Sorry, Mrs. Manning

10. Jänner 2014, 14:49
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"Das Glück ist ein Fohlen", sagte der Tiger und verlor ein drittes Mal in Serie. Das Super Bowl-Märchen schlägt nach einer aufregenden Wildcard-Runde sein zweites Kapitel auf

Was war das für ein Wochenende!? Die Wild Cards starteten mit einem Tornado von einem Spiel in den Samstag, der zwar in Folge ein wenig nach ließ, in Summe aber blies es den Fans dreieinhalb richtig gute Playoff-Spiele in die Wohnzimmer, Kneipen und auf die Tribünen.

Kansas City gegen Indianapolis ist heute bereits ein Klassiker. Die zweitgrößte Aufholjagd der NFL-Geschichte, die gleichzeitig Veredelung und Bürde für Andrew Luck darstellt, kostete nicht nur Nerven, sondern mir auch ein Smartphone, welches ich, als enthusiasmiertes Springinkerl im Keller des Cafe Benno mit meinem Hinterteil in die ewigen iGründe beförderte. iOS vs. Knackarsch und am Ende die totale Verappleung der Chiefs.

Dem Quarterback der Indianapolis Colts unterliefen zahlreiche Fehler im Spiel, die er mit teils genialen, teils glücklichen Aktionen kompensieren konnte. Luck, das in dem Fall auch dem Tüchtigen gehörte, wobei die Chiefs alles andere als faul waren. Sie hatten, neben dem sympathischen Unvermögen einen Vorsprung von 28 Punkten im dritten Quarter nicht verwalten zu können, auch einiges an Unglück zu verkraften, was sie am Ende, um einen lächerlichen Punkt, eben nicht konnten. Neben Runningback Jamaal Charles fielen Head Coach Andy Reid Starter im Minutentakt aus. Irgendwann stand er, das stets nachdenkliche Walross, mit stoischer Miene an der Sideline und schien sich zu fragen: „Wen habe ich noch? Und was kann ich mit dem Personal eigentlich noch spielen?“

Das Ausscheiden hat am Ende auch etwas Befreiendes für die Kansas City Chiefs. Sie müssen nicht mit einer B-Mannschaft nach Foxborough zu den New England Patriots. Es ist nun der Ausflug der Colts, die mit einem neuen Wissen nach Massachusetts reisen, eines welches auch zu den fünf Tibetern des Duos Belichick/Brady gehört: „Wir können ein für alle verloren geglaubtes Spiel noch drehen!“ Ich bin gespannt, ob sich diese Haltung im Divisional Playoff durchschlägt und mentale Stärke auf mentale Härte im Gillette trifft. Mein Tipp: Overtime, NE.

Es läuft sich besser in den Playoffs

Unter der Aufregung dieses Auftaktspiels litt dann ein wenig die Nachtschwärmerei zwischen Philadelphia und New Orleans. Ein Spiel, dessen Klasse sich mir erst in der Wiederholung eröffnete, war man doch noch mental geplättet vom Geschehen davor und den 89 Punkten. Die Eagles konnten zwar ihren Plan, Drew Brees möglichst lange vom Feld fernzuhalten, nicht umsetzen, dafür zwei Turnovers durch Picks erzielen. Die Saints reagierten und agierten schlau, nahmen sich des Shady McCoy gut an und konnten auch mit der Offense die Eagles am Boden kontrollieren. 185 zu 85 Yards Rushing sprechen eine recht deutliche Sprache und sind Zahlen, die man vorher eher umgekehrt erwarten konnte, hatte Philadelphia auch die laufstärkste Offense (160 Yards im Saisonschnitt) und New Orleans eine der schwächsten (92).

