Andere Blicke auf Migration

13. Jänner 2014, 16:17
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Wenn Differenz zur Normalität wird und der Anspruch vorherrscht, dass Integration zunehmend zum Alltag gehört, dann braucht es einen differenzierteren Blick auf und einen vielschichtigeren Umgang mit Migration

Wirtschaft gilt gegenüber Gesellschaft und Politik als Bereich, in dem Integration leichter, gewinnbringender und zielführender gelingt. Die vorliegende Serie widmet sich Fragen der Migration mit Fokus auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt und zeigt neue Wirkungszusammenhänge auf:

  • Migration - zentraler Ansatz der demografischen Entwicklung. Aktuell haben 1,58 Mio. Menschen in Österreich (19 Prozent der Bevölkerung) Migrationshintergrund, 14 Prozent wurden auch im Ausland geboren. Das Bevölkerungsszenario weist bis 2030 einen Rückgang von 2,5 Prozent auf 8,1 Mio. ohne weitere Zuwanderung sowie ein Plus von acht Prozent auf neun Mio. unter Berücksichtigung der Zuwanderung auf. Seit langem ist klar, dass die demografische Entwicklung entscheidend von einer gelingenden Integration und Zuwanderung abhängen wird. Unzählige Initiativen haben die Basis für ein positives Integrationsklima gelegt. Oft fehlen jedoch ganzheitliche und in der Fläche umsetzbare Lösungsansätze.
  • Sowohl-als-auch anstelle von Entweder-oder. Integrationsmuster der Zuwanderer können sich je nach Herkunftsland und -kultur unterscheiden. Bisher wurde Integration generell aus Sicht der Mehrheitsbevölkerung betrachtet. Die Einbindung der Betroffenen selbst fehlt in vielen Bereichen nach wie vor.
  • Integration in der 360-Grad-Perspektive. Migration ist eine Querschnittsmaterie, die in Alltags-, Verwaltungs- und Gesellschaftsbereiche hineinreicht. Recruiting von Mitarbeitern erfordert etwa die Erfassung der Unterschiede in Lebensentwürfen aufgrund von Wertewelten und Milieus. Als eine Kerndimension des Diversity-Managements ist Migration in der Ausprägung Ethnie selbst von allen relevanten Fragen in Bezug auf Alter, Gender-Diversity oder Religion betroffen.
  • "Erfolgsfaktor Vielfalt" widerspricht dem Image der Integration. Eine vielzitierte McKinsey-&-Company-Studie zum Beitrag gemischter Teams für den Unternehmenserfolg lässt glauben, dass Vielfalt in den Unternehmenshierarchien angekommen ist. Dabei steht hier die Gender-Diversity im Mittelpunkt und zieht andere Diversity-Aspekte nicht in Betracht. Ein Drittel der Österreicher sehen Migranten generell als benachteiligt, nur ein Drittel der Betroffenen selbst erlebt ein subjektiv negatives Integrationsgefühl, die große Mehrheit fühlt sich angenommen und gut integriert.
  • Lebensglück, Organisationskultur und Migration. Eine Studie des WIIW - des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche - wirft die Frage auf: "Bleibe ich, weil ich glücklich bin, oder bin ich glücklich, weil ich bleibe?" Die tiefergehende Erforschung der Grundbedürfnisse, der Lebens- und Karriereziele von Migranten wäre vielfach eine Grundlage für die erfolgreiche Arbeitsmarktintegration und das Verständnis der Transformation von Organisationen. Die individuelle Definition von Erfolg und Lebensglück und der aus kulturellen und persönlichen Potenzialen resultierende Mehrwert können erst in der Summe den Erfolgsfaktor Vielfalt in Unternehmen und Gesellschaft Realität werden lassen. (Petra Gregorits, DER STANDARD, 11./12.1.2014)

Petra Gregorits leitet PGM research consulting. Diversity-Management ist einer ihrer Themenschwerpunkte an der Schnittstelle zwischen Demografie und Zielgruppenforschung.

Link:

www.pgm-research.at

  • Petra Gregorits.
    foto: pmg

    Petra Gregorits.

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