Sonnenstürme und Kommunikationsstörungen im Laufe der Jahreszeiten

10. Jänner 2014, 17:19
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Von Julya Rabinowich

Wir sind eine grenzenlose Kommunikationsgesellschaft, wir überwinden Kontaktstörungen mit der Leichtigkeit eines nach Erdnüssen bettelnden Affen. Wir sind offen, immer erreichbar und nie besetzt wie ein seit geraumer Zeit ungeputztes Gasthausklo. Wir zahlen angeblich wenig, aber im Endeffekt viel: Das weihnachtlich neueste Handy mit dem unverschämt codierten neuesten Weihnachtstarif entpuppt sich oft als faules Osterei. Rätselhafte Abrechnungen spielen die Geheimnisse von Atlantis abgesehen davon locker an die Wand. Im Zweifelsfall ist bei dem zuständigen Betreiber niemand erreichbar oder niemand zuständig und jedenfalls niemand verantwortlich. Was man an Schleuderpreisen bei angeblichen Freiminuten zu ersparen gedenkt, kommt als Amen im Gebet in zombiehafter Wiederkehr über Gebühren, Fehlverrechnungen, Zusatzabgaben, SIM-Karten-Gebühren, und wie die Geißeln der Menschheit sonst noch so heißen, wieder hinein.

Bei der Aufzählung biblischer Plagen der Postmoderne hat man bedauerlicherweise bis jetzt auf die Kommunikationsanbieter und deren Werbeideen und Vermarktungsstrategien vergessen. "Mogelpackung" nannte man das früher, mittlerweile heißt es: "marktüblich". Ein Anbieter bietet seit Monaten keinen ausreichend garantierten Empfang an, aber das sind angeblich nur Anfangsschwierigkeiten. Man zahlt also brav für SIM-Karte, Jahresabrechnung, Freiminuten und anderes, kommt aber nie in den Genuss, diese ausreichend zu nutzen. Feine Sache. Wenn ich einen Schinken kaufe, will ich ihn auch essen und nicht nach dem ersten Biss wieder in der Auslage angucken. Window-Shopping mit echter Abrechnung stinkt. Ein anderer Anbieter preist ein Internetprodukt an, das man anstecken und lossurfen kann, so unglaublich einfach wäre das gewesen. "Wäre" ist das Stichwort, denn der Stick ließ sich nicht in Betrieb nehmen: von mir nicht, von einem computeraffinen Freund nicht, vom Telefonhiasl des Betreibers nicht ("Rufen Sie unsere kostenpflichtige Technik-Hotline an" ) und auch nicht vom hilfsbereiten Gratistechniker des Elektromarktes. Nach zwei Tagen lüfteten sich die Nebel: die SIM-Karte war 2014 veraltet. Verkauft wurde sie Ende Dezember 2013. Ohne Vorwarnung. Der Betreiber weigerte sich standhaft, das bereits bezahlte Surfvolumen auf einem anderen Stick freizuschalten. Könnt' ja jeder kommen. Irgendwann war ich nicht mehr höflich in meinen Umgangsformen. Geradezu unkommunikativ. Passenderweise war ein Sonnensturm angesagt, der beim Auftreffen auf die Erde die Kommunikation empfindlich stören könnte. Bei einigen herrscht offensichtlich das ganze Jahr über Sonnensturm: Die einen zahlen dafür und die anderen werden bezahlt. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 11./12.1.2014)

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