So verdichtete sich alles auf einen letzten Drive der Saints bei einer Führung von zwei Punkten für die Eagles. Die Vorentscheidung fiel bereits beim Kick-Return, denn zu einem an sich schon langen Return von Darren Sproles kam noch eine 15 Yards-Strafe wegen eines Horse Collars dazu. Die Saints starteten so an der gegnerischen 48 ein humorloses und zeitverschwenderisches Pflichtprogramm über drei First Downs und weitere 34 Yards. Aus kurzer Distanz besiegelte Kicker Shayne Graham dann das Schicksal Philadelphias und bescherte den Seinen eine Reise nach Washington. Das C-Link in Seattle gehört nun aber eher nicht zu den bevorzugten Destinationen von New Orleans. Vor sechs Wochen wurden die Saints eben dort mit einer 7:34 Ohrfeige wieder nach Haus geschickt, 2010 bestritt man an der Stelle ein Wildcard-Spiel, welches die Seahawks, damals noch ganz ohne Russell Wilson, im Biest-Modus von Marshawn Lynch gewannen. Das sieht auf den ersten Blick gar nicht so gut aus für New Orleans und eigentlich tut es das auch nicht auf den zweiten. Die Seahawks sind außerdem jene 50 Prozent, die von meinem Super Bowl-Tipp (CIN-SEA) übrig geblieben sind, daher werden sie ins Conference Final vordringen. Mein Tipp: +2TDs SEA.

1-AND-DONE, das Wunschkennzeichen des Tigers

Der Sonntag begann dann mit einer herben Enttäuschung für Liebhaber bengalischer Tiger. Das Mitleid muss sich aber in Grenzen halten, denn die Bengals verdienten sich erneut kein Divisonal Playoff. Nach drei Jahren Versuch und Irrtum, sollte nun langsam klar sein, dass Andy Dalton, der immer wieder auch zauberhafte Spiele einstreut, insgesamt aber nicht der Mann sein wird, der Cincinnati in eine Super Bowl führen kann. Das wird nicht passieren, der Junge ist dafür einfach nicht gebaut. Dieser grausliche Totalausfall vor eigenem Publikum war zwar in der Form nicht ganz vorhersehbar, aber durchaus bezeichnend und zumindest keine riesige Überraschung den Erfahrungen der letzten Jahre nach. Selbst wenn es überhaupt erst die erste Heimniederlage der Bengals in der Saison war, sie kam halt genau dann, als sie keiner in Ohio benötigte. Zum dritten Mal in Folge gingen die Bengals ins Playoff, zum dritten Mal dauerte dieses genau ein Spiel lang für sie. Nach drei Wild Cards lässt sich neben drei Niederlagen auch noch folgende Bilanz ziehen: Cincinnati erzielte 33 Punkte, mit der Offense zwei Touchdowns, Andy Dalton ist verantwortlich für sieben Turnovers. Es ist gemein und verallgemeinernd Niederlagen an einem Mann fest zu machen, aber Cincinnati hat eine 1A-Defense, ein funktionierendes Laufspiel, eine gute O-Line und mit AJ Green einen der besten Wideouts der Liga. Also was? General Manager wissen in solchen Fällen eigentlich, wo der Hebel anzusetzen ist.

Der beste Regular Season Quarterback aller Zeiten

Das alles soll die Leistung der nun in der Phase der Saison formidablen Chargers nicht schmälern. So einfach wie die Sache für Denver, auf diese sie nun treffen, auf den ersten Blick aussieht, so schwierig wird die Aufgabe für den kommenden Liga-MVP Peyton Manning und seine Broncos, sieht man mal genauer hin.

Denver hat im Vergleich zu San Diego (9-7) das weit bessere Sieg-Niederlage Verhältnis (13-3) im Grunddurchgang vorzuweisen. Manning gilt als Mastermind und Perfektionist, sein Gegenüber Philip Rivers „nur“ als Spielmacher der gehobenen Mittelklasse. Die Denver Broncos sind als Organisation eine Vorzeige-Franchise, die San Diego Chargers gelten als „schlampiges Talent“ an der Grenze zu Mexiko. Das alles kann und muss man für dieses Playoff-Spiel aber völlig vergessen, denn es gibt neben dem Favoritendasein und dem Heimvorteil auch ein paar ganz unangenehme Tatsachen für die Mannen aus den Rockies.

