Couragierte Ordensschwester gegen NS-Euthanasie

13. Jänner 2014, 05:30
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Ihr Widerstand gegen Zwangssterilisation und die NS-Euthanasie gilt als der mutigste Protest der katholischen Kirche gegen das Naziregime

Salzburg - Anna Bertha Königsegg setzte sich während des Nationalsozialismus vehement für Menschen mit Behinderung ein und ging dafür mehrmals ins Gefängnis. Anfang 1940 lehnt sich die Ordensoberin der Barmherzigen Schwestern für Salzburg und Tirol erstmals gegen die Machthaber auf, als das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" eingeführt wird. Sie gibt den 100 Ordensschwestern, die im Landeskrankenhaus tätig sind, die Weisung, bei Zwangssterilisationen nicht zu assistieren.

Im August 1940 wird der Oberin der Versorgungsanstalt Schernberg in einem Schreiben angekündigt, dass eine größere Anzahl von Behinderten verlegt werden soll. In einem Brief an den Salzburger Gauleiter, Friedrich Rainer, spricht sich Königsegg dagegen aus: "Es ist nunmehr ein offenes Geheimnis, welches Los diese abtransportierten Kranken erwartet, denn nur zu oft langt kurz nach ihrer Überführung die Todesnachricht vieler derselben ein." Sie macht den Vorschlag, auf staatliches Geld zu verzichten und die "Pfleglinge" auf eigene Kosten in Schernberg zu belassen. Für den Fall des Abtransports lehnt sie jede Mithilfe ab. Die Antwort folgt am 17. September 1940: Die Ordensoberin wird von der Gestapo verhaftet, nach elf Tagen wieder freigelassen.

Zwei weitere Briefe verfasst sie 1941, als rund 70 behinderte Kinder aus Mariathal bei Kramsach in Tirol "verlegt" werden sollen und der Abtransport der Schernberger Pfleglinge unmittelbar bevorsteht. Sie schreibt dem Gauleiter, sie müsse den Schwestern untersagen, dabei mitzuhelfen, "denn unser Gewissen verbietet uns, in dieser Aktion mitzuwirken".

Am 16. April wird Anna Bertha erneut verhaftet. Noch am selben Tag werden 262 Menschen aus Lehen in die Vernichtungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz verfrachtet, wenige Tage später auch die Pfleglinge aus Schernberg und Mariathal. Zwischen 1940 und 1945 wurden aus Salzburg insgesamt 434 Menschen mit Behinderung in NS-Euthanasieanstalten gebracht. Königsegg blieb vier Monate in Haft. Nach ihrer Entlassung musste die unbequeme Visitatorin Salzburg verlassen und sich auf das Gut ihres Bruders im deutschen Königseggerwald "in die Verbannung" begeben.

2013 hätte es den 130. Geburtstag von Anna Bertha Königsegg zu feiern gegeben, gleichzeitig jährte sich ihr Todestag zum 65. Mal. In Salzburg blieb das Gedenkjahr unerwähnt. Für Walter Reschreiter von der "Laube sozial-psychiatrische Aktivitäten GmbH" ist es unverständlich, "warum die Kirche nicht zeigt, es hat eine Frau gegeben, die massiv Widerstand geleistet hat". Der Halleiner SP-Vizebürgermeister kritisiert, dass das offizielle Salzburg keinen Anlass sehe, zu den Jahrestagen etwas zu machen, keine Gedenkveranstaltung zum katholischen Widerstand gegen die NS-Euthanasie, kein Königsegg-Preis für Zivilcourage oder Ähnliches.

Seit 1988 trägt eine 35 Meter lange Straße im Stadtteil Gnigl auf Anraten eines Anrainers ihren Namen. 1999 bekam Anna Bertha Königsegg eine Gedenktafel im Salzachgässchen, und auf Initiative der Lehrer wurde die Sonderschule für schwerstbehinderte Kinder in Taxham nach ihr benannt. Das Gedenken sei nur auf private Initiative geschehen, beklagt der Historiker Reschreiter. "Das liegt vielleicht am Salzburger Klima, dass man jemanden, der so mutig ist, gar nicht haben will."(Stefanie Ruep, DER STANDARD, 13.1.2014)

  • Anna Bertha Königsegg leistete Widerstand.
    foto: reschreiter

    Anna Bertha Königsegg leistete Widerstand.

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