"Echten Menschen wird Unsauberes unterstellt"

Interview10. Jänner 2014, 16:34
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Ein familienfeindliches Klima beklagt Sophie Karmasin: Die neue Familienministerin will variablere Kinderbetreuung - und Neo-Väter nicht nur am Stammtisch feiern sehen

STANDARD: Es gab breiten Protest gegen die Auflösung des Wissenschaftsministeriums zugunsten eines Familienministeriums. Haben Sie ein gutes Gegenargument?

Karmasin: Das habe ich sehr wohl. Alle demografischen Untersuchungen zeigen, dass wir immer älter werden, aber zu wenige Kinder bekommen. Stärken wir die Familien nicht, kommt uns der Wohlstand abhanden - das ist eine Zukunftsfrage, die nicht nur größere Ausgaben, sondern auch ein eigenes Ministerium rechtfertigt.

STANDARD: Ausbau der Familienbeihilfe, Investitionen in die Kinderbetreuung: Das ist doch eh schon alles auf Schiene.

Karmasin: Nicht so, wie ich mir das vorstelle. Ich bin nicht mit allem einverstanden, was der alte Vorschlag zur Reform der Familienbeihilfe beinhaltet. Das Schulstartgeld darf nicht abgeschafft werden. Ich will diese jährlich im September ausbezahlten 100 Euro für Sechs- bis 15-Jährige erhalten - weil der Schulstart für Eltern nicht nur eine zeitliche und psychische, sondern auch finanzielle Belastung ist. Außerdem könnte es statt der geplanten Erhöhung künftig eine Valorisierung der Familienbeihilfe geben.

STANDARD: Also eine jährliche Anpassung an die Teuerung?

Karmasin: Jährlich wird sich aus Budgetgründen wohl nicht ausgehen. Es soll aber eine regelmäßige Valorisierung geben, die beim ersten Mal über der aktuellen Inflationsrate liegen soll. Die Alternative ist eine einmalige Erhöhung der Familienbeihilfe. Ich werde mich nächste Woche auf eine Variante festlegen, mehr als die geplanten 200 Millionen pro Jahr darf die Reform aber nicht kosten.

STANDARD: Und was soll bei der Kinderbetreuung anders laufen?

Karmasin: Mir ist wichtig, nicht nur in Krippen, Kindergärten und die anderen Institutionen zu investieren, sondern auch individuelle und flexible Konzepte auszubauen - Stichwort Tagesmütter.

STANDARD: Ab welchem Alter ließen Sie Ihre zwei Söhne betreuen?

Karmasin: Von Anfang an, weil ich gleich nach der Geburt wieder zu arbeiten begonnen habe, wenn auch nicht die volle Zeit. Betreuung gab es aber eben in verschiedenen Varianten: Großeltern, Schwiegermutter, Au-pair-Mädchen, eine pensionierte Mitarbeiterin, die sehr froh über diese Aufgabe war - und die klassischen Einrichtungen. Jedes Kind hat andere Bedürfnisse, ich kann nicht alle ab zwei in den Kindergarten stecken - und aus.

STANDARD: Gelten Sie da manchen in der ÖVP nicht als "Rabenmutter"?

Karmasin: Das ist leider das Zeichen unserer Zeit, dass nicht jedes Familienkonzept auf Akzeptanz stößt - und genau das will ich ändern. In fünf Jahren will ich Stereotype wie "Rabenmutter" und "Hausmütterchen" oder - für die Männer - "Warmduscher" nicht mehr hören. Alle Konzepte sollen nicht nur möglich, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert sein: Will eine Frau sechs Jahre daheimbleiben, ist das ebenso okay wie Betreuung ab dem ersten Jahr.

STANDARD: Ist ein Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung das Fernziel?

Karmasin: Das ist eine interessante Idee, die sich aber nicht von heute auf morgen umsetzen lässt. Dafür bräuchte es noch große Investitionen in die Kinderbetreuung.

STANDARD: Gleichzeitig gibt es aber auch ÖVP-Pläne für einen steuerlichen Kinderfreibetrag, der 2,5 Milliarden kosten würde.

Karmasin: Meine Priorität haben die Familienbeihilfe und die Kinderbetreuung, der Kinderfreibetrag steht auch nicht im Regierungsprogramm. Die prognostizierten Kosten sind weit weg von dem, was im Moment im Budget möglich ist. Aber es geht nicht nur um Geld, sondern auch um das Klima, das familienfeindlich ist. In Dänemark wähnen sich 90 Prozent der Bevölkerung in einem familienfreundlichen Land, in Österreich nur 31 Prozent. Das liegt stark an der Mentalität - auch in Unternehmen. Oft gilt immer noch als Maß aller Dinge, wie lange jemand am Schreibtisch sitzt.

