Weltbild-Insolvenz: Österreich-Tochter nicht betroffen

10. Jänner 2014, 18:31
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Deutschland: Keine Einigung auf weitere Finanzierung

München/Wien - Die katholische Kirche schickt ihren deutschen Verlags- und Buchhandelskonzern Weltbild in die Pleite. Die Mitarbeiter des Weltbild-Verlages in Salzburg Sie sind von der Insolvenz des deutschen Mutterkonzerns nicht betroffen, unterstrich die österreichische Niederlassung am Sonntag in einer Aussendung. "Alle Geschäftsfelder des Multichannel-Medienhändlers werden weitergeführt", so Geschäftsführerin Angela Schünemann.

Der am 10. Jänner in Deutschland gestellte Insolvenzantrag betreffe ausschließlich die Verlagsgruppe Weltbild in Augsburg, aber nicht die Gesellschaften in Österreich und der Schweiz. "Weltbild Österreich ist ein gesundes Unternehmen und schuldenfrei. Das Ergebnis des letzten Weihnachtsgeschäfts liegt über dem des Vorjahres. Nach Informationen vom Freitag kommt bereits diese Woche die nächste geplante Warenlieferung für die Filialen. Die Liquiditätslage der österreichischen Gesellschaft ist direkt nach dem erfolgreichen Weihnachtsgeschäft gut", so Schünemann. Die Anzahl der Aufträge im Onlineshop sei im Dezember, dem wichtigsten Verkaufsmonat des Jahres, 9,91 Prozent über dem Vorjahr gelegen

Nach Infos aus Deutschland sind neben der Österreich-Tochter von der Insolvenz auch die Filialen, die Internet-Tochter bücher.de sowie das Unternehmen in der Schweiz zunächst nicht betroffen. Die Österreich-Tochter erzielte laut Homepage zuletzt mit 27 Filialen und Versandgeschäft einen Jahresumsatz von 86 Millionen Euro und beschäftigt rund 200 Mitarbeiter.

Unerwartet hohe Verluste in Deutschland

Angesichts unterwartet hoher Verluste drehten die deutschen Bistümer und die Hausbanken dem Unternehmen mit 6.300 Beschäftigten den Geldhahn zu. Weltbild stellte daraufhin am Freitag Insolvenzantrag beim Amtsgericht am Firmensitz in Augsburg.

Weltbild ist in Deutschland mit seinem Partner Hugendubel der zweitgrößte Buchhändler nach Thalia und mit seinen Online- und E-Book-Angeboten ein wichtiger Rivale des US-Konzerns Amazon. Das bayerische Unternehmen hat das Tempo des digitalen Umbruchs in der Branche unterschätzt.

Der Geschäftsbetrieb soll nun unter dem Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz fortgeführt werden, der Sanierungsmöglichkeiten prüft. Der Wirtschaftsprüfer aus Neu-Ulm wurde als Insolvenzverwalter der Drogeriekette Schlecker bekannt.

Keine Einigung auf weitere Finanzierung

Weltbild-Chefsanierer Josef Schultheis hatte zuvor einen Bericht des "Handelsblatts" bestätigt, wonach sich die Eigner nicht auf eine Finanzierung verständigen konnten. An Weltbild beteiligt sind der Verband der Diözesen Deutschlands, zwölf einzelne Diözesen und die Soldatenseelsorge Berlin.

Die katholische Kirche verteidigte ihre Weigerung für weitere Finanzspitzen. Die Bemühungen, das Unternehmen wieder zum Erfolg zu führen, seien leider fehlgeschlagen, teilte der Generalvikar des Erzbistums München und Freising, Peter Beer, mit. Beer ist Aufsichtsratschef bei Weltbild. In den kommenden drei Jahren hätten bis zu 160 Millionen Euro zusätzlich aufgebracht werden müssen, um die Sanierung umzusetzen. Zudem müsse für die Entschuldung ein weiterer dreistelliger Millionenbetrag angesetzt werden.

Kritik von Gewerkschaft

Ein derart hoher finanzieller Aufwand könne angesichts verbleibender Unsicherheiten nicht verantwortet werden. Die Gesellschafter bedauerten diese Entwicklung sehr. "Die Gesellschafter stehen in dieser schwierigen Situation zu ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern", sagte Beer. Man werde Mittel zur Abfederung sozialer Härten bereitstellen. Die deutsche Gewerkschaft Verdi kritisierte die katholische Kirche scharf.

Zerrieben wird Weltbild seit Jahren zwischen den Moralvorstellungen der Kirche und wirtschaftlichen Zwängen. So hatte der Medienkonzern wie andere Anbieter auch esoterische und sexuell anzügliche Bücher in seinem Sortiment und zog sich damit den Unmut seiner Eigner zu. Jüngstes Paradebeispiel sind die von Kritikern als pornografisch gewerteten Bestseller der Reihe "Shades of Grey". "Das würden wir als frauenverachtend bezeichnen - ökonomisch kann man darauf aber nicht verzichten, wenn man gegen Amazon bestehen will", sagte eine Person aus den Kreisen der Weltbild-Eigner gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Umsatzrückgang

Zuletzt hatten die Eigentümer mangels Käufern versucht, Weltbild in eine Stiftung zu überführen. Diese Lösung scheiterte, nachdem das Geschäft im zweiten Halbjahr 2013 unerwartet schlecht gelaufen ist. Eigner und Kreditgeber wollten nach Unternehmensangaben überraschend kein Geld mehr zuschießen. Ein wesentlicher Auslöser hierfür sei ein Umsatzrückgang in den Monaten Juli bis Dezember gewesen - obwohl das Weihnachtsgeschäft unerwartet gut gelaufen sei. "Das auch für die nächsten drei Jahre erwartete geringere Umsatzniveau verdoppelt den Finanzierungsbedarf bis zur Sanierung", hieß es in einer Mitteilung.

Ein Hoffnungsträger von Weltbild ist das E-Book-Lesegerät Tolino, nach Amazons Gerät Kindle die Nummer zwei im deutschen Markt. Weltbild hatte sich dafür mit Thalia, Hugendubel, Club Bertelsmann und Deutsche Telekom verbündet, die nach eigenen Angaben ein Drittel des deutschen E-Book-Marktes auf sich vereinigen. Der Tolino verkaufte sich bereits mehrere hunderttausend Mal und bietet nach Unternehmensangaben mit rund einer halben Million Bücher das größte Sortiment in deutscher Sprache. Doch dieses Projekt verschlingt viel Geld, wie auch der Ausbau des Online-Handels, während das Geschäft in den Filialen schrumpft. Der Konzern erwirtschaftete zuletzt einen Jahresumsatz von 1,6 Milliarden Euro. (Reuters, 10.1.2014)

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