Punkt: "Lässt du in Seattle ein Gramm 'Sour Diesel' fallen, wird dir vielleicht ein Polizist helfen, es aufzuheben. Mach das in New Orleans, und dir drohen zwanzig Jahre Haft."

Rassismus

Dennoch, zu den Stimmen, die Reformen das Wort reden, gehören auch solche, von denen man es nicht unbedingt erwartet hatte. "Wir sollten Marihuana nicht anders behandeln als alkoholische Getränke", empfiehlt der Baptistenpfarrer Pat Robertson, einer der einflussreichsten Fernsehprediger der konservativen Rechten. George Shultz, einst Reagans Außenminister, räumt schnörkellos ein, dass der Krieg gegen Drogen "einfach nicht funktioniert".

Der Status quo, so die weitverbreitete Einsicht, ist nicht länger haltbar, zumal er den Dauervorwurf rassistischer Diskriminierung laut werden lässt. Pro Jahr werden in den USA rund 750.000 Menschen wegen Cannabis verhaftet. Nach einer Studie der Bürgerrechtsliga ACLU geraten Schwarze fast viermal wahrscheinlicher ins Visier der Polizei, obwohl sie, so belegt es die Statistik, nicht mehr Marihuana konsumieren als Weiße. In Texas und New York, den Staaten mit den meisten Marihuana-Festnahmen, geht es in 97 Prozent aller Fälle weder ums Schmuggeln noch ums Dealen, sondern allein um Besitz. Der Marihuana-Feldzug, resümiert die ACLU, sei vor allem ein Krieg gegen dunkle Hautfarbe. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 13.1.2014)

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