STANDARD: Der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel will sich zwischendurch freinehmen, um sich um seine Tochter zu kümmern ...

Karmasin: ... und prompt wurde über ihn hergezogen. Dabei will er nur seine Tochter aus der Kindertagesstätte abholen - unglaublich, dass das nicht zulässig ist.

STANDARD: Wie legen Sie das an?

Karmasin: Abgesehen von Ausnahmefällen will ich mir das Wochenende freihalten und auch sonst am Abend zu Hause sein, um mit meiner Familie zu essen und mich mit den Schulübungen der Kinder zu beschäftigen. Es wäre absurd, wenn Politik nur dann funktionieren darf, wenn man die Familie über Bord wirft.

STANDARD: Beteiligt sich Ihr Mann auch an der Kinderbetreuung?

Karmasin: Freilich, sogar sehr gut. Als die Kinder ganz klein waren, hat er sich zum Beispiel jede Woche zwei Tage freigenommen.

STANDARD: Sollen Väter auch in der Privatwirtschaft Anspruch auf einen Papamonat bekommen, um Zeit mit einem Neugeborenen zu verbringen?

Karmasin: Viele Studien belegen, dass sich Männer später stärker um die Kinder kümmern, wenn sie früh eingeschaltet werden - und nicht bloß mit den Kumpels am Stammtisch die Geburt des Kindes feiern. Deshalb ist der Papamonat eine gute Idee, aber die rechtlichen und finanziellen Details gehören noch geklärt. Auf die Variante will ich mich noch nicht festlegen, das wird im Zuge des neuen Kinderbetreuungsgeldkontos ein Thema werden ...

STANDARD: ... laut dem Eltern das gesamte Kindergeld auf einmal ausbezahlt bekommen und über die Karenzzeit frei entscheiden.

Karmasin: Das ist die Idee, aber auch hier sind noch viele Details offen. Klar ist: Es soll eine echte Wahlfreiheit geben.

STANDARD: Birgt volle Wahlfreiheit nicht die Gefahr, dass Frauen zu lange zu Hause bleiben und so aus dem Arbeitsmarkt rausfallen?

Karmasin: Das kann ein Nachteil sein. Aber letztlich soll jeder selbst entscheiden können - ohne stigmatisiert zu werden.

STANDARD: Ihr eigener Jobwechsel sorgt für Debatten: Es gibt Zweifel, ob Ihr Meinungsforschungsinstitut öffentliche Aufträge erhalten darf - obwohl Sie Ihre Anteile Ihrem Mann abgetreten haben.

Karmasin: Rechtlich gibt es kein Problem, das ist juristisch abgesichert. Ich stelle aber nun ein für alle Mal klar: Es wird keine Aufträge aus öffentlicher Hand an meinen Mann geben. Ärgerlich ist die Debatte trotzdem. Ständig heißt es, dass "echte" Menschen aus der Wirtschaft in die Politik wechseln sollen. Jenen echten Menschen, die das tun, wird dann aber gleich Unsauberes unterstellt.

STANDARD: Zum Abschluss zu einem ressortfremden Thema ...

Karmasin: ... der Schule!

STANDARD: In der ÖVP tobt eine Debatte über die Gesamtschule ...

Karmasin: ... in die ich mich garantiert nicht einmische. Persönlich kann ich dazu nur sagen: Meine Kinder gehen in ein öffentliches Gymnasium, und das ist gut so. Darüber hinaus enthalte ich mich hier einer Bewertung, weil ich parteifrei bin.

STANDARD: Wird Ihnen die ÖVP nicht demnächst ein Eintrittsformular auf den Tisch legen?

Karmasin: Nein, das ist klar ausgemacht und war eine Bedingung von mir: Ich werde kein Parteimitglied und keine Berufspolitikerin. (Gerald John und Peter Mayr, DER STANDARD, 11.1.2014)

Sophie Karmasin (47) aus Wien studierte Psychologie und BWL und übernahm in der Folge die Motivforschungsagentur ihrer Eltern Fritz und Helene. Von der ÖVP nominiert, ist sie seit Dezember Familienministerin.

  • Ministerin Karmasin will partout nicht in die ÖVP eintreten - und erhebt Forderungen, die dort umstritten sind: "Der Papamonat ist eine gute Idee."
    foto: standard/hendrich

    Ministerin Karmasin will partout nicht in die ÖVP eintreten - und erhebt Forderungen, die dort umstritten sind: "Der Papamonat ist eine gute Idee."

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