Die San Diego Chargers haben eben als einziges Team ihr Spiel in der Wild Card-Runde klar gewinnen können und sind nun seit fünf Partien ungeschlagen. Darunter fällt auch der Sieg über die Denver Broncos am 12. Dezember in deren Stadion. Die „Bolts“ wissen also, wie man auf Mile High die Broncos zähmt, denn sie haben es vor kurzem gerade getan. Zieht man das alles in Betracht, dann sieht die Sache doch eher nach einer Fifty-Fifty als nach einer klaren Angelegenheit aus.

Ich erinnere mich gerne an einen sehr warmen Winter 2009 in San Diego zurück. „Mrs. Manning“ stand am 3. Jänner vor mir auf der Tribüne, denn es war NFL-Playoff Football im „Q“ angesagt und zu Gast waren die 11-5 Indianapolis Colts mit „ihrem Mann“ als Quarterback. San Diego, mit einem schwer angeschlagenen LaDainian Tomlinson, gewann in der Overtime dank – siehe oben bei PHI-NO – Darren Sproles. Auch 2014 wird Manning, der beste Regular Season Quarterback aller Zeiten, im Playoff straucheln. Eventuell auch fallen, darum sage ich jetzt schon: Sorry, Mrs. Manning.

"Quest for Six" seit 19 Jahren

Zum Abschluss durften die 49ers bei den Packers ran. Die Ausgangslage war klar, denn abgesehen von der Wetterprognose sprach alles für San Francisco. Ganz so kalt wie angekündigt wurde es dann nicht, dafür konnte man sich für das Spiel mehr erwärmen als vorab befürchtet. Green Bay startete katastrophal ins Spiel, die Gäste schlugen daraus nur wenig Kapital und ließen den Gegner am Leben, der zwischenzeitlich zwei Mal in Führung ging. Bei 20:20, ähnlich der späteren Partie am Vortag, setzten die Gäste zu einem letzten Drive an, der die Entscheidung durch einen Kicker bringen sollte. Nach braver Vorarbeit durch den ehemaligen Packers-Fan und heutigen Niners-Spielmacher Colin Kaepernick, sorgte Phil Dawson für eine Verlängerung des Goldrausches. Sehenswertes gab es davor auch von den Packers zu bewundern, Aaron Rodgers' Entfesselungskünste reichten aber nicht für einen Aufstieg in die nächste Runde. John Kuhn und sein Lambeau-Leap-FAIL beschreiben die Saison der Packers sinnbildlich ganz gut. Man durfte zwischendurch hoffen und jubeln, beim Sprung nach oben war die Schwerkraft aber der Packers Feind. G'sund werden, dann bleibt die NFC North auch weiterhin in der Hand Wisconsins. Freudentränen für San Francisco flossen u.a. auch bei den Anhänger Chicagos, wo das Ersatzhandeln sich nun zum Langzeit-Programm entwickelt. Jay Cutler wurde bis zum Jahr 2020 gebunden. Erstaunlich das.

San Francisco, das sich selbst auf „der Suche nach Sechs“ erklärt (weil - für alle unter 45-Jährigen bemerkt - 5 x Super Bowl Champion, als Digitalfotografie noch Neuland war), gastiert damit bei Carolina. Die Panthers haben die Kalifornier heuer bereits ein Mal geschlagen, knapp aber doch mit 10:9 im Candlestick Park. Ich meine aber, dass Carolina nicht in der Lage sein wird, die nun bereits seit sieben Spielen andauernde Serie der Niners zu stoppen. Mein Tipp: +1TD SF, die im Conference Final dann aber ihre „Quest“ um ein zwanzigstes Jahr verlängern werden.

