Wie Facebook-Einträge einen Kredit verhindern können

11. Jänner 2014, 10:04
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Mit den persönlichen Daten lässt sich die Bonität eines Kreditnehmers weitaus besser bewerten

US-Kreditgeber durchforsten bei Darlehensanträgen zunehmend die sozialen Netzwerke. Das Kalkül: Mit den persönlichen Daten lässt sich die Bonität eines potenziellen Kreditnehmers weitaus besser bewerten. Für die Überprüften bedeutet das sowohl Segen als auch Fluch. Recherchen der Kreditunternehmen in sozialen Netzwerken können die Chancen eines Antragstellers nämlich sowohl aufhellen als auch verdüstern. Verbraucherschützer und Aufseher schlagen derweil Alarm.

Die Wagniskapitaltochter Ventures des Internetriesen Google finanziert teilweise die Kreditunternehmen, die das neue Konzept forcieren. Auch Accel Partners - ein Facebook -Investor der ersten Stunde - ist eingestiegen. Beide Firmen befassen sich mit den potenziellen Problemen. Beispielsweise könnte ein Kreditnehmer bei seinem Antrag ganz andere Informationen angeben als in den sozialen Netzwerken Linkedin oder Facebook. Die Angaben auf Linkedin und Facebook könnten sich ebenfalls widersprechen.

Gravierende Einschnitte

Für Kleinunternehmen ergeben sich mitunter gravierende Einschnitte. Eine schlechte Bewertung auf Ebay etwa dürfte die Chancen erheblich mindern, einen Kredit gewährt zu bekommen. Die umstrittene Praxis wird vor allem von Neueinsteigern unter den Kreditunternehmen benutzt. Aber das Konzept dürfte Schule machen. Das meint zumindest der US-Informationsdienstleister FICO, der den Kreditscore bei mehr als 90 Prozent aller Darlehensvergaben liefert. Das Unternehmen selbst erwägt, in seine Bonitätsnote künftig soziale Medien mit einfließen zu lassen. "Es könnte dazu kommen, dass die sozialen Medien starke Voraussagekraft haben und das betrachten wir. So weit ist es aber noch nicht", sagt Kreditspezialist Anthony Sprauve.

Alle Unternehmen, die Facebook und Co derzeit konsultieren, verleihen auch an Darlehensnehmer mit schlechter Kredithistorie oder keinem Bankkonto. Indem alternative Punktesysteme angewandt werden, könnten auch Menschen in den Genuss von Krediten kommen, die andernfalls außen vor bleiben, versichern die Institute. Gleichzeitig achte man streng darauf, nicht gegen US-Bundesrecht zu verstoßen.

Verbraucherschützer glauben nicht unbedingt an den Nutzen der neuen Bonitätsermittlung für Antragsteller. Sie verweisen auf die Gefahren. Dadurch erhöhe sich lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass Kreditnehmer ungerechtfertigter Weise kein Darlehen erhalten oder höhere Zinsen berappen müssen. Die Bundesgesetze hätten mit diesem Trend nicht Schritt gehalten.

Mix von Daten

Das auch als Lend Up bekannte Startup Flurish aus San Francisco ist auf den Zug aufgesprungen. Der Kreditgeber verwendet einen Mix von Daten, die Kreditbüros erheben, ebenso wie Informationen aus den sozialen Netzwerken. Neben der Kreditwürdigkeit soll gerade auch die Identität überprüft werden. Antragssteller willigen in die Überprüfung von Einträgen auf Facebook oder Twitter ein. Dadurch lässt sich laut Lend Up ein viel kompletteres Bild des Kreditnehmers zeichnen. Je mehr Daten verfügbar seien, desto mehr stiegen die Chancen auf Kredit. Die Antragssteller seien jedoch nicht gezwungen zuzustimmen, dass die Kreditunternehmen soziale Netzwerke nach ihnen ausforschen.

