Pornografie, der große böse Wolf

Leserkommentar10. Jänner 2014, 18:15
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Verbote helfen im Umgang mit Pornografie recht wenig

Der österreichische Journalist und Autor Jakob Steinschaden veröffentlichte vor kurzem ein Interview mit dem israelischen Genderforscher Ran Gavrieli, der sich selbst auf Porno-Entzug setzte und seine Erfahrungen in einem TedX-Auftritt kommunizierte. Er bezeichnet Pornografie als "digitale Prostitution", deren Kunde er nicht mehr sein will und beklagt weiters die durch Pornos veränderte Wahrnehmung der Geschlechterrollen hin zu einem Modell der Unterordnung und Gewaltherrschaft.

Wow. Pornografie, der große böse Wolf in einer pornografiesüchtigen Gesellschaft? Es ist Zeit für eine differenziertere Wahrnehmung.

Sexueller Ausdruck oder Einschränkung?

Ich gehe einher mit der Feststellung, dass das Internet überschwemmt wurde mit billig produzierten, an den Bedürfnissen der Männer orientierten Pornos. Der deutsche Sexualtherapeut Christoph Joseph Ahlers spricht in einem "Zeit"-Interview von einem weltweiten Feldversuch ohne Ethikkommission." Sollte man Pornos aber nun einfach nicht mehr ansehen? Ganz so einfach ist es nicht: Komplexe Zusammenhänge werden reduziert auf einen "Bösewicht", der allumfassend die Schuld tragen soll.

1. Pornografie ist Entertainment, Fiktion - hergestellt von einer Industrie mit Businessmodellen, die einer enormen Marktdynamik und Konkurrenz ausgesetzt sind. Pornos werden nicht zur Sexualerziehung produziert oder um unsere romantischen Gefühle zu stimulieren. Vor allem konnten Sie unser Bild davon prägen, wie Sex auszusehen hat, weil es schlecht um unsere Aufklärung steht. "Pornografie trifft in Österreich auf eine Leerstelle", gibt die Sexualpädagogin Kerstin Pirker in einem Interview an. Für Kids sind pornographische Darstellungen die ersten Bewegtbilder, die sie von Sex haben - sie bleiben für sich alleine stehen, da die Sprachlosigkeit und Konzeptlosigkeit punkto Sexualerziehung keine weiteren Entwürfe vorschlägt.

Sexuelles Selbstbewusstsein

Nur Menschen, die im realen Leben sexuell selbstbewusst auftreten und sexuelle Grundkompetenzen aufbauen konnten, finden auch im Internet Lust und Erfüllung. Aber kann man die Pornoindustrie für Versäumnisse in der Aufklärung verantwortlich machen? Eine Erhebung ergab beispielsweise, dass in österreichischen Schulbüchern selbst die biologischen Grundlagen schlecht erklärt werden, der Orgasmus der Frau kommt darin erst gar nicht vor.

2. Im Interview geht Gavrieli auf die negative Auswirkung von Pornografie auf die Mainstream-Kultur und die Wahrnehmung von Geschlechterrollen ein.

Die Pornoindustrie wird von Männern dominiert, die Filme für Männer produzieren. Auch die Vertriebskanäle liegen in ihrer Hand; sie sind alternativen Produktionen meist verschlossen, wie Pornoregisseurin Petra Joy in ihrem Buch "Die Pornografin" beschreibt. Frauen werden als rasierte Barbies mit riesigen Brüsten, Männer als ewig-geile muskelbepackte Machos mit riesigem Penis kommuniziert.

Rollenstereotype

Diese einschnürenden Rollenstereotype bekommen Menschen aber schon bei ihrer Sozialisation eingeimpft: Frauen sind auf Hingabe, Männer auf Eroberung reduziert. Frauen haben eher sanft zu sein, Männer aggressive Alphatiere. Frauen sind durch Passivität und Emotionalität charakterisiert, Männer durch Kontrolliertheit und Aktivität. Die Mainstream-Pornografie von heute ist ein Ausdruck dieser Kultur und Teil eines kapitalistischen Systems, das untrennbar mit dem Patriarchat verflochten ist.

3. Ran Gavrieli hat ein Problem mit der Kommerzialisierung von Sex, er bezeichnet dies als "digitale Prostitution". In der Sexarbeit überwiegt das Bild des Mannes als Ausbeuter, Täter und Vergewaltiger; die Frau als ewiges Opfer. Wie tief verwurzelt ist dieses Bild vom (Abhängigkeits-) Verhältnis zwischen Mann und Frau, wenn jeder pornographische Akt als Einzementieren eines Machtgefälles betrachtet wird, in der Menschen keine autonomen Subjekte sind?

4. Ran Gavrieli's Meinung nach gibt es auch "gute" Pornos - und zwar Filme mit künstlerischem Anspruch. Der sexuelle Akt als Tanz gut gelaunter Geschlechter, voller Emotion und Romantik? Gut gemachte Pornos bedingen keinen künstlerischen Touch, sie stellen Sex, männliche und weibliche Lust ausgewogener dar und kommunizieren eine vielfältigere Bandbreite von Sex. Die Darstellerinnen sind starke, sexuell emanzipierte Frauen, die ihre Sexualität ausleben; und das hat nicht immer mit Romantik zu tun.

Online-Schranken als Lösung?

Diskussionsbeiträge wie von Ran Gavrieli sind Wasser auf den Mühlen der PornogegnerInnen. Gefordertes Mittel gegen den "großen bösen Wolf": Online-Schranken. Dadurch werden zwar auch sinnvolle Initiativen wie Aufklärungsseiten geblockt - aber hey, für so ein großes Ziel sind Kollateralschäden doch hinnehmbar, oder?

Sexualkunde und Medienkompetenz

Durch reine Verbote wird allerdings die Entwicklung einer sexuellen Grundkompetenz nicht gefördert. Daher stimme ich Ran Gavrieli in diesem Punkt zu: Sexualkunde, die bestenfalls auch die Themen Medienkompetenz und Körperideale miteinschließt, sollte zu einem fixen Bestandteil jugendlicher Ausbildung gehören. Dazu gehört das Entwickeln einer sprachlichen Kompetenz, die zu einer offenen Diskussion zu Sexualität einlädt. Erst damit geben wir jungen Menschen die Fähigkeiten mit, die sie brauchen, um eine gesunde Einstellung zu ihrer Sexualität und zu ihrem Körper zu erlangen. (Leserkommentar, Anja Herberth, derStandard.at, 10.1.2014)

Mag. (FH) Anja Herberth bloggt unter www.gosensual.at zu Erotik und Sexualität.

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Twitter: @go_sensual

Nachlese: Ein Leben ohne Pornos

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