Christie gibt sich in Bridgegate-Affäre ahnungslos

9. Jänner 2014, 22:35
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Mitarbeiterin des Gouverneurs von New Jersey verursachte wohl aus Rache folgenschweres Verkehrschaos

Wollte man eine Liste der berüchtigten Nadelöhre des amerikanischen Straßenverkehrs anlegen: die George Washington Bridge rangierte ziemlich weit oben. Die Blechlawine, die sich auf ihr über den Hudson quält, von New Jersey Richtung Manhattan und umgekehrt, kommt nur selten über Schritttempo hinaus.

Im Schatten des Brückenriesen liegt Fort Lee, eine Schlafstadt für New-York-Pendler. Und was in Fort Lee los gewesen sein muss, als der Highway zur Washington Bridge an vier Tagen im September bis auf eine Spur gesperrt wurde, kann man sich ausmalen, wenn man eine E-Mail des dortigen Bürgermeisters liest. "Helft bitte! Es lässt einen wahnsinnig werden", flehte Mark Sokolich bei der Hafenbehörde, die in New York und Umgebung für die gesamte Infrastruktur zuständig ist.

Vier Monate später wird die Sache zum Politikum: Es geht um die Frage, ob sich Chris Christie, der Gouverneur des Staates New Jersey, an einem aufsässigen Lokalpolitiker rächte, indem er einen Megastau organisieren ließ.

Wohlgemerkt, die Rede ist vom aktuell größten Hoffnungsträger der Republikaner. Nicht nur, dass sich "Big Boy", wie ihn seine Parteifreunde nennen, Chancen ausrechnet, 2016 für die Präsidentschaft zu kandidieren. Ausgestattet mit beachtlichem Redetalent, versteht er es vor allem, sich über die Parteiengräben zu erheben und den pragmatischen Problemlöser zu geben, allein der Sache verpflichtet. Die Note kommt an beim Wähler der Mitte. Umso gründlicher droht "Bridgegate" Christie jetzt die Tour zu vermasseln, denn die Staatsanwaltschaft ermittelt nun.

So wie TV-Figur Soprano

Der Brückenschlag über Parteigrenzen hinweg, war das alles nur Inszenierung? Wer ist wirklich der Mann hinter der Fassade? Ein kleingeistiger Tyrann? Es gibt Stimmen, die vergleichen ihn mit Tony Soprano, New Jerseys berühmtester TV-Serienfigur: einem Mafiapaten, der belohnte und bestrafte, wie es ihm gerade gefiel.

Allein schon die Übertreibung macht klar, was mit dem Brückenskandal alles auf dem Spiel steht. Begonnen hatte es im August, mit einer E-Mail, die Bridget Anne Kelly, Christies stellvertretende Stabschefin, an David Wildstein schickte, einen alten Freund des Politikers, mittlerweile aufgestiegen auf einen Spitzenposten der Hafenbehörde. "Zeit für ein paar Verkehrsprobleme in Fort Lee?", schrieb Kelly, nachdem Sokolich, besagter Bürgermeister, für die herbstliche Gouverneurswahl nicht Christie empfohlen hatte, sondern dessen Rivalin, die Demokratin Barbara Buono. "Verstanden", erwiderte Wildstein. Vier Wochen später waren zwei von drei Fahrstreifen dicht, nach offizieller Version wegen einer unaufschiebbaren Studie. Schulbusse waren unpünktlich, Krankenwagen blieben trotz Blaulichts stecken. In einem Fall starb eine Frau, die lange auf die Rettung warten musste.

Als fast nichts mehr ging in Fort Lee, poppte bei Wildstein die E-Mail eines Mitwissers auf: "Ist es falsch, dass ich lächle?", fragte ein vorläufig noch Unbekannter, nachdem Sokolich sein Leid über die Kinder in den verspäteten Schulbussen geklagt hatte. Darauf Christies Freund: "Nein, das sind die Kinder von Buono-Wählern." Auf einer eilends anberaumten Pressekonferenz gab der Gouverneur gestern die sofortige Entlassung Kellys bekannt, nachdem er sich bei den Bürgern New Jerseys entschuldigt hatte. "Ich bin schockiert über die erbärmliche Dummheit, die sich hier zeigte." (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, 10.1.2014)

  • Chris Christie, Gouverneur von New Jersey und republikanischer Hoffnungsträger, zeigt nun im "Bridgegate" -Skandal mit dem Finger auf seine Mitarbeiter.
    foto: reuters/reed

    Chris Christie, Gouverneur von New Jersey und republikanischer Hoffnungsträger, zeigt nun im "Bridgegate" -Skandal mit dem Finger auf seine Mitarbeiter.

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