Die Unternehmen zapfen auch Ebay-Konten an

"Es ist nur ein Werkzeug bei Kreditverträgen", sagt Unternehmenschef Sasha Orloff. Lend Up wird von Firmen wie Google Ventures getragen und will im laufenden Jahr rund 300.000 Darlehen vergeben. "Haben Sie 4.000 Freunde, aber davon keine engen, oder haben Sie 30 Menschen, die wirklich zu Ihnen stehen? Es gibt immer Wege und Mittel, um zu messen, wie stark Ihre persönlichen Netzwerke sind." Aufseher beobachten den Trend sorgfältig. Die Verbraucherschutzbehörde für Finanzfragen CFPB ist sich nach eigenen Angaben der Bedeutung sozialer Medien bei der Bonitätsermittlung voll und ganz bewusst.

Die Unternehmen zapfen auch andere Daten an, darunter Paypal- und Ebay-Konten. Davon hängt vielfach nicht nur ab, ob ein Kunde überhaupt ein Darlehen erhält, sondern sogar ob Kreditlinien verlängert werden. Viele Kleinunternehmen gewähren der Firma Kabbage aus Atlanta freimütig Zugriff auf ihre Amazon-, Ebay oder Xero-Konten, um ihre Kreditwürdigkeit zu belegen. Antragssteller müssen mindestens ein solches Konto für die Unterschrift unter einen Kreditvertrag offenlegen. Kabbage hat seit Mai 2011 Kredite in Höhe von mehr als 150 Millionen Dollar verteilt.

Facebook, Twitter und andere soziale Medien werden mitunter auch berücksichtigt, wenn es um die Erhöhung eines Kredits geht. Das Unternehmen will wissen, was die Kunden der betroffenen Firma über deren Geschäft und Servicequalität zu sagen haben. So würde sogar die Zahl der "Gefällt mir"-Klicks auf Facebook mit einbezogen, bekräftigt Marketing-Chefin Victoria Treyger von Kabbage.

"Besteht sein Facebook-Netzwerk überwiegend aus Saufkumpanen von der Kneipe um die Ecke?"

Das deutsche Unternehmen Kreditech vergibt Mikrokredite in Polen, Russland, Spanien, Mexiko und Tschechien. Die Internetrecherche ist intensiv. Soziale Medien, Cookies, Browserverhalten und Smartphoneverwendung geben oft den Ausschlag für "Ja" oder "Nein" unter einer Kreditanfrage. Seit 2012 bearbeitete das Unternehmen rund 250.000 Anträge. "Nutzt jemand ein teures Handy wie zum Beispiel ein iPhone oder loggt er sich vom Internetcafé aus ein? Besteht sein Facebook-Netzwerk überwiegend aus Saufkumpanen von der Kneipe um die Ecke?" illustriert Sprecher Laurent Schuller die Herangehensweise. "All das kann eine wichtige Information sein."

Rein rechtlich müssen Kreditauskunfteien sicherstellen, dass eine Kredithistorie akkurat die Wirklichkeit widerspiegelt. Verbraucher können die Bewertung anfechten. Allerdings brauchen die Unternehmen, die bisher soziale Medien mit einfließen lassen, ihre Informationen nicht zu verifizieren. Der Grund: Sie geben die Informationen anders als Datendienstleister nicht an Dritte weiter.

Datenschutzvorbehalte

"Es gibt Datenschutzvorbehalte. Die Menschen verstehen nicht die Konsequenzen oder warum sie als unerwünscht eingestuft werden könnten", sagt Jeffrey Chester vom Washingtoner Center for Digital Democracy, das eine strikte staatliche Regulierung fordert.

Manche Verbraucher stoßen sich nicht daran, dass ihre Präsenz in sozialen Medien auf den Prüfstand kommt. Alternativen zu den FICO-Ratings können ihnen zu Krediten verhelfen. Das gilt vor allem, wenn sie nach FICO-Maßstäben eine sichere Ablehnung zu befürchten haben. Ein starker Auftritt im Internet kann Bedenken gegen einen Antragssteller zerstreuen. (WSJ.de/derStandard.at, STEPHANIE ARMOUR, 11.1.2014)

  • Sogar die "Gefällt mir"-Klicks auf Facebook sind wichtig ...
    foto: apa

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