Johnny geht dann mal in die NFL

Abseits des Playoffs sorgte die Meldung für Aufsehen, dass Johnny Manziel, Quarterback am College von Texas A&M, in den NFL-Draft 2014 gehen wird. Das ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil der Jungspund gerade zwei Jahre bei den Aggies aufgeigte und theoretisch noch bis zu zwei weitere bleiben dürfte, sondern er eine ähnlich polarisierende Persönlichkeit wie Tim Tebow ist. Das Polarisieren ist dann aber schon die einzige Gemeinsamkeit. Während Tebow ein massiv gebauter Kirchgänger mit einem Nudelarm ist, geht Manziel lieber zum Wirten, kann dafür werfen, sieht mit 1,85m und 95kg jedoch nicht zwingend wie ein NFL-Athlet aus. Was ihn nicht daran hinderte, am College für Furore zu sorgen. Sein Spiel, welches häufig vom ursprünglichen Plan abweicht und durch Improvisation sehr jazzig daher kommt, ist ebenso amüsant und aufregend anzusehen, wie freilich auch völlig inkompatibel mit den Vorstellungen von NFL-Coaches. Man darf gespannt sein, wer sich zutraut, Johnny tatsächlich Football beizubringen. Eventuell muss er sein Stammlokal gar nicht wechseln, denn die Houston Texans von nebenan hätten den ersten Pick im Draft und auch einen veritablen Bedarf an einem Quarterback. Egal was die anderen sagen, ich will den Buben sehen. Wer die Chick-fil-A Bowl sah, der kann das vielleicht nachempfinden.

Fernschauen, jetzt dann!

Die anstehenden Divisional Playoffs sind allesamt im TV auf SPORT1 US oder im Web via NFL Game Pass zu verfolgen. sat1 steigt bei den Samstagspielen um 00:20 sein. PULS 4 zeigt am Sonntag (12. Jänner ab 22:25 Uhr) die Partie Denver-San Diego live im TV und im Webstream. Mit dabei als Studioexperten sind bei Christian Nehiba die Herren Shuan Fatah (Head Coach Swarco Raiders) und Herr Referee Bojan Savicevic. Ich darf, zusammen mit Michael Eschlböck, die Hochland-Partie dann mit Sauerstoff anreichern. (Walter Reiterer - derStandard.at 10.1. 2014)

NFL PLAYOFF BILD

  • AFC Divisional Playoff

#1 Denver Broncos vs. #6 San Diego Chargers

#2 New England Patriots vs. #4 Indianapolis Colts

  • NFC Divisional Playoff

#1 Seattle Seahawks vs. #6 New Orleans Saints

#2 Carolina Panthers vs. #5 San Francisco 49ers

  • Wild Card Runde

#3 Cincinnati Bengals vs. #6 San Diego Chargers 10:27

#4 Indianapolis Colts vs. #5 Kansas City Chiefs 45:44

#3 Philadelphia Eagles vs. #6 New Orleans Saints 24:26

#4 Green Bay Packers vs. #5 San Francisco 49ers 20:23

  • Mrs. Manning vor mir. 2009 hing der Haussegen schon schief, als "ihr Gatte" gegen San Diego als Verlierer heimkehrte. Das Geschehen könnte sich Sonntagabend wiederholen.
    foto: reiterer

    Mrs. Manning vor mir. 2009 hing der Haussegen schon schief, als "ihr Gatte" gegen San Diego als Verlierer heimkehrte. Das Geschehen könnte sich Sonntagabend wiederholen.

  • Wenn Smartphones nach einem Wildcard-Spiel so aussehen, dann war dieses entweder richtig gut, oder ganz mies. Foto: Walter Reiterer/instagram

  • Die Handyrettung der 49ers war aber zur Stelle. Und jetzt schreibe ich sie schon wieder im Conference Final ab
    foto: handyrettung.at

    Die Handyrettung der 49ers war aber zur Stelle. Und jetzt schreibe ich sie schon wieder im Conference Final ab

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