Ein Requiem als Extrem-Triathlon

10. Jänner 2014, 18:28
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Guido van der Werve ist ein laufsüchtiger Video- und Performancekünstler sowie Pianist. In seiner Ausstellung "A war with oneself" in der Secession verwebt er alle Talente: Entstanden ist ein existenzielles Gedicht

Wien - Heimweh. Frédéric Chopin litt lebenslang daran, hatte er doch im Alter von 20 Jahren seine polnische Heimat verlassen, um als Pianist und Komponist überall in Europa aufzutreten. Mit dabei: ein Silberpokal gefüllt mit polnischer Erde. Aber die Sehnsucht vermochte dies nicht zu stillen; sie schlug sich auch in seiner Musik - etwa in Form verarbeiteter polnischer Volksweisen - nieder.

Als Chopin schließlich 1848 in Paris starb, hatte er seine Heimat nicht wiedergesehen. Seine Schwester erfüllte ihm den letzten Wunsch und schmuggelte sein Herz zurück nach Warschau, wo es in der Heiligkreuzkirche - mehr als 1500 Kilometer entfernt von seinem Leichnam - bestattet liegt.

Ebendort im Kircheninneren beginnt auch Guido van der Werves Video Nummer 14. Heimat (2012), untermalt von den ersten Takten eines Requiems. Aber in die Trauerstimmung mischt sich ein komisches Moment: Der Pianist des Orchesters ist vollständig in Neopren gehüllt. Wenige Momente später wird er vor der Kirche erscheinen, hinter der nächsten Kurve verschwinden und in die Weichsel springen. Mit "26,6 Kilometer" ist das erste Kapitel überschrieben, dem Betrachter beginnt es langsam zu dämmern.

Akt des Willens

Der niederländische Künstler (geb. 1977) wird die Strecke bis zum Grab Chopins in Paris Père Lachaise in Form eines Triathlons - eines siebenfachen Ironman - zurücklegen. Die Kamera begleitet diese Strapaze, diesen Akt des Willens und der körperlichen Anmaßung in bedächtigen Bildern, während das Requiem, eine Eigenkomposition van der Werves, voranschreitet. Dass seine Form des Sich-Flüchtens, des "Kopf-Freikriegens", sich mit dem Kompositionswunsch verband, war Zufall. Van der Werve, eine Sportskanone seit Kindertagen und seit 2007 laufsüchtig, begann zu dieser Zeit, Triathlons zu laufen. Plötzlich erkannte er, dass sowohl Triathlon als auch klassisches Requiem eine dreiteilige Struktur besitzen.

Obgleich man erwähnen muss, dass er bereits früher extreme körperliche Leistungen in seine Performances integriert hat: 2007 stand er ganze 24 Stunden reglos am Nordpol und lief eine gefühlte Ewigkeit vor dem Bug eines Eisbrechers her; 2011 umrundete er zwölf Stunden lang sein Haus, was der Distanz von zweieinhalb Marathons entsprach.

Das handwerklich perfekte Video, dem man allein ob des Hörerlebnisses, Hauptraum statt Vestibül der Secession gegönnt hätte, webt noch zwei andere Charaktere hinein: den zeitlebens fern der Heimat Feldzüge ausführenden Alexander den Großen und den Künstler selbst. "Heimisch fühle ich mich nirgendwo", sagt dieser, der im Film sein Elternhaus, ein beengtes niederländisches Reihenhaus, aufsprengt. Der Film sei eine Metapher, in der es um Disziplin, ums Getriebensein, um Anstrengungen geht, die wie das Laufen eigentlich nirgends hinführen: "Die Dauer wird zum Ziel." Es geht um die Absurdität der Anstrengung vor dem Hintergrund eines sinnlosen Daseins. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 11./12.1.2014)

Bis 19.1.

  • Guido van der Werve brennt für ein aus nihilistischer Perspektive sinnloses Dasein. 
    foto: van der werve

    Guido van der Werve brennt für ein aus nihilistischer Perspektive sinnloses Dasein. 

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