Russisch-orthodoxe Kirche will Referendum über Schwulenverbot

10. Jänner 2014, 18:34
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Druck auf Homosexuelle nimmt in Moskau zu - Reaktion auf offenen Brief von Schauspieler

Moskau - In Russland werden immer lauter homophobe Forderungen geäußert: Der Sprecher der russisch-orthodoxen Kirche, Wsewolod Tschaplin, hat sich dafür ausgesprochen, ein Referendum über die Wiedereinführung von Strafen für homosexuelle Handlungen in Russland abzuhalten. "Die Mehrheit unseres Volkes und nicht irgendwelche äußeren Mächte sollte entscheiden, welche Handlung strafbar ist und welche nicht", zitiert die Tageszeitung Iswestija Tschaplin.

Er sei für eine vollständige Eliminierung homosexueller Kontakte in der Gesellschaft, sagte Tschaplin. "Wenn dies mit Mitteln moralischer Überzeugung gelingt, um so besser, wenn dafür die Einschaltung von Gesetzen nötig ist, dann lasst uns die Menschen befragen, ob sie dazu bereit sind", sagte Tschaplin, der als einer der einflussreichsten Kirchenfunktionäre unter dem Moskauer Patriarch Kyrill I. gilt.

Tschaplin reagierte damit auf eine Initiative des bekannten russischen Schauspielers und ehemaligen Geistlichen Iwan Ochlobystin. Dieser hatte einige Tage zuvor in einem offenen Brief an Präsident Wladimir Putin die Wiedereinführung der Strafbarkeit für homosexuelle Handlungen gefordert. Noch unter Stalin war Homosexualität unter Strafe gestellt worden und konnte mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden. Das Gesetz wurde erst 1993 außer Kraft gesetzt.

Einmischung ins Privatleben

Der Vorsitzende des russischen LGBT-Verbands, Igor Kotschetkow, nannte die Vorschläge amoralisch und juristisch unsinnig. "Die Bestrafung freiwilliger sexueller Handlungen bedeutet eine Einmischung ins Privatleben der Bürger", sagte Kotschetkow. Genauso gut könne man die Deutschen über die Wiedereinführung der Konzentrationslager abstimmen lassen, warnte er.

Die russische Gesellschaft gilt als mehrheitlich homophob. Einem Bericht des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum nach halten die Russen Homosexualität für eine Krankheit, die geheilt werden muss (34 Prozent), für die Folge schlechter Erziehung (23 Prozent) oder das Ergebnis von Unzucht (17 Prozent). Nur 16 Prozent der Befragten sehen die sexuelle Orientierung als angeboren an.

Im Sommer 2013 hat Präsident Putin ein Gesetz unterzeichnet, dass "homosexuelle Propaganda" unter Minderjährigen verbietet. Positive Äußerungen über Homosexualität in der Öffentlichkeit oder über die Medien stehen seitdem unter Strafe. (ab, DER STANDARD, 11.1.2014)

  • Teile der russisch-orthodoxen Kirche, der Kyrill I. (Mi.) vorsteht, wollen ein gesetzliches Verbot der Homosexualität.
    foto: epa/dumitru doru

    Teile der russisch-orthodoxen Kirche, der Kyrill I. (Mi.) vorsteht, wollen ein gesetzliches Verbot der Homosexualität.

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