"Lockerheit bis zu gewissem Moment"

Interview10. Jänner 2014, 16:35
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Österreichs Herren sind erstmals aus eigener Kraft bei einer Handball-EM dabei. Teamchef Patrékur Johannesson verfügt wohl zum letzten Mal über eine goldene Generation

Standard: Ihre Mannschaft hat sich als erste seit beinahe 40 Jahren in einer olympischen Sommersportart der Herren für eine EM qualifiziert. In der Vorbereitung wurden Deutschland und Russland in Dortmund besiegt. Österreich gehört also der Elite an. Müssen Sie die Euphorie bremsen?

Johannesson: Ich lasse mir keinen Druck machen. Die Testspiele darf man nicht überbewerten. Wenn die Vorbereitung insgesamt passt, dann muss das Geschehen am Feld entscheiden. Ich kann kein Tor schießen, aber ich kann gute Ratschläge geben. Wir sind stabiler geworden, letztendlich zählt aber nur das erste Spiel der Europameisterschaft.

Standard: Dort trifft Österreich zunächst auf Tschechien. Danach geht es gegen Gastgeber Dänemark und gegen Mazedonien. Was erwartet Rot-Weiß-Rot?

Johannesson: Die Tschechen sind sehr gut, haben mit Filip Jicha, Pavel Horák und Tormann Petr Stochl Weltklasseleute. Dänemark ist als Team wohl stärker als wir. Aber wenn wir das Spiel schon vorher abschreiben, können wir auch gleich im Hotel bleiben und ihnen die Punkte überlassen. Das werden wir aber nicht machen. Wir haben Respekt, sollten uns aber auch nicht kleinreden. Welchen Platz wir schlussendlich erreichen? Es kann alles passieren.

Standard: Wie muss Österreich spielen, will es in die Hauptrunde?

Johannesson: Jeder Trainer der Welt wünscht sich eine aggressive Abwehr, einen guten Torwart und schnelle Gegenstöße. Ob wir dann in eine 5-1-, 3-2-1- oder 6-0-Deckung spielen ist wurscht. Ich verlange von meinen Spielern keinen Sieg. Ich verlange aber, dass sie alles geben.

Standard: Was entspricht am ehesten ihrer Handballphilosophie?

Johannesson: Meine Hauptarbeit liegt in der Vorbereitung. Wir haben natürlich ein System, ich will aber, dass meine Spieler mitdenken und im Spiel auf Veränderungen reagieren können. Und ja, wir brauchen eine gute Torhüter-Leistung. Alle Titelgewinner der letzten Jahre hatten große Torleute. Daran hat sich nichts geändert.

Standard: Wie würden Sie die Mischung und das Miteinander im österreichischen Team beschreiben?

Johannesson: Wir haben ein sehr gutes Klima. Ich will Lockerheit bis zu einem gewissen Moment. Im Team herrscht gesunde Konkurrenz, die Jungen machen Druck auf die Routiniers. Und die brennen immer noch auf Spielzeit.

Standard: Muss sich Handball-Österreich fürchten, wenn die goldene Generation abtritt?

Johannesson: Wir haben einen guten Kern. Ich hoffe aber, dass noch mehr junge Spieler nachrücken, wenn die Älteren in zwei oder drei Jahren weg sind. Sollten wir den Zuschlag für die Heim-EM 2020 bekommen, dann wird es einen Fünfjahresplan geben und ein neues Team aufgebaut werden.

Standard: Sie waren selbst Profi: Ist der Handball der 1990er Jahre mit dem heutigen vergleichbar?

Johannesson: Natürlich nicht. Als ich noch spielte, war das Stand-Handball. Heute hast du nach einem Tor des Gegners einen schnellen Anwurf, immer mehr Spieler sind mehr als zwei Meter groß und trotzdem unglaublich schnell. Bei der Athletik hat Österreich Defizite, das muss sich ändern.

Standard: Kapitän Viktor Szilágyi ist am Knöchel verletzt. Ist er noch immer das Um und Auf im Team?

Johannesson: Jeder weiß, was Viktor kann. Ich bin aber ganz entspannt, weil wir mit Vitas Ziura einen weiteren Weltklassespieler auf dieser Position haben. Seine Arbeit in Angriff und Abwehr wird total unterschätzt. Es wundert mich, warum er nie bei einem Topverein in Deutschland gelandet ist. Er ist genauso gut wie Viktor Szilágyi.

Standard: Die Handball Liga Austria ist in Europa kein Gassenhauer. Was muss sich verändern, dass erfolgreiche Qualifikationen keine Besonderheiten mehr sind?

Johannesson: Ich würde mich natürlich freuen, wenn weniger Legionäre verpflichtet würden. Die isländische Liga hat weniger Geld und Legionäre als die HLA, ist aber vom Niveau her absolut vergleichbar. Die österreichische Nationalmannschaft hatte in den letzten Jahren schöne Erfolge gefeiert, aber man muss auch an die Zukunft denken.

Standard: In Ihrer Heimat hat der Sport einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Was hat Island Österreich voraus?

Johannesson: Sport spielt in der isländischen Politik eine große Rolle. Wo ich wohne, in Garbabaer, haben wir 12.000 Einwohner und drei Sporthallen. Die Leute sind bereit, für die Infrastruktur Steuern zu zahlen. Reich sind wir trotzdem nicht. Im isländischen Handballverband arbeiten drei Leute. Es ist aber trotzdem kein Wunder, dass hier immer wieder gute Spieler produziert werden. Wir haben viele qualifizierte Jugendtrainer und das Interesse ist da. Alle Spiele Österreichs vom jüngsten Vier-Nationen-Turnier in Deutschland wurden in meiner Heimat live gezeigt, in Österreich lief gar nichts. Ich lese in isländischen Zeitungen mehr über mich als hier in Österreich.

Standard: Im Fußball undenkbar, sind Sie auch Klubtrainer in der "Olis Deildin", der isländischen Liga, betreuen den Tabellenführer Haukar. Wie ist das mit dem Job als Teamchef vereinbar?

Johannesson: Das funktioniert sehr gut. Die Arbeit als Nationalteamtrainer reicht mir nicht, ich brauche Handball jeden Tag. Österreich hat aber klar Vorrang. Während der EM übernimmt mein Co-Trainer in Island. Mit einem Trainerjob in Deutschland ginge das nicht. Ein aktuelles Angebot von Magdeburg habe ich abgelehnt. Mir bleibt aber Zeit zum Scouten, in Österreich habe ich fast alle Vereine besucht. In der heutigen Zeit könnte ich aber wohl auch in China arbeiten und mir trotzdem alle Spieler übers Internet anschauen. (Florian Vetter, DER STANDARD, 11./12. 1. 2014)

Patrékur Johannesson (42) ist vierfacher Familienvater. Er hat 15 Jahre professionell Handball gespielt, sieben Jahre davon bei TUSEM Essen. Er trug 243 Mal das Dress der isländischen Nationalmannschaft und werkt nach einer ersten Station als Trainer in der zweiten deutschen Bundesliga bei TVE Emsdetten seit dem September 2011 als Nationalteamtrainer Österreichs.

  • "Ich kann kein Tor schießen, aber ich kann gute Ratschläge geben."
    foto: apa/hochmuth

    "Ich kann kein Tor schießen, aber ich kann gute Ratschläge